Im Osten

Wikinger in Rußland

Wikinger auf dem Gebiet des heutigen Rußland? Das erscheint nur schwer vorstellbar, ist aber wahr. Denn während sich die norwegischen und dänischen Wikinger vorwiegend nach Westen und Nordwesten wandten, erschlossen sich die Schweden den Osten als ertragreiche Handelsmöglichkeit.

Es gab zu dieser Zeit schon etliche slawische Handlesorte an den Ostseeküsten, wie z.B. Arkona auf Rügen, Rostock, Oldenburg, Wollin und Kolberg. Wollin hat dabei besondere Bedeutung: Es war ein slawisches Kulturzentrum, in dem es auch einen Tempel gab, und wurde von den Wikingern “Jomsburg” genannt. Dort soll es einen skandinavischen Kriegerbund gegeben haben, in den nur die härtesten aufgenommen wurden, die sogenannten Jomswikinger.

Es ist verständlich, daß sich viele der skandinavischen Händler in diesen Siedlungen niederließen und von dort aus ihre Geschäfte fortsetzten. Das läßt sich vor allem oft anhand von Gräbern beweisen, deren Art und Beigaben nicht selten wikingischer Natur sind.

Doch eine noch bedeutendere Rolle für den Handel spielten die zahlreichen russischen Flüsse, auf denen Waren über weite Strecken transportiert werden konnten. Man fuhr mit seinen Schiffen durch den Finnischen Meerbusen in den Ladogasee und dann in die Mündung des Wolchow. Flußaufwärts ging es dann weiter, vorbei an den enorm wichtigen Handelsstützpunkten Staraja Ladoga (Alt-Ladoga) und Nowgorod am Ilmensee. Dann fuhr man die Lowat hinauf. Nun galt es, die Schiffe auf verschiedenen kleinen Flüßchen in den Dnjepr hinüberzuschaffen, was teilweise nur auf dem Landweg möglich war. Hierzu waren die Wikingerschiffe mit ihren flachen Rümpfen und dem vergleichsweise niedrigen Gewicht besonders gut geeignet. Man legte dazu Baumstämme unter, auf die man die Schiffe schob. Nun wurden sie von hinten geschoben und mit Seilen über die Rollen gezogen, bis man sie wieder ins Wasser setzen konnte. Diese Technik mußte an zahlreichen Schleppstellen im russischen Flußsystem angewandt werden.

Nach dem Übersetzen auf den Dnjepr (bei Gnezdowo) konnte man an Kiew vorbei bis ins Schwarze Meer weiterfahren. Und von dort aus war es dann auch nicht mehr allzu weit zu einer der bedeutendsten Städte der damaligen Zeit: Byzanz, das spätere Konstantinopel (heute Istanbul), die Hauptstadt des oströmischen Reiches. Doch dazu später mehr.

Man konnte aber auch vom Ladogasee aus die Wolga hinauf fahren, wodurch man zum sehr bedeutenden Handelszentrum Bulgar kam. Dort wurde Handel mit den östlichen Völkern betrieben, auch die bekannte Seidenstraße ging von dort aus nach China. Man hat viele vergrabene Münzschätze in der Umgegend entdeckt. Selbst weiter in den Orient, nach Bagdad, konnte man von dort aus kommen. Allerdings wurde im Jahr 969 die Handelsroute von Bulgar zum Ostseeraum (also auf der Wolga) durch Fürst Swiatoslav von Kiew angegriffen, um die Konkurrenz dort verschwinden zu lassen. Dies schädigte wahrscheinlich nicht nur Bulgar erheblich, sondern trug möglicherweise auch zum Untergang der großen Handelsorte Haithabu und Birka an der Ostsee bei.

Von Osten nach Westen gab es einen weiteren Handelsweg, und zwar über die Oka. Über ihn konnte dann wieder der Dnjepr bei Smolensk und Gnezdovo erreicht werden.

Die Karawanenrouten und restlichen Flußstrecken zu erklären, wäre an dieser Stelle zuviel, gesagt sei nur, daß es noch zahlreiche andere Handelswege gab.

Die Frage, inwiefern die Wikinger an der Gründung der russischen Städte und Stadtstaaten beteiligt waren, liefert Experten noch heute reichlich Streitgründe. In der Sowjetunion wollte man überhaupt nicht wahrhaben, daß die Skandinavier für die Anfänge des russischen Staates eine Rolle spielten. Erst seit wenigen Jahren wird intensiver geforscht. Aber auch die Ansicht, die Wikinger wären allein für das entstehen geordneter Staatswesen in Rußland verantwortlich, läßt sich nicht beweisen.

Die Nestorchronik, die wichtigste Quelle in Bezug auf dieses Thema, berichtet, die slavischen Völker hätten Skandinavier, welche sie Rus nannten (vermutlich vom schwedischen Wort “ródr” abgeleitet, bedeutet soviel wie “Rudermannschaft”) aufgefordert, über sie zu herrschen, da sie selbst nicht in der Lage gewesen seien, Ordnung durchzusetzen. Da die Nestorchronik aber erst im 14. Jahrhundert, also etwa 500 Jahre später, aufgezeichnet wurde, ist dieses Ereignis nicht unbedingt glaubwürdig.

Anhand der archäologischen Funde läßt sich aber eindeutig beweisen, daß in den bedeutenden Städten Rußlands zur Wikingerzeit ein Großteil der Bevölkerung skandinavischer Herkunft war.

In Staraja-Ladoga, welches im 8. Jahrhundert gegründet wurde, lebten Rus (die man auch Waräger nennt) und Slawen zusammen und ihre Kulturen vermischten sich allmählich. Vor dem Aufstieg Kiews stellte Staraja-Ladoga den wichtigsten Handelsstützpunkt in Nordrußland dar. Man hat ganze Handwerksbezirke ausgegraben, in denen unzählige Werkstätten nebeneinander lagen. Es stellte den ersten Zwischenstop auf einer Reise weiter nach Süden dar, wo Waren wie Pelze und Sklaven umgeladen wurden. Die Stadt war verhältnismäßig stark befestigt und besaß nach der Christianisierung acht Kirchen. Sie war vermutlich nach den ethnischen, politischen und religiösen Zugehörigkeiten der Bewohner in verschiedene Zonen unterteilt. Dies läßt sich auch anhand der gefunden Gräber und der Herkunft der darin liegenden Beigaben nachweisen.

Im 10. Jahrhundert begann der Aufstieg eines weiter südlich gelegenen Handelsplatzes: Nowgorod am Ilmensee. Zunächst bestand es nur aus der Inselfestung “Holmgardr”, dehnte sich aber schon bald bis zum eigentlichen Nowgorod (“neue Festung”) aus. Es wurde in zwei Stadteile unterteilt: Westlich des Wolchow das Sofia-Ufer und auf der anderen Seite das Kaufmannsufer. Es wurde mit der Zeit sehr stark befestigt, vor allem die Zitadelle (Kreml) ist beachtenswert. Sie war von einem Erdwall umgeben, innerhalb dessen auch die Kathedrale der Heiligen Sophia gebaut wurde. Überhaupt gab es sehr viele Kirchen in der gesamten Stadt; das kulturelle Leben blühte dort, was sich anhand vieler Funde, darunter auch Schriftstücke, nachweisen läßt. Auch hier hatten sich die Rus mit den Slawen vermischt.

Ähnlich wie Nowgorod entwickelte sich Kiew (in der heutigen Ukraine). Obwohl mindestens die Hälfte der Bevölkerung aus Slawen bestand, gilt es als sicher, daß es im 10. Jahrhundert ausschließlich von Skandinaviern regiert wurde. Der erste dieser Dynastie war Rorik, auf ihn folgte Helgi und dann dessen Sohn Ingwar und seine Frau Helga. Beim Übergang zum 11. Jahrhundert läßt sich slawischer Einfluß bei der Namensgebung feststellen, die Kulturen hatten sich vermischt. Die darauffolgenden Herrscher trugen allesamt slawische Namen. Kiew stellte im Hochmittelalter das Machtzentrum Rußlands dar.

Man hat noch an zahlreichen anderen Stellen entlang der Handelsrouten Hinweise auf skandinavische Besiedlung entdeckt, zum Beispiel in Gnezdowo, wo eine Schleppstelle von der Lowat zum Dnjepr war. Allgemein läßt sich sagen, daß sich die Kultur der Rus langsam aber sicher mit der der ursprünglichen Bewohner, der Slawen, vermischte, aber dennoch ihre Spuren hinterließ. Man darf gespannt sein, was die Archäologenteams in Rußland noch alles aus dieser Zeit zu Tage fördern werden.

 

In Byzanz

Zunächst war das Ziel der Wikingerreisen durch Rußland mit Sicherheit Byzanz (Konstantinopel), die damalige Hauptstadt des oströmischen Reiches und somit ein unglaublich bedeutungsvolles Macht- und Handelszentrum. In zahlreichen skandinavischen Sagas taucht es unter der Bezeichnung “Miklagard” auf, was “große Stadt” bedeutet. Die Rus brachten aus ihren Gebieten in Nordrußland Pelze, Bernstein und Sklaven nach Byzanz, die sie von den ihnen oftmals tributpflichtigen Slawen erhalten hatten. Diese tauschten sie gegen Seide, exotische Früchte und viele andere Luxusartikel. Kaiser Konstantin Porphyrogennetos schrieb, als er von der Route der Rus über den Dnejpr zum schwarzen Meer berichtete, auch die Namen etlicher Stromschnellen nieder, die allesamt skandinavische Namen haben, zum Beispiel Strukun, was “der Rennende” bedeutet.

Es sind zwei Verträge aus dieser Zeit bekannt, die die Rechte und Pflichten der skandinavischen Kaufläute in Byzanz festlegten. Da man diese Händler durchaus in der Stadt benötigte, erhielten sie zahlreiche Vergünstigungen wie zum Beispiel kostenlos zur Verfügung gestellte Nahrung und Bäder. Allerdings mußten die Wikinger Byzanz ohne Waffen betreten, durften nur in einem bestimmten Stadtteil wohnen und mußten sich bei der Stadtverwaltung registrieren lassen (anhand der aufgelisteten Namen läßt sich eindeutig sagen, daß sehr viele Skandinavier, vor allem Schweden, darunter waren).

Mehrmals wurde die Stadt aber auch von Kiewer Rusfürsten angegriffen, konnte sich aber dank geschickter Verhandlungen und ihrer enormen Verteidungsanlagen jedesmal halten. Zur Dezimierung der Kiewer Truppen trugen auch die Petschenegen bei, ein wilder Volksstamm, an deren Gebieten man bei der Fahrt auf dem Dnjepr vorbeikam.

Doch nicht nur durch den Handel konnte man in Byzanz etwas verdienen: Der Kaiser hatte einen ständigen Bedarf an Soldaten, und die kampfgewohnten Skandinavier kamen ihm dabei gerade recht. In der sogenannten “Warägergarde” dienten viele berühmte Wikinger als Söldner, unter anderem Harald harderade (1015-1066 n.Chr.), der sich als Kommandant der Leibgarde des Kaisers einen Namen machte, später König von Norwegen wurde und im Kampf in England fiel. Etliche derer, die zuvor den Rusfürsten gedient hatten, verließen diese, als die Bezahlung schlechter wurde, und schlossen sich der Warägergarde an, wo die Entlohnung offensichtlich hervorragend war (was uns auch in mehreren Sagas berichtet wird). Bekannt war diese Leibgarde vor allem für ihre riesigen Streitäxte, bei deren Anblick jeder Feind das Fürchten lernte, ihre Tapferkeit und ihre unbedingte Treue dem Kommandanten und dem Kaiser gegenüber (und natürlich für ihre Trinkfestigkeit). Die Garde wurde auch bei zahlreichen Zeremonien und anderen offiziellen Anlässen eingesetzt, beispielsweise bei Hochzeiten oder dem Kirchgang der Kaiserfamilie. Dies zeigt, welch hohes Ansehen die Skandinavier bei den byzantinischen Kaisern genossen. Es dienten allerdings manchmal auch Angehörige anderer Völker, zum Beispiel Angelsachsen, Schotten und Iren in seiner Leibgarde.

Noch heute weisen zahlreiche in Skandinavien gefundene byzantinische Münzen und Runensteine auf die Reisen nach Miklagard hin. Heute gehört Byzanz zur Türkei und heißt Istanbul.

Kontakte mit Arabern

Die Reisen etlicher Wikinger gingen allerdings sogar über Rußland und Byzanz hinaus. Auf der Wolga gelangte man zum bereits erwähnten Bulgar, einem zentralen Handelsstützpunkt, wo Flußrouten und Karawanenstraßen zusammenliefen. Dadurch hatte man unter anderem Kontakt zu den Bulgarenstämmen und vielen anderen Völkern, man kaufte offenbar Seide in großen Mengen. Es wurden entlang der Wolga zahlreiche skandinavische Hinterlassenschaften ausgegraben, die beweisen, wie wichtig dieser Weg damals war. Es wäre durchaus möglich, daß Wikinger von dort aus bis nach China oder Indien vorgedrungen sind, was zum Beispiel den Fund einer Buddhafigur in Skandinavien erklären würde.

Eine Möglichkeit, die mit Sicherheit genutzt wurde, ist, von Bulgar aus weiter der Wolga bis ins Kaspische Meer zu folgen. Dabei kam man auch an der Chasaren-Hauptstadt Itil in der Wolgamündung vorbei, mit der wahrscheinlich längere Zeit Beziehungen bestanden, denn es lassen sich Einflüsse der dortigen Kultur beispielsweise auf die skandinavische Kleidung und den Schmuck feststellen.

Doch auch hier ergriffen manche die günstige Gelegenheit, schnell reich zu werden: Orte am Rand des Kaspischen Meeres wie Baku wurden Opfer von wikingischen Raubzügen.

Doch zurück zu den Händlern: Diese durchquerten das Kaspische Meer und reisten auf Karawanenstraßen weiter bis nach Bagdad, dem Hauptsitz des Abbasidenkalifats und somit eine der bedeutendsten arabischen Städte. Man hat in Skandinavien beispielsweise Tongefäße gefunden, die zweifelsohne aus Bagdad stammen. Der Hauptgrund für die wikingischen Reisen dorthin war der unermeßliche Silberreichtum der Kalifen. Denn diese besaßen ertragreiche Silberminen in Äthiopien und Zentralasien und betrieben deshalb auch einen weit verzweigten Handel, der ihren Reichtum sogar noch steigerte. In Skandinavien wurden circa 60000 arabische Münzen entdeckt, oftmals wurden allerdings die Geldstücke auch eingeschmolzen und in Barren gegossen oder zu Schmuckstücken verarbeitet. Als jedoch in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts die Silbervorkommen durch die hohe Ausbeute erschöpft waren, verringerte sich auch der Handel mit den Arabern und kam schließlich ganz zum Stillstand.

Gerade die Kontakte mit Arabern sind sehr wichtig für die heutigen Forscher, denn die Araber hatten zu jener Zeit einen sehr hohen Bildungsstand und hinterließen viele schriftliche Dokumente mit detaillierten Schilderungen. Teilweise sind diese auch objektiver als andere vergleichbare Quellen aus der Wikingerzeit, da sich ihre Verfasser selbst als Wissenschaftler und Forscher sahen.

Da die Kalifen auch in die nördlich gelegenen Gebiete wie Rußland Gesandte schickten, um die dortigen Handelsmöglichkeiten zu erkunden, kam es schon bald zu Kontakt mit den dortigen Rus. Am bekanntesten ist die Schilderung Ibn Fadlans, der unter anderem ein wikingisches Häuptlingsbegräbnis beschrieb, bei dem er zugegen war. Er beschreibt die Rus als “hochgewachsen wie Dattelbäume, blond und von rosiger Gesichtsfarbe” und geht sogar auf ihre Kleidung und Sitten ein. Damit gehören die arabischen Quellen zu den wichtigsten überhaupt, wenn man etwas über das Leben der Wikinger erfahren will.

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