Wikinger-Ökologie: Mensch und Umwelt in der Wikingerzeit

„Island ist das einzige Land in Europa, das durch menschliches Tun vollkommen zerstört worden ist.“1 Eine solche Aussage mag zunächst überraschen, ist Island doch gerade wegen seiner faszinierenden Naturlandschaften ein äußerst beliebtes Touristenziel. Doch der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness (1902-1998) schrieb in seinem 1970 veröffentlichten Essay ‚Der Krieg gegen das Land‘, dass es – anders als in der Tourismuswerbung behauptet – auf Island keinerlei „unberührte Natur“2 mehr zu sehen gebe.

In der Tat ist das heutige Erscheinungsbild Islands ein völlig anderes als das, das sich den ersten Menschen bot, die das zuvor unbesiedelte Land in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts n. Chr. erreichten. Laut der ‚Íslendingabók‘ (dem ‚Buch der Isländer‘, einem um 1125 entstandenen Werk zur Geschichte Islands) war das Land anfangs „von den Bergen bis zur Küste mit Wald bewachsen“.3 Tatsächlich ist heute durch Pollenanalysen nachweisbar, dass vor Ankunft des Menschen auf gut einem Viertel der Landesfläche Birkenwälder standen.4 Die überwiegend aus Norwegen und von den Britischen Inseln kommenden Siedler sahen diese Wälder jedoch als Hindernis. Sie wollten eine auf Viehhaltung und Getreideanbau basierende Landwirtschaft betreiben, so wie sie es von zu Hause gewohnt waren. Die dichten Wälder wurden daher gerodet, um Platz für Bauernhöfe, Heuwiesen, Weiden und Äcker zu schaffen. Vor der Ankunft des Menschen war der Polarfuchs das einzige Landsäugetier in Island gewesen. Nun kamen mit den Siedlern Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine. Die Beweidung der empfindlichen Pflanzendecke beeinträchtigte diese jedoch vielerorts irreparabel. Zwar gaben die isländischen Bauern schon im 11. Jahrhundert die Haltung der besonders stark die Vegetation schädigenden Schweine und Ziegen nahezu vollständig auf, doch da war es bereits zu spät: Eine gravierende Bodenerosion hatte eingesetzt. Viele Höfe im höher gelegenen Landesinneren wurden schon nach wenigen Generationen verlassen, möglicherweise weil dort mit dem Oberboden auch die Existenzgrundlage für die Menschen verschwunden war.5

Bodenerosion bei Jökulsárgljúfur, Nordisland (Foto: Reinhard Hennig)

Bodenerosion bei Jökulsárgljúfur, Nordisland (Foto: Reinhard Hennig)

Die Bodenerosion setzt sich bis in die Gegenwart hinein fort und ist – trotz im 20. Jahrhundert eingeleiteter Gegenmaßnahmen – nach wie vor das sichtbarste Umweltproblem Islands. Waren zu Beginn der Besiedlung etwa zwei Drittel der Landesfläche bewachsen, ist es heute lediglich ein Viertel und alle Wälder zusammen kommen auf gerade einmal ein Prozent.6 Die meisten Flächen, insbesondere im zentralen Hochland, sind stark von Erosion betroffen. Bodenkundler meinen daher, dass die Zustände in Island „zum Schlimmsten gehören, was außerhalb der Trockenzonen der Erde bekannt ist.“7

In diesem Kontext ist Laxness‘ Aussage zu verstehen, Island sei von Menschen völlig zerstört worden. Der Nobelpreisträger kritisiert in seinem Aufsatz zwar vor allem die Umweltschädigung in der Gegenwart. Er macht jedoch deutlich, dass deren Wurzeln in der Zeit der Landnahme liegen. Denn bereits die ersten Siedler seien von einer materialistischen Rücksichtslosigkeit gegenüber der natürlichen Umwelt charakterisiert gewesen, und noch in den im 13. Jahrhundert entstandenen Sagas sei zu erkennen, dass deren Verfassern jegliche ästhetische Wertschätzung von Landschaft fremd gewesen sei: „Diese Leute hatten kein Verständnis für die Schönheit des Landes.“8

Laxness nahm damit eine fundamentale Gegenposition zum konventionellen Bild der Zeit von der Landnahme bis zum Ende des isländischen ‚Freistaates‘ 1264 ein. Im nationalen kollektiven Gedächtnis gilt diese Periode als goldenes Zeitalter, geprägt von Heldentum, Unabhängigkeit, materiellem Wohlstand und einer Hochkultur, die in Form der Sagas und Eddas einen einzigartigen Beitrag zur Weltliteratur lieferte. Dass dieselbe Kultur die Ökosysteme des Landes gravierend geschädigt haben soll, passt nicht in dieses Bild.

Schon lange, deutlich verstärkt aber seit den 1990er Jahren, gibt es daher in Island Versuche, Hinweise auf eine ästhetische Wertschätzung von Natur in der altisländischen Literatur zu finden.9 Eines der am häufigsten angeführten Beispiele in diesem Kontext ist eine Episode aus der Njáls saga, in der beschrieben wird, wie der heroische Gunnar nach seiner Ächtung aufbricht, um Island für drei Jahre zu verlassen. Als er jedoch auf seinen Hof zurückblickt, spricht er: „Schön ist der Berghang, so dass er mir nie zuvor so schön vorgekommen ist, die hellgelben Felder und die gemähte Hauswiese. Ich werde heimreiten und nirgendwohin fahren.“10 Gunnar bleibt tatsächlich und wird in der Folge von seinen Feinden getötet.

Hinter dem Versuch, diese und ähnliche Textpassagen als Ausdruck einer rein ästhetischen, von jeglichen Nutzenaspekten losgelösten Landschaftsbetrachtung zu deuten, steht einerseits das beschriebene nationalistische Geschichtsbild. Denn als frühestmöglicher Beleg einer derartigen Naturwahrnehmung galt lange Francesco Petrarcas Beschreibung seiner Besteigung des Mont Ventoux im Jahr 1336. Gäbe es eine solche Perspektive schon in einem Text wie der wohl im 13. Jahrhundert entstandenen Njáls saga (die wiederum Ereignisse des 10. Jahrhunderts und damit der Wikingerzeit schildert), würde dies aus nationalistischer Sicht einmal mehr eine Sonderstellung der isländischen Kultur belegen.

Andererseits sind die verstärkten Bemühungen, ein ästhetisches Naturempfinden aus der altisländischen Literatur herauszulesen, vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Konflikte um den Bau großer Wasserkraftwerke zwecks der Ansiedlung von Schwerindustrie in Island zu sehen. Schon Laxness wandte sich in seinem Essay gegen derartige Projekte. Ab den 1990er Jahren wurde jedoch der Bau großer Staudämme noch weitaus stärker forciert als in den Jahrzehnten zuvor. Der Widerstand der nun stark wachsenden isländischen Umweltbewegung richtete sich dabei nicht nur gegen die ökologischen Folgen (etwa den Verlust von Vegetation durch Stauseen), sondern auch gegen die ästhetische Veränderung der Landschaft, beispielsweise durch Hochspannungsleitungen, die von den meist im Hochland gelegenen Kraftwerken zu den küstennah errichteten Industriebetrieben führen. Die implizite Grundannahme der sich auf die altisländische Literatur berufenden Gegner dieser Industriepolitik ist somit erstens, dass eine ästhetische Wertschätzung der Schönheit der Landschaft zu Engagement für deren Schutz motivieren würde, und zweitens, dass es für gegenwärtiges Handeln von Relevanz wäre, wenn eine solche Wertschätzung bereits von den Vorfahren in Wikingerzeit und Mittelalter gepflegt worden wäre.

Doch auch die Befürworter neoliberaler, stark marktorientierter Wirtschaftspolitik begründeten vor dem Zusammenbruch des isländischen Bankensystems 2008 ihre Position häufig mit dem Verweis auf die Vergangenheit. Rücksichtslosen Individualismus, wie ihn ihrer Meinung nach die Wikinger der Landnahmezeit verkörperten, deuteten sie als notwendiges Fundament ökonomischen Gewinns und damit als positive Eigenschaft – am sichtbarsten in der stolzen Bezeichnung erfolgreicher isländischer Geschäftsleute als ‚Expansionswikinger‘ (‚útrásarvíkingar‘).11 Somit diente hier implizit ebenfalls die wikingerzeitliche und mittelalterliche Vergangenheit – rekonstruiert durch den Rückgriff auf die altisländische Literatur – der Legitimation gegenwärtigen Handelns: Die Vorfahren hätten sich nicht durch etwas Immaterielles wie ‚Schönheit‘ von der wirtschaftlichen Nutzung der Naturressourcen des Landes abhalten lassen, und daher sollten es heutige Isländer ebenfalls nicht tun. Der Nachweis oder die Widerlegung ästhetischer Wertschätzung von Landschaft in den Sagas hat damit in Island eine nicht unerhebliche Relevanz für die Umweltdiskussion der Gegenwart.

Dass die Erforschung früherer Epochen viel zum besseren Verständnis auch aktueller Umweltproblematiken beitragen kann, ist somit relativ unumstritten. Doch ist es wirklich sinnvoll, den Hauptfokus dabei auf die Frage zu legen, ob Landschaft bereits in der Vormoderne als ‚schön‘ wahrgenommen wurde? Denn unabhängig von der Antwort auf diese Frage ist klar, dass in Island enorme ökologische Veränderungen seit Beginn der Besiedlung stattgefunden haben. Nicht nur die Bodenerosion stellte die isländische Gesellschaft bereits im Mittelalter vor bedeutende Herausforderungen. Auch das Klima veränderte sich: War es in den ersten Jahrhunderten nach der Besiedlung relativ warm, begann offenbar spätestens im 14. Jahrhundert eine tendenzielle Abkühlung verbunden mit erheblicher Fluktuation.12 Ein kühleres Klima aber bedeutet geringeres Pflanzenwachstum und daher dürfte dieser Trend zusammen mit der sich verstärkenden Erosion für die nahezu ausschließlich auf Landwirtschaft basierende isländische Gesellschaft erhebliche Probleme verursacht haben. Hinzu kamen Umweltrisiken, die mit dem Vulkanismus in Island zusammenhingen: Bei den zahlreichen seit Beginn der Besiedlung belegten Vulkanausbrüchen war zwar besiedeltes Gebiet relativ selten direkt – etwa durch Lavaströme – betroffen, aber sich über weite Flächen verteilende vulkanische Asche konnte die Vegetation schädigen und toxische Wirkung auf Nutztiere entfalten, was wiederum die menschliche Nahrungsversorgung gefährdete.13

Island bietet außergewöhnliche Möglichkeiten, um den Umgang einer vormodernen Gesellschaft mit derartigen Umweltveränderungen und Risiken zu erforschen. Denn nicht nur tragen paläoökologische Untersuchungen und archäologische Ausgrabungen inzwischen immer mehr zu unserem Wissen über vergangene Umweltbedingungen bei. Die im mittelalterlichen Europa einzigartige Schriftkultur Islands hat zudem eine enorme Menge von Texten hinterlassen, die in Verhältnis zu den anderen Quellen gesetzt werden können. Dazu zählen nicht nur im engeren Sinn historiographische Texte wie etwa Urkunden und Annalen, sondern auch und gerade die Sagas, die in ihrer Gesamtheit die Zeit von der ersten Besiedlung des Landes bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts schildern. Dabei geben sie detaillierte Einblicke in beispielsweise landwirtschaftliche Praktiken, in die Nutzung von Naturressourcen und in die menschliche Wahrnehmung von Umweltbedingungen und Umweltrisiken. Zwar liefern sie nicht notwendigerweise ‚realistische‘ Beschreibungen; schließlich handelt es sich um literarische Texte, die bei der Schilderung der außerliterarischen Welt äußerst kreativ und selektiv verfahren. Doch in Relation gesetzt zu all den anderen Arten von Quellen tragen sie dennoch wesentlich zu unserem Wissen über Mensch-Umwelt-Dynamiken im vormodernen Island bei.

Der See Mývatn in Nordisland (Foto: Reinhard Hennig).

Der See Mývatn in Nordisland (Foto: Reinhard Hennig).

Hierin liegt der eigentliche Wert der Sagas für die heutige Umweltdiskussion. Denn in einer Zeit knapper werdender Ressourcen, globalen Klimawandels und rapider Veränderung von Ökosystemen kann es hochgradig relevant sein, zu erfahren, ob – und, falls ja, wie – es früheren Gesellschaften gelang, auf ökologische Herausforderungen angemessen zu reagieren. Und manches in den Quellen deutet durchaus auf Erfolgsgeschichten hin. Denn unabhängig davon, ob die mittelalterlichen Isländerinnen und Isländer die Natur ihrer Insel ästhetisch zu schätzen wussten: Sie haben sie keineswegs nur ausgebeutet und zerstört. So wurden zahlreiche Wälder bis weit in die Neuzeit hinein in ihrem Bestand erhalten – bei durchgängiger wirtschaftlicher Nutzung.14 Am See Mývatn in Nordisland konnte nachgewiesen werden, dass dort die Bestände von Wasservögeln über mehr als 1100 Jahre hinweg – von der Wikingerzeit bis in die Gegenwart hinein – nachhaltig bewirtschaftet wurden. Selbst in Notzeiten wurden nur so viele Eier aus den Nestern entnommen, dass die Vogelpopulation insgesamt als wichtige Nahrungsressource erhalten blieb.15

Die Sagas und andere Quellen aus dem vormodernen Island werden uns zwar kein Patentrezept für die Lösung der globalen Umweltprobleme unserer eigenen Zeit liefern. Aber ihre interdisziplinäre Erforschung kann uns dennoch helfen, sowohl aus den Fehlern als auch aus den Erfolgen der Vergangenheit zu lernen. Davon, dass dies grundsätzlich möglich ist, war auch Laxness offenbar fest überzeugt. Mit seinem vor nunmehr 45 Jahren erschienenen Essay wurde der Nobelpreisträger zum ersten literarischen Umweltaktivisten seines Landes.


1 Halldór Laxness: Hernaðurinn gegn landinu. In: Morgunblaðið, 31.12.1970, S. 10. „Ísland er eina landið í Evrópu sem er gerspilt af mannavöldum.“ Laxness‘ Essay wurde bislang nicht in andere Sprachen übersetzt. Alle Übersetzungen aus dem Isländischen in diesem Artikel stammen vom Autor.
2 Ebd., „óspillta náttúru“.
3 Íslendingabók. Landnámabók. Fyrri hluti, hg. von Jakob Benediktsson, Reykjavík 1968, S. 5, „viði vaxit á miðli fjalls ok fjöru“.
4 Vgl. Þóra Ellen Þórhallsdóttir: Áhrif búsetu á landið. In: Guðrún Ása Grímsdóttir (Hg.): Um landnám á Íslandi. Fjórtán erindi, Reykjavík 1996, S. 149-170.
5 Vgl. Dugmore, Andrew J. et al.: An Over-Optimistic Pioneer Fringe? Environmental Perspectives on Medieval Settlement Abandonment in Þórsmörk, South Iceland. In: Arneborg, Jette (Hg.): Dynamics of Northern Societies. Copenhagen 2006, S. 335-345.
6 Vgl. Umhverfisráðuneytið: Umhverfi og auðlindir. Stefnum við í átt til sjálfbærrar þróunar? Reykjavík 2009, S. 9.
7 Ólafur Arnalds et al. / Neumann, Helmut / Bürling, Coletta (Übers.): Bodenerosion in Island. http://www.rala.is/desert/Jarðvegsrof þýska.pdf, 2001 (zuletzt abgerufen 11.05.2015), S. 45.
8 Halldór Laxness: Hernaðurinn gegn landinu, S. 10. „Skynbragð á fegurð lands var ekki til í þessu fólki.“
9 So etwa Gunnar Harðarson: Birtan og stormurinn. Um nátturuskynjun í dróttkvæðum. In: Róbert H. Haraldsson / Þorvarður Árnason (Hg.): Náttúrusýn. Safn greina um siðfræði og náttúru. Reykjavík 1994, S. 223-232; Þorvarður Árnason: Nature in Medieval Icelandic and Nordic Literature. In: Þorvarður Árnason (Hg.): Views of Nature and Environmental Concern in Iceland, Linköping 2005, S. 58-81; Waage, Edda R.H.: Landscape in the sagas of Icelanders: The concepts of land and landsleg. In: Norsk Geografisk Tidsskrift 66 (4), 2012, S. 177-192.
10 Brennu-Njáls saga, hg. v. Einar Ólafur Sveinsson, Reykjavík 1954, S. 182. „Fögr er hlíðin, svá at mér hefir hon aldri jafnfögur sýnzk, bleikir akrar ok slegin tún, ok mun ek ríða heim aptr ok fara hvergi.“
11 Vgl. Kirstín Loftsdóttir: Vikings Invade Present-Day Iceland. In: Durrenberger, E. Paul / Gísli Pálsson (Hg.): Gambling Debt. Iceland’s Rise and Fall in the Global Economy. Boulder 2015, S. 3-14.
12 Vgl. Dugmore, Andrew J. / McGovern, Thomas H. / Streeter, Richard: Landscape Legacies of the Icelandic Landnám: What Has Happened to the Environment as a Result of Settlement, Why Did It Happen, and What Have Been Some of the Consequences. In: Harrison, Ramona / Maher, Ruth A. (Hg.): Human Ecodynamics in the North Atlantic. Lanham 2014, S. 195-211.
13 Vgl. Dugmore, Andrew J. / Orri Vésteinsson: Black Sun, High Flame, and Flood: Volcanic Hazards in Iceland. In: Cooper, Jago / Sheets, Payson (Hg.): Surviving Sudden Environmental Change. Answers from Archaeology. Boulder 2012, S. 67-89.
14 Vgl. Orri Vésteinsson / Simpson, Ian A.: Fuel utilisation in pre-industrial Iceland. A micro-morphological and historical analysis. In: Garðar Guðmundsson (Hg.): Current Issues in Nordic Archaeology. Reykjavík 2004, S. 181-187.
15 Vgl. McGovern, Thomas H. et al.: Coastal connections, local fishing, and sustainable egg harvesting: patterns of Viking Age inland wild resource use in Mývatn district, Northern Iceland. In: Environmental Archaeology 11 (2) 2006, S. 187-205.
Dieser Artikel wurde erstmals 2015 unter dem Titel “Aus der Vergangenheit lernen? Die Bedeutung der mittelalterlichen Literatur für die Umweltdiskussion der Gegenwart” in dem Band Culturescapes Island: Zwischen Sagas und Pop (Basel: Merian-Verlag) veröffentlicht. Er kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden.
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Wikingerausstellung in Rosenheim ab 11. März 2016

Wikinger-Ausstellung, Lokschuppen Rosenheim

Plakat zur Wikinger-Ausstellung im Lokschuppen Rosenheim. © VKR.

 

 

Im Ausstellungszentrum Lokschuppen in Rosenheim wird vom 11. März bis 4. Dezember 2016 eine große Wikingerausstellung gezeigt. Leihgaben aus über 20 Museen in Skandinavien, Deutschland und Österreich werden zu sehen sein. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm, das sich insbesondere an Kinder und Jugendliche richtet.

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Wikingerzeitliches Langhaus mitten in Reykjavík entdeckt

Inmitten der isländischen Hauptstadt Reykjavík wurden diesen Sommer bei Ausgrabungen überraschend die Überreste eines großen wikingerzeitlichen Langhauses entdeckt. Eigentlich sollten auf einem in der Lækjargata gelegenen Grundstück lediglich die Spuren eines Bauernhofes vom Ende des 18. Jahrhunderts erforscht werden. Dabei stießen die Archäologen jedoch auf die Wände des mehr als 20 Meter langen und 5,5 Meter breiten Hauses aus den ersten Jahrhunderten der Besiedlung Islands. Da sich der Rest des Gebäudes auf ein anderes Grundstück – heute mit moderner Bebauung – erstreckte und damit wahrscheinlich nicht erhalten ist, wird sich die exakte ursprüngliche Länge aller Voraussicht nach nicht bestimmen lassen.

In jedem Fall ist das nun gefundene Langhaus größer als eines aus dem 10. Jahrhundert, das nur wenige hundert Meter westlich davon entdeckt wurde und heute Teil der Ausstellung Reykjavík 871 +/-2 ist . Damit verändert der neue Fund die Sicht auf die frühe Geschichte der Gegend des heutigen Reykjavík: Offenbar lebten hier schon in der Wikingerzeit deutlich mehr Menschen als bislang angenommen.

Das nun zufällig entdeckte Langhaus hebt sich auch von vergleichbaren Funden im restlichen Land ab: Seine mehr als fünf Meter lange Feuerstelle ist die größte, die jemals in Island gefunden wurde. In der Grabungsstelle wurden zudem zahlreiche Gegenstände geborgen, darunter mehrere Spinnwirteln, diverse aus Norwegen importierte Wetzsteine und ein Silberring. Eine genaue Datierung des Gebäudes steht noch aus und wird nun, nach Abschluss der Grabung, vorgenommen werden.

Die Fundstelle des Langhauses in der Lækjargata in Reykjavík. Hinten rechts (nahe an der Ecke des weißen Hauses) ist die außergewöhnlich lange Feuerstelle zu sehen.

Ausgrabungen in der Lækjargata in Reykjavík im Sommer 2015. Hinten rechts (nahe an der Ecke des weißen Hauses) ist die außergewöhnlich große Feuerstelle des wikingerzeitlichen Langhauses zu sehen.
(Foto: Harriet Jean Evans)

Wie es mit der Fundstelle weitergeht, ist noch unklar. Auf dem Grundstück, auf dem sich zuvor ein Parkplatz befand, soll ein Hotel erricht werden. Dadurch würden die Überreste des Langhauses unwiederbringlich zerstört. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird jedoch genau dies geschehen. Es gibt allerdings die Überlegung, zumindest die außergewöhnlich große Feuerstelle des Hauses in irgendeiner Form zu bewahren und zur Besichtigung zugänglich zu machen.

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Kristján Ahronson: Into the Ocean. Vikings, Irish, and Environmental Change in Iceland and the North (2015)

Im Isländerbuch, dem ersten Werk zur Geschichte Islands aus den 1120er Jahren, schreibt dessen Verfasser Ari Þorgilsson über die Zeit um 870 n. Chr., während derer laut ihm die ersten skandinavischen Siedler  Island erreichten:

„Zu dieser Zeit war Island von den Bergen bis zur Küste mit Wald bewachsen. Damals waren hier christliche Menschen, die die Nordleute ‚Papar‘ nennen. Aber diese reisten schließlich ab, weil sie hier nicht zusammen mit heidnischen Menschen leben wollten. Sie ließen irische Bücher, Glocken und Krummstäbe zurück, anhand derer man erkennen konnte, dass sie Iren waren“ (meine Übersetzung).

Ein weiteres isländisches Geschichtswerk, das Buch von den Landnahmen (dessen erste bewahrte Fassung aus dem 13. Jahrhundert stammt) greift Aris Aussage auf und verweist zudem auf „englische Bücher“, in denen es heiße, dass es zu jener Zeit Kontakte zwischen Island und Irland gegeben habe. Welche Bücher hiermit gemeint sind, ist unklar.

Bekannt ist allerdings, dass der aus Irland stammende Mönch Dicuil um 825 ein geographisches Werk mit dem Titel De mensura orbis terrae verfasste. In diesem erwähnt er eine Insel namens Thule, die eine sechstägige Schiffsreise vom Norden Britanniens entfernt liege. Diese Insel sei immer unbewohnt gewesen. Dicuil berichtet jedoch auch, er habe vor 30 Jahren einige Geistliche getroffen, die sich vom ersten Februar bis zum ersten August auf Thule aufgehalten hätten. Diese hätten ihm erzählt, dass es dort zur Zeit der Sommersonnenwende nachts noch so hell sei, dass man sogar Läuse aus seiner Kleidung zupfen könne.

Ahronson: Into the Ocean (2015)

Sollte damit – wie es scheint – Island gemeint sein, hätte es also in der Tat Besuche von Menschen dort bereits vor Beginn der Besiedlung durch Skandinavier gegeben. Bislang ist es allerdings nie gelungen, irgendwelche handfesten Beweise für menschliche Präsenz vor der Zeit um 871 n. Chr. auf Island zu finden. In der Forschung wird daher zumeist davon ausgegangen, dass – sollte es sie tatsächlich gegeben haben – diese irischen Eremiten Island nur zeitweise und sporadisch aufsuchten und dass sie den Verlauf der skandinavischen Besiedlung wenig oder gar nicht beeinflussten. Kristján Ahronson, Dozent in Archäologie an der Bangor University in Wales, stellt jedoch in seinem kürzlich erschienenen Buch Into the Ocean Belege verschiedener Art dafür vor, dass sich von den Britischen Inseln stammende Menschen schon lange vor Ankunft der Skandinavier auf Island aufhielten.

So gibt es beispielsweise einige Ortsnamen in Südostisland, die die von Ari genannten ‚Papar‘ als ein Element enthalten, wie etwa den Papafjörður oder die Insel Papey.Über das Alter dieser Ortsnamen gibt es keine Gewissheit und manche Forscher vermuten, sie seien erst im Nachhinein, möglicherweise sogar erst im 12. Jahrhundert geprägt worden und könnten daher nichts über eine tatsächliche irische Präsenz auf Island aussagen. Ahronson hingegen hält es für am wahrscheinlichsten, dass sie auf die Zeit der Ankunft der ersten Skandinavier in Island und auf deren Begegnung mit ‚Papar‘ dort zurückgehen.

Zentral für Ahronsons Argumentation sind etwa 200 menschengemachte Höhlen, die sich überwiegend in Südisland finden und deren genaue Entstehungszeit und früheste Nutzung im Großen und Ganzen unbekannt sind. Ahronson hat zwei dieser künstlichen Höhlen, Kverkarhellir und Seljalandshellar, näher untersucht. Im Fall von Kverkarhellir ist es ihm dabei gelungen, Gesteinsreste aus dem Bereich vor der Höhle zu finden, die er als Abraum aus dem Inneren der Höhle und damit aus deren Entstehungszeit interpretiert. Zwar waren keinerlei menschengemachte Gegenstände oder datierbares organisches Material in dem untersuchten Bereich festzustellen. Doch in Island ist es oft möglich, Funde mit Hilfe von Schichten vulkanischer Asche sehr genau zu datieren, da sich diese einzelnen Vulkanausbrüchen zuordnen lassen. So ist die berühmte ‚Landnahmetephra‘ (die fast in ganz Island präsent ist) auf einen Ausbruch im Jahr 871 (plus oder minus 2 Jahre) zurückzuführen. Unterhalb dieser Schicht sind noch nie Spuren menschlicher Präsenz gefunden worden. Ahronson zufolge lag jedoch ein Teil des Materials, das er als Bauschutt aus der Höhle identifiziert, so weit unterhalb der Landnahmeschicht, dass es dort in der Zeit um 800 n. Chr. oder sogar noch früher abgelagert worden sein muss.

Weitere Belege gewinnt Ahronson durch einen neuen Ansatz, den er als „tephra contouring“ bezeichnet. Dabei werden die Konturen der vulkanischen Ascheschichten dreidimensional erfasst, so dass Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Oberflächen möglich werden, auf die die Asche fiel. Ahronson geht in seiner Studie davon aus, dass ohne menschlichen Einfluss die Landschaft in der Nähe von Kverkarhellir mit Birken bewachsen gewesen wäre. Die durch den Vulkanausbruch um 871 entstandene Ascheschicht müsste daher an den Stellen, wo die Baumstämme waren, Löcher aufweisen. Doch während eine weitere, auf 920 datierte Ascheschicht zwei kreisrunde Löcher enthielt, die Ahronson auf Baumstämme zurückführt, fanden sich in der Schicht von 871 keinerlei derartige Löcher. Hieraus schließt Ahronson, zu dieser Zeit habe es dort statt Wäldern offene Grasflächen ohne jeglichen Baumbewuchs gegeben – der Wald sei offenbar schon zuvor von Menschen gerodet worden.

Schließlich widmet Ahronson eine weitere Teilstudie den zahlreichen Kreuzen, die zu einem unbekannten Zeitpunkt in die Wände der besagten künstlichen Höhlen Seljalandshellar und Kverkarhellir geritzt wurden. Indem er die 24 größten dieser Kreuze mit ähnlichen Exemplaren von den Britischen Inseln vergleicht, kommt er zu dem Schluss, die in den Höhlen auf Island gefundenen Ritzungen wiesen die meisten Übereinstimmungen mit frühmittelalterlichen Kreuzen vor allem aus dem westlichen Schottland auf. Daher stellten sie einen weiteren Beleg für Verbindungen zwischen Island und den Britischen Inseln im 7. und 8. Jahrhundert dar.

So genanntes 'Papakross' am Berg Heimaklettur auf der Insel Heimaey (Vestmannaeyar) vor der Südküste Islands (Foto: Reinhard Hennig).

So genanntes ‘Papakross’ am Berg Heimaklettur auf der Insel Heimaey (Vestmannaeyar) vor der Südküste Islands (Foto: Reinhard Hennig).

Ahronsons Methoden sind zweifellos innovativ und die Belege, die er vorlegt, äußerst spannend. Sollte sich die frühe Datierung der Entstehung von Kverkarhellir bestätigen lassen, wäre damit wohl tatsächlich ein Nachweis menschlicher Präsenz deutlich vor Beginn der nordischen Besiedlung auf Island erbracht. Doch ohne Funde menschlicher Artefakte oder organischen Materials (etwa von Knochen von Nutztieren) bleibt jedenfalls vorerst unsicher, ob es sich bei den von Ahronson dokumentierten Gesteinsresten tatsächlich um von Menschen beim Bau der Höhle abgelagerten Schutt handelt. Auch die Methode des „tephra contouring“ scheint vielversprechend, müsste jedoch in ihrer Zuverlässigkeit wohl erst durch viele weitere Studien bestätigt werden, ehe mit ihrer Hilfe einigermaßen sichere Rückschlüsse auf die früheste Besiedlung Islands gezogen werden können. Ahronsons eigene Untersuchung basierte lediglich auf einer einzigen Testfläche von weniger als 9 Quadratmetern – deutlich zu wenig, um zuverlässige Aussagen über eine möglicherweise von Menschen verursachte Entwaldung einer gesamten Region vor 871 treffen zu können. Der Vergleich von Steinkreuzen liefert zwar interessante Anhaltspunkte auf die mögliche Entstehungszeit der Höhlen, doch von einer sicheren Datierung kann in diesem Fall keine Rede sein. Das Buch liefert somit zwar sehr interessante neue Indizien, aber keinesfalls einen Beweis für menschliche Präsenz in Island vor Beginn der Besiedlung um 871.

Manchmal wäre zudem ein kritischerer Umgang Ahronsons mit den mittelalterlichen schriftlichen Quellen wünschenswert. So führt er beispielsweise mehrmals Adam von Bremens Hamburgische Kirchengeschichte aus der Zeit um 1075 als Beleg für eine frühe Nutzung künstlicher Höhlen in Island an (S. 103 und 149). Darin heißt es, die Isländer kleideten sich in Felle und lebten zusammen mit ihrem Vieh glücklich und zufrieden in frommer Armut in Höhlen unter der Erde. Abgesehen davon, dass sich Adams Äußerung eindeutig auf das 11., nicht auf das 9., 8. oder gar 7. Jahrhundert bezieht, dient sie deutlich einer Idealisierung des Christentums der Isländer in Adams Gegenwart und ihre Aussagekraft in Bezug auf deren tatsächliche Lebensverhältnisse geht gegen Null.

Insgesamt bleiben nach der Lektüre von Ahronsons Buch trotz dessen äußerst interessanter Ergebnisse  viele Fragen offen: Angenommen, die etwa 200 künstlichen Höhlen in Island wären tatsächlich von (dauerhaften oder vorübergehenden) Einwanderern von den Britischen Inseln angelegt worden – wie viel Arbeitskraft und Zeit hätte dafür investiert werden müssen? Würde dies nicht bedeuten, dass eine große Anzahl von Menschen über einen längeren Zeitraum hätte in Island präsent sein müssen – nicht, wie von Dicuil angedeutet, nur ein paar Geistliche für gerade einmal sechs Monate? Wie aber wäre zu erklären, dass bei so vielen anwesenden Menschen bisher noch immer keinerlei eindeutig auf diese zurückzuführenden Artefakte, Gräber oder wenigstens Knochen von mitgeführten Nutztieren gefunden wurden? Und wären die Wälder tatsächlich schon vor 871 großflächig gerodet worden, warum lässt sich dies dann (im Gegensatz zur Rodung ab den 870er Jahren) nicht durch Pollenanalysen nachweisen? Es scheint hier also noch einiges an Potenzial für weitere Forschung zu geben, und Into the Ocean liefert dafür spannende Anregungen.

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Wurden Island und Grönland von Walrossjägern entdeckt?

Waren es Walrosse, die in der Wikingerzeit die ersten skandinavischen Siedler nach Island und Grönland lockten? Ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern hat in einem nun in der Zeitschrift World Archaeology erschienenen Artikel neue Erkenntnisse zum wikingerzeitlichen und mittelalterlichen Handel mit Walrosselfenbein vorgestellt.

Durch Belege aus der altnordischen Sagaliteratur war schon lange bekannt, dass Kunstgegenstände aus Walrosselfenbein im Mittelalter als sehr wertvoll galten. So schickt etwa in der Króka-Refs saga ein Grönländer dem norwegischen König nicht nur einen erwachsenen Eisbären als Geschenk, sondern auch ein aus Walrosszahn geschnitztes Schachspiel sowie einen mit Goldeinlagen verzierten Walrossschädel inklusive Stoßzähnen. In der Saga heißt es, dies sei „ein äußerst kostbares Stück“ gewesen. Auch Gürtel und Schwertgriffe aus Walrosselfenbein werden in Sagas als besonders wertvolle Gegenstände genannt. Manche Texte erzählen zudem recht detailliert von der Jagd auf einzelne Walrosse. Taue aus Walrosshaut und Walrossstoßzähne werden als grönländische Handelswaren im so genannten Norwegischen Königsspiegel erwähnt, einem um 1260 entstandenen Text. Auch archäologisch ist dieser Handel in Europa gut belegt: Reste von Walrosselfenbein wurden in bedeutenden wikingerzeitlichen und mittelalterlichen Handelsstädten wie Dublin, Trondheim, Bergen, Sigtuna und Lund gefunden.

An Islands Stränden ( wie hier bei Reykjavík) wurden in der Wikingerzeit offenbar Walrosse getötet - bis zur Ausrottung der Bestände.

An Islands Stränden ( wie hier bei Reykjavík) wurden in der Wikingerzeit offenbar Walrosse getötet – bis zur Ausrottung der Bestände (Foto: Reinhard Hennig).

Möglicherweise war es daher die Aussicht auf das wertvolle Elfenbein, die Menschen zuerst im 9. Jahrhundert nach Island und dann gut hundert Jahre später nach Grönland lockte. Neue Funde von Walrossknochen bei archäologischen Ausgrabungen an verschiedenen Stellen in Island legen jedenfalls ebenso wie Ortsnamen und mittelalterliche Gesetzestexte nahe, dass dort spätestens von Beginn der Besiedlung an die damals in Island vorhandenen Kolonien der Tiere bejagt wurden; nicht nur um der Stoßzähne willen, sondern auch wegen des Fleisches und der Häute. Bei einem auf die Wikingerzeit datierten Gebäude – entdeckt bei Ausgrabungen im Zentrum der heutigen Hauptstadt Reykjavík – wurden sogar in eine Außenwand eingebaute Knochen von Walrossen gefunden, die für ankommende Besucher gut sichtbar gewesen sein müssen. Doch schon bald dürfte der Handel mit Walrosselfenbein nur noch eine geringe Rolle für die isländische Gesellschaft gespielt haben: Die Tiere wurden offenbar so übermäßig bejagt, dass die lokalen Populationen dadurch ausgerottet wurden.

Anders in Grönland: Dort wurden bei fast allen bisherigen Ausgrabungen sowohl in der Ost- als auch in der Westsiedlung Walrossknochen gefunden. Vermutlich war die Jagd gemeinschaftlich organisiert: Im Sommer fuhr man mit Schiffen weit nach Norden bis in die Diskobucht (damals Norðrseta genannt) an der grönländischen Westküste, um Jagd auf die dortigen großen Walrossbestände zu machen. Da der Laderaum der Schiffe begrenzt war, nahm man wohl nicht das Fleisch der Tiere, sondern nur den wertvollsten Teil – also die Stoßzähne – mit zurück. Diese blieben bis ins 14.  Jahrhundert hinein das Hauptexportgut Grönlands, während aus Island im Mittelalter vor allem Wollstoff und Fisch exportiert wurden. Der grönländische Handel basierte somit anders als der isländische auf der Ausfuhr eines Luxusgutes. Ein Teilgrund für den späteren Niedergang der nordischen Siedlungen in Grönland könnte daher gewesen sein, dass die Nachfrage nach Walrosselfenbein im späten Mittelalter nachließ.

Aus welchen arktischen Gebieten genau in Europa gefundenes wikingerzeitliches und mittelalterliches Walrosselfenbein stammt, soll nun mit einer neu entwickelten Methode festgestellt werden.  Dabei werden Bleiisotope aus Materialproben analysiert. Denn die hauptsächlich Muscheln fressenden Walrosse lagern über ihre Nahrung und durch Umwelteinflüsse Bleiisotope in ihren Knochen und Zähnen ein, die so charakteristisch für die jeweiligen Herkunftsgegenden sind, dass es möglich ist, anhand ihrer beispielsweise Walrosselfenbein aus Grönland, Island und vom Weißen Meer zu unterscheiden. Bislang konnte nur eine sehr geringe Zahl von Proben mit dieser Methode analysiert werden und die Forscher betonen, dass umfassendere Untersuchungen nötig sein werden, um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen. Sie sind jedoch optimistisch, dass es bald sogar möglich sein wird, Walrosselfenbein aus Grönland verschiedenen Jagdplätzen dort eindeutig zuzuordnen. Dies dürfte neue Erkenntnisse über das Wesen des Handels mit diesem Luxusgut in Wikingerzeit und Mittelalter ermöglichen. Vielleicht wird sich dadurch auch die These erhärten, dass die Besiedlung sowohl Islands als auch Grönlands untrennbar mit der Walrossjagd in diesen neu entdeckten Gebieten verknüpft war.

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Northmen: A Viking Saga (2014)

Eine Gruppe aus ihrer Heimat vertriebener Wikinger erleidet im Jahr 873 Schiffbruch vor der schottischen Küste. Mit dem Leben, aber fast ohne Ausrüstung an Land gekommen, entführen die Nordleute sogleich die Tochter des dortigen Königs Dunchaid. Als dieser jedoch nicht das erhoffte Lösegeld zahlt, sondern ihnen eine Schar von als „Wolfspack“ bezeichneten Elitekriegern auf den Hals hetzt, beginnt eine gnadenlose Verfolgungsjagd. Mit Hilfe eines kriegerischen Mönchs versuchen die Wikinger, sich in das von Skandinaviern kontrollierte Gebiet in England durchzuschlagen. Nur wenige von ihnen erreichen jedoch am Ende die vermeintlich rettende Küste, wo sie bereits der finale Kampf gegen die Anführer des Wolfspacks erwartet…

„Northmen“, ein auf Englisch gedrehter Film des Schweizer Regisseurs Claudio Fäh, ist ein misslungener Versuch, von der momentanen Begeisterung für die Wikingerzeit – die unter anderem durch die TV-Serie Vikings ausgelöst wurde – zu profitieren. Wie so häufig dient die Wikingerzeit hier jedoch in erster Linie als Hintergrund einer schlecht verknüpften Ansammlung brutaler Kampfszenen. Dass das Setting im Grunde beliebig austauschbar ist, zeigt sich schon alleine daran, dass der Film nicht etwa in Schottland, sondern in Wahrheit in Südafrika gedreht wurde. Auf Historizität wurde zudem keinerlei Wert gelegt, wie etwa an den durchweg lächerlichen Kostümen zu erkennen ist.

Doch auch das Drehbuch selbst ist ausgesprochen einfallslos und der Ausgang der Geschichte von Anfang an vorhersehbar. Die Charaktere – von der hellseherischen Prinzessin über den kampfeslustigen Mönch bis hin zum edlen Wikingeranführer – sind ebenso wie sämtliche Dialoge äußerst platt und voller Stereotype, die aus anderen Wikingerfilmen abgekupfert wurden (natürlich rufen sämtliche Nordleute ständig „Walhalla“). Während jedoch in manchen Filmen gute schauspielerische Leistungen ein schlechtes Drehbuch einigermaßen wettmachen können, ist in „Northmen“ eher das Gegenteil der Fall: Die Darsteller wirken in ihren Rollen so unglaubwürdig, dass sie auch den geringsten Hauch von Spannung in diesem Film ruinieren. Da zudem keinerlei Komik (weder beabsichtigte noch unfreiwillige) feststellbar ist, geht der Unterhaltungswert des Ganzen gegen Null. Gäbe es einen Preis für den bislang schlechtesten Wikingerfilm dieses Jahrzehnts –„Northmen“ hätte ihn sich redlich verdient.

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Rudolf Simek: Die Schiffe der Wikinger (2014)

Rudolf Simek: Die Schiffe der Wikinger

Ohne Wikingerschiffe hätte es die Wikingerzeit nicht gegeben. Sie brachten Skandinavier nicht zur zum Plündern ins Frankenreich und auf die Britischen Inseln, sondern auch über die russischen Flüsse bis nach Byzanz. Sie waren es auch, die die Besiedlung nordatlantischer Inseln wie der Färöer, Islands und Grönlands durch Nordleute erst ermöglichten. Rudolf Simek, Professor für Skandinavistik an der Universität Bonn und selbst passionierter Segler, widmet nun ein ganzes Buch diesem wichtigsten Fortbewegungsmittel der Wikingerzeit.

Darin erläutert er die wenigen schriftlichen Quellen, die Informationen über Aussehen und kulturelle Bedeutung der Wikingerschiffe liefern, wie etwa Skaldenstrophen oder altnordische Sagas. Diese oft wenig aufschlussreichen Zeugnisse bestimmten die längste Zeit das neuzeitliche Wissen über die Schiffe der Wikinger. Erst durch archäologische Funde ab Ende des 19. Jahrhunderts konnte dieses Wissen beträchtlich erweitert werden. Ein Teil der Funde stammt aus Bootsgräbern, wie etwa das in Norwegen entdeckte Gokstadschiff und das reich mit Schnitzereien verzierte Osebergschiff, die heute beide im Wikingerschiffhaus in Oslo ausgestellt sind. Andere Schiffe wurden einst absichtlich als künstliche Barrieren versenkt und von Unterwasserarchäologen in aufwendigen Verfahren geborgen, wie etwa die Skuldelevschiffe aus dem Roskildefjord, die im Wikingerschiffmuseum in Roskilde besichtigt werden können.

Simek macht deutlich, dass es keineswegs nur die berühmten, zur Kriegsführung benutzten Langschiffe, sondern eine ganze Reihe weiterer Klassen von Wikingerschiffen gab – beispielsweise solche, die zu Handel und Transport dienten. In Kapiteln über Rudern, Segeln und Navigation räumt Simek mit einer Reihe insbesondere durch Wikingerfilme verbreiteter Missverständnisse auf. So konnten zwar tatsächlich auf manchen der Schiffe die typischen wikingerzeitlichen Rundschilde an der äußeren Bordseite befestigt werden, doch wurde damit das Rudern unmöglich, da so die Schilde die Ruderpforten blockierten. Anders als etwa in der Fernsehserie Vikings zu sehen, wo permanent bei außen angebrachten Schilden gerudert wird, dürften also Schilde nur beim Segeln und wohl eher Ausnahmsweise – vor allem zu Repräsentationszwecken – in dieser Weise eingesetzt worden sein. Auch für immer wieder in filmischen Darstellungen eingesetzte, angeblich wikingerzeitliche Navigationsgeräte wie Kompasse oder so genannte „Sonnensteine“ gibt es laut Simek keinerlei haltbare archäologische oder schriftliche Belege; vielmehr orientierte man sich in der Wikingerzeit hauptsächlich an Küstenlinien, der Sonnenhöhe und den Sternen und vertraute auf Erfahrungswissen.

Kapitel über die Entwicklung des Schiffsbaus in Skandinavien von der Jungsteinzeit bis zur Wikingerzeit, über die handwerklichen Vorgehensweisen beim Bau von Wikingerschiffen, die Bedeutung des Schiffes in der wikingerzeitlichen Religion sowie zur heutigen Verwendung von Wikingerschiffen etwa in Werbung und Firmenlogos runden den Band ab. Im Anhang finden sich ein hilfreiches Glossar, das nautisches Spezialvokabular erläutert, sowie Angaben zu weiterführender Literatur.

„Die Schiffe der Wikinger“ ist eine gelungene und sehr lesenswerte Darstellung zum Thema. Mit gut 100 Seiten ist das Buch zwar recht kurz, vermittelt jedoch weitaus umfangreichere und detailliertere Kenntnisse, als dies die in der Regel nur wenige Seiten umfassenden Kapitel über Wikingerschiffe in Gesamteinführungen zur Wikingerzeit (wie etwa in Arnulf Krauses „Die Welt der Wikinger“) leisten könnten. Wer bereits eine solche Einführung gelesen hat, jedoch noch mehr über die Schiffe der Wikinger, ihre Verwendung und ihren kulturellen Stellenwert erfahren möchte, ist daher mit diesem mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos, Skizzen und Karten illustrierten Band gut beraten.

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Schlechte Luft in Wikingerhäusern

Die Luft in wikingerzeitlichen Häusern war wahrscheinlich stark gesundheitsgefährdend. Das haben Wissenschaftler der Universität Aarhus und des Dänischen Nationalmuseums in einem Experiment herausgefunden.

Im Winter 2011/2012 hatten Freiwillige einmal für fünf und einmal für zehn Wochen in Rekonstruktionen eines wikingerzeitlichen Haustyps auf den Museumsgeländen des Moesgård Museums und des Wikingerhafens Bork gelebt. Die Bedingungen sollten dabei so exakt wie möglich denen der Wikingerzeit entsprechen. So trugen die Freiwilligen entsprechende Kleidung, gingen typischen häuslichen Tätigkeiten der Wikingerzeit nach und nutzten ein offenes Holzfeuer zum Kochen, zum Heizen und als Lichtquelle.

Die für das Experiment verwendeten Häuser sind in der wikingerzeitlichen Stadt Haithabu gefundenen nachgebildet. Diese verfügten über eine äußere Wand aus Flechtwerk und Lehm und hatten Reetdächer. Die Innenwände und Türen waren aus Holz. Im Inneren waren die Häuser unterteilt in einen zentralen Wohnraum, an der Westseite einen Seitenraum für Haushaltstätigkeiten und an der Ostseite einen weiteren Seitenraum für verschiedene Arbeiten. Im Wohnraum gab es Erhöhungen an den Längsseiten, die als Sitzbänke und als Betten zugleich dienten. Die Häuser waren ca. 12 Meter lang und 5 Meter breit, die zentralen Wohnräume hatten eine Fläche von etwa 4 mal 5 Metern. In der Mitte des Wohnraums befand sich eine offene Feuerstelle. Schornsteine gab es nicht. Rauch zog durch ein Loch im Dach direkt über der Feuerstelle ab, das mit einer mittels eines Seils justierbaren Klappe versehen war.

In dem Experiment verwendeten die Freiwilligen Birken- und Eschenholz als Brennstoff. Das Feuer wurde an den meisten Tagen von 7:30 Uhr am Morgen bis etwa 22 Uhr am Abend unterhalten und erlöschte während der Nacht. Im Laufe des Experiments wurde an verschiedenen Stellen im Haus der Gehalt der Luft an Feinstaub, Kohlenstoffmonoxid und Kohlenstoffdioxid gemessen. Einige der Sensoren waren an der Kleidung von Freiwilligen befestigt, um möglichst genau die Werte der von diesen eingeatmeten Luft feststellen zu können.

Die Messwerte überschritten dabei meist deutlich die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Grenzwerte für mittel- und langfristige Belastung. Sie lagen sogar weit über den Durchschnittswerten, die aus mit offenen Feuern beheizten Wohnstätten in heutigen Entwicklungsländern bekannt sind. Die Forscher führen einen Teil dieser hohen Werte zurück auf mangelnde Erfahrung der Teilnehmenden darin, ein offenes Holzfeuer so zu versorgen, dass es zu möglichst geringer Rauchentwicklung kommt. Sie betonen jedoch, dass selbst bei einer Halbierung der Messwerte diese noch immer deutlich höher wären als Vergleichswerte aus Entwicklungsländern der Gegenwart.

Doch nicht nur im Inneren den Häuser herrschten gesundheitsschädliche Bedingungen. Aus Messungen des Rauchs, der nach draußen in die Umgebung der Häuser gelangte, schließen die Wissenschaftler, dass die Luft im Freien in wikingerzeitlichen Städten wie Haithabu ebenfalls deutlich erhöhte Feinstaubwerte aufwies. Die Forscher nehmen an, dass das lebenslange Einatmen von Rauch in der Wikingerzeit eine häufige Krankheitsursache darstellte. Denn es ist  bekannt, dass in heutigen Entwicklungsländern  inbesondere Frauen und Kinder, die nahezu permanent dem Rauch von offenen Feuerstellen ausgesetzt sind, sehr häufig unter Atemwegs- und Kreislauferkrankungen leiden. Viele Menschen sterben vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung – und das dürfte in Anbetracht der Ergebnisse des Experiments wohl auch in der Wikingerzeit der Fall gewesen sein.

Die Ergebnisse des Experiments wurden 2014 in der wissenschaftlichen Zeitschrift Indoor Air veröffentlicht. Der betreffende Artikel kann hier (kostenpflichtig) abgerufen werden.

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Neues aus dem wikingerzeitlichen Dänemark

Den Wikingern in Dänemark widmet sich die neueste Ausgabe von Kennzeichen DK, die Zeitschrift der dänischen Botschaft in Deutschland (kostenloser Download hier). Die thematisch bunt gemischten Artikel handeln beispielsweise vom Landleben im wikingerzeitlichen Dänemark, von der Entstehung erster Städte wie Haithabu und Ribe sowie von dem dänischen Königssitz Jelling mit seinem beeindruckenden wikingerzeitlichen Erbe.

Ganz aktuell wird über den Fund einer Ringburg in der Nähe der Stadt Køge vom September 2014 berichtet, die wahrscheinlich wie die vier anderen bislang bekannten solchen Ringburgen aus der Regierungszeit Harald Blauzahns und somit aus dem 10. Jahrhundert n. Chr. stammt. Eine Liste dänischer Museen mit Wikingerzeitbezug sowie ein Bericht über das erst im Oktober 2014 eröffnete neue Museum in Moesgaard liefern Tipps für den nächsten Urlaub im Norden.

Auch über das neuzeitliche, recht positive Bild der Wikingerzeit in Dänemark wird berichtet: Waren es während der dänischen Nationalromantik Dichter wie Adam Oehlenschläger (1779-1850), die die Wikinger verherrlichten, setzt heute vor allem die Werbebranche bei einer Vielzahl von Produkten auf deren Anziehungskraft.

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Stellenangebote für Wikingerinnen und Wikinger

Etliche interessante Stellenangebote für Wikingerinnen und Wikinger gibt es gerade beim Wikingermuseum in Borg auf der norwegischen Inselgruppe Lofoten.

Gesucht werden beispielsweise zwei Kapitäne, die in der Zeit vom 15. Juni bis 15. August 2015 mit den museumseigenen Wikingerschiffen (Nachbauten des berühmten Gokstadschiffes) auf Fahrt gehen. Segelerfahrung und Bootführerschein sind von Vorteil. Die Beherrschung von zwei Sprachen – eine davon Norwegisch oder Englisch – wird vorausgesetzt.

Auch für viele weitere Aufgaben im und ums Museum werden für die kommende Sommersaison engagierte Wikingerinnen und Wikinger gesucht: Für Führungen auf dem Museumsgelände, die Demonstration und Vermittlung alter Handwerkstechniken, sowie für die Betreuung des Museumscafés und des Museumsladens.

Alle Stellenausschreibungen auf Norwegisch finden Sie hier. Informationen auf Englisch zu den angebotenen Jobs und zum Bewerbungsverfahren sind hier verfügbar. Das Ende der Bewerbungsfrist für alle ausgeschriebenen Stellen ist der 16. Februar 2015.

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