Þórarinn Nefjólfsson – Thorarin Nefjolfsson

Die folgende kurze Episode stammt aus der Saga von Olaf dem Heiligen, die in Snorri Sturlusons Heimskringla (“Weltenkreis”), einer Geschichte der norwegischen Könige, enthalten ist. Snorri (1178-1241) war einer der bedeutendsten isländischen Verfasser des 13. Jahrhunderts. Von ihm stammen auch die sogenannte Prosa-Edda und höchstwahrscheinlich die Egils saga.

Olaf der Heilige war von 1016 bis 1030 König von Norwegen.

 

Ein Mann hieß Thorarin Nefjolfsson. Er war Isländer und stammte aus dem Norden des Landes. Er gehörte nicht zu einer bedeutenden Familie, war aber sehr klug und redegewandt und sprach freimütig mit ranghohen Menschen. Er war Kauffahrer und hielt sich lange außer Landes auf.

Thorarin war ein sehr häßlicher Mann, und das wurde vor allem durch die unvorteilhafte Art seiner Gliedmaßen verursacht. Er hatte große, häßliche Hände, aber seine Füße waren noch viel häßlicher.

Thorarin hielt sich gerade in Tønsberg auf, als das geschah, wovon zuvor berichtet wurde. Er war König Olaf von früheren Gesprächen her bekannt. Thorarin belud dort das Handelsschiff, das ihm gehörte, und wollte im Sommer nach Island fahren. König Olaf hatte Thorarin einige Tage bei sich zu Gast und unterhielt sich mit ihm. Thorarin schlief in der Unterkunft des Königs.

Einmal wachte der König früh am Morgen auf, während die anderen Männer in der Unterkunft noch schliefen. Die Sonne war erst ein wenig aufgegangen, aber es war schon sehr hell drinnen. Der König sah, daß Thorarin einen Fuß unter der Bettdecke hervorgestreckt hatte. Er blickte eine Zeit lang auf den Fuß. Dann wachten die Männer in der Unterkunft auf.

Der König sagte zu Thorarin: “Ich bin schon vor einiger Zeit aufgewacht, und da habe ich etwas gesehen, das mir sehr bemerkenswert erscheint, nämlich einen menschlichen Fuß, wie es meiner Meinung nach keinen häßlicheren hier in der Stadt geben kann.” Er forderte die anderen Männer auf, zu überlegen, ob es ihnen auch so vorkäme.

Und alle, die den Fuß sahen, bestätigten, daß das zutraf.

Thorarin merkte, worüber das gesagt worden war und antwortete: “Weniges ist so einzigartig, daß es nicht möglich ist, etwas Vergleichbares zu finden, und es ist sehr wahrscheinlich, daß es hier noch so einen Fuß gibt.”

Der König sprach: “Ich würde trotzdem weiterhin behaupten, daß sich kein genauso häßlicher Fuß finden wird, selbst wenn ich darauf wetten müßte.”

Da sprach Thorarin: “Ich bin dazu bereit, mit Euch darauf zu wetten, daß ich hier in der Stadt einen häßlicheren Fuß finden werde.”

Der König sagte: “Dann soll der von uns, der recht hat, bei dem anderen einen Wunsch frei haben.”

“So soll es sein,” sagte Thorarin.

Dann streckte er seinen anderen Fuß unter der Decke hervor, der nicht im geringsten schöner war, aber von dem fehlte der große Zeh.

Da sprach Thorarin: “Schau hier auf den anderen Fuß, König. Der ist noch häßlicher, weil von ihm ein Zeh fehlt, und ich habe damit die Wette gewonnen.”

Der König sagte: “Der erste Fuß ist deswegen unschöner, weil an ihm fünf abscheuliche Zehen sind, aber an diesem nur vier. Und ich darf mir etwas von dir wünschen.”

 

Thorarin muß wegen der verlorenen Wette eine Auftragsfahrt nach Grönland übernehmen, wird aber als Ausgleich in das Gefolge des Königs aufgenommen.

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