Snorra-Edda – Die Edda des Snorri Sturluson

Aus der Snorra-Edda (Gylfaginning): Anfang und Ende der Welt

Im Folgenden sind die Abschnitte aus dem ersten Teil der Edda des Snorri Sturluson (Snorra-Edda) übersetzt, die sich mit der Entstehung der Welt und ihrem Ende befassen. Darin werden zahlreiche Strophen aus eddischen Liedern, insbesondere Völuspá, der “Weissagung der Seherin” zitiert. Die Rahmenhandlung wird durch ein Frage-Antwort-Gespräch zwischen dem schwedischen König Gylfi, der sich zu den Asen begeben hat, um herauszufinden, ob diese Götter sind, und drei Antwortenden mit den Namen Hár (“Hoch”), Jafnhár (“Ebensohoch”) und Þriði (“Dritter”) gebildet. Sollten Gangleri die Fragen ausgehen oder er nicht klug genug fragen, droht ihm der Tod.

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Gangleri sprach: “Was war der Anfang? Und wie begann es? Und was war zuvor?”

Hár antwortet: “So, wie es in Völuspá, der Weissagung der Seherin, heißt:

 

Einst war das Zeitalter,
in dem nichts war.
Es waren nicht Sand, noch Meer,
noch kalte Wellen.
Erde gab es nicht,
nicht Überhimmel,
aber den Abgrund Ginnung,
aber kein Gras.”

 

Dann spricht Jafnhár: “Es war viele Zeitalter bevor die Erde geschaffen wurde, dass Niflheimr ge-macht wurde, und in seiner Mitte liegt der Brunnen, der Hvergelmir heißt, und von dort entspringen die Flüsse, die so heißen: Svöl, Gunnþrá, Fjörm, Fimbulþul, Slíðr und Hríð, Sylgr und Ylgr, Víð und Leiptr; Gjöll liegt am nähsten an den Helgrindir.”

Da spricht Þriði: “Zuerst war doch die Weltgegend in der Südhälfte, die Muspell heißt. Sie ist hell und heiß. Diese Himmelsrichtung ist lodernd und brennend. Sie ist auch unpassierbar für die, die dort fremd sind und nicht dort ihre Erbsitze haben. Der, der am Ende des Landes zur Landesverteidigung sitzt, heißt Surtr. Er hat ein loderndes Schwert, und am Ende der Welt wird er losziehen, verheeren, alle Götter besiegen und die ganze Welt mit Feuer verbrennen. So heißt es in Völuspá:

 

Surtr zieht von Süden,
mit Feuer.
Es scheint vom Schwert
die Sonne der Walstattgötter.
Felsklippen stürzen,
und Unholdinnen rennen.
Männer betreten den Helveg,
und der Himmel spaltet sich.

 

Gangleri spricht: “Wie war es geordnet, ehe die Geschlechter entstanden und das Menschenvolk sich vermehrte?”

Da spricht Hár: “Die Flüsse, die Élivágar genannt werden, waren so weit von ihrer Quelle weg ge-kommen, dass die giftige Gischt, die sie mit sich führten, sich verhärtete wie Schlacke, die aus dem Feuer herausrinnt. Sie wurde da zu Eis, und als dieses Eis zum Stehen kam und nicht weiterfloss, da legte sich der Sprühregen darüber, der von dem Gift ausging, und gefror zu Raureif, und es vermehrte den Reif Schicht um Schicht in Ginnungagap.”

Dann sprach Jafnhár: “Ginnungagap, das in nördliche Richtung wies, füllte sich mit dem Gewicht und der Schwere des Eises und des Reifs und weiter hinein gab es Sprühregen und Windböen. Der südliche Teil Ginnungagaps aber wurde leichter durch Funken und Glutteilchen, die aus Muspellsheimr herausflogen.”

Dann sprach Þriði: “So, wie es von Niflheimr kalt kam und alles lebensfeindlich war, so war das, was nahe bei Muspell lag, heiß und hell, Ginnungagap aber war so mild wie windstille Luft. Und als sich da der Reif und der Luftstrom der Hitze trafen, taute es und tropfte, und aus diesen Gischttropfen wurde etwas lebendig mit der Kraft dessen, der die Hitze sandte, und es entstand eine menschliche Gestalt, und dieser wurde Ymir genannt. Die Reifriesen aber nennen ihn Aurgelmir, und von da stammen die Geschlechter der Reifriesen, so, wie es in der kurzen Völuspá heißt:

 

Alle Seherinnen
stammen von Viðólfr,
alle Zauberer
von Vilmeiðr,
und die Zauberträger
von Svarthöfði,
alle Riesen
sind von Ymir gekommen.

 

Und hier spricht so der Riese Vafþrúðnir:

 

Woher Aurgelmir kam
mit den Riesensöhnen
zuerst, der weise Riese:

 

Dann, als aus den Élivágar
Gifttropfen sprangen
und es anwuchs, bis daraus ein Riese ward,
daher sind unsere Geschlechter
allesamt gekommen;
desshalb ist es immer ganz schrecklich.

 

Da spricht Gangleri: “Wie wuchsen von da an die Geschlechter oder wurde es so geschaffen, dass es mehr Menschen wurden? Und haltet ihr diesen für einen Gott, von dem du jetzt erzählt hast?” Da antwortete Hár: “Auf keinen Fall akzeptieren wir ihn als Gott. Er war schlecht, und auch alle seine Verwandten. Die nennen wir Reifriesen. Und es heißt, dass, als er schlief, er einen Schweißausbruch bekam. Da wuchsen ihm unter seinem linken Arm ein Mann und eine Frau, und sein einer Fuß zeugte mit dem anderen einen Sohn. Und von daher kommen die Geschlechter. Das sind Reifriesen. Der alte Reifriese, den nennen wir Ymir.”

Da spricht Gangleri: “Wo hauste Ymir und von was lebte er?”

“Es geschah als nächstes, als der Reif tropfte, dass daraus die Kuh entstand, die Auðhumla hieß. Aus ihrem Euter rannen vier Milchflüsse, und sie ernährte Ymir.”

Da spricht Gangleri: “Von was ernährte sich die Kuh?”

Hár sagt: “Sie leckte die bereiften Steine ab, die salzig waren. Und am ersten Tag, als sie Steine ableckte, kam am Abend aus dem Stein das Haar eines Mannes, am zweiten Tag der Kopf des Mannes, und am dritten Tag war da der ganze Mann. Dieser heißt Búri. Er war von schönem Angesicht, groß und stark. Er zeugte einen Sohn, der Borr hieß. Der heiratete die Frau, die Bestla hieß, eine Tochter des Riesen Bölþorn, und sie bekamen drei Söhne. Der erste hieß Óðinn, der zweite Vili, der dritte Vé. Und es ist mein Glaube, dass Óðinn und seine Brüder die Lenker des Himmels und der Erde sind. Wir glauben, dass er so heißen wird. So heißt der Mann, den wir als den größten und hervorragendsten wissen, und ihr werdet ihn wohl so heißen lassen können.”

Da spricht Gangleri: “Was wurde dann aus ihrem Einvernehmen, oder welche von beiden waren mächtiger?”

Da antwortet Hár: “Bors Söhne erschlugen den Riesen Ymir. Aber als er fiel, da spritzte so viel Blut aus seinen Wunden, dass sie damit das gesamte Geschlecht der Reifriesen ertränkten. Nur einer kam mit seinem Hausvolk davon. Den nennen die Riesen Bergelmir. Er und seine Frau kletterten auf ihren Mühlsteinkasten hinauf und überlebten da, und von ihnen stammen die Geschlechter der Reifriesen ab, wie es hier heißt:

 

Eine Unzahl von Jahren
ehe die Erde geschaffen wurde,
da wurde Bergelmir geboren;
das, woran ich mich als erstes erinnere,
ist, wie dieser weise Riese
auf ein Mühlengestell gelegt wurde.

 

Da antwortet Gangleri: “Was taten dann Bors Söhne, wenn du glaubst, dass sie Götter sind?”

Hár sagt: “Davon ist nicht wenig zu erzählen. Sie nahmen Ymir und brachten ihn mitten in Ginnungagap und machten aus ihm die Erde. Aus seinem Blut das Meer und die Seen; die Erde wurde aus dem Fleisch gemacht, die Felsen aber aus den Knochen, Steine und Geröll machten sie aus Zähnen und Backenzähnen und aus den Knochen, die zerbrochen waren.”

Da spricht Jafnhár: “Aus dem Blut, das aus den Wunden rann und frei herumströmte, machten sie das Meer, als sie die Erde machten und befestigten, und sie legten dieses Meer außen rund um sie herum, und es wird den meisten Menschen unmöglich erscheinen, darüber zu kommen.”

Da spricht Þriði: “Sie nahmen auch seinen Schädel und machten daraus den Himmel und platzierten ihn über der Erde mit vier Ecken, und unter jede Ecke setzten sie einen Zwerg. Die heißen so: Austri, Vestri, Norðri und Suðri. Dann nahmen sie die Funken und Glutteilchen, die frei herumflogen und die aus Muspellsheim geworfen worden waren, und platzierten sie mitten auf dem Ginnungahimmel, sowohl von oben als auch von unten, um Himmel und Erde zu erleuchten. Sie gaben allen Blitzen ihren Platz, einigen am Himmel, einige bewegten sich frei unter dem Himmel, aber sie gaben ihnen dennoch einen Platz und schufen ihnen ihren Weg. So wird in alten Kunden berichtet, dass von da an die Tage und die Zeitrechnung eingeteilt wurden, so, wie es in Völuspá heißt:

 

Die Sonne wusste nicht
wo sie daheim war.
Der Mond wusste nicht
welche Kraft er hatte.
Die Sterne wussten nicht
wo sie Heimstatt hätten.

 

So verhielt es sich mit der Erde vor dem jetzt Erzählten.”

Da spricht Gangleri: “Das sind große Geschehnisse, von denen ich jetzt höre. Ein äußerst großes Bauwerk ist das und kunstfertig gemacht. Wie wurde die Erde gestaltet?”

Da antwortet Hár: “Sie ist kreisförmig von außen her, und dort außen herum liegt das tiefe Meer, und am Strand dieses Meeres entlang gaben sie den Riesengeschlechtern Land als Wohnstatt. Aber weiter nach innen auf der Erde machten sie einen Wall rund um die Welt gegen die Streitlust der Riesen, und für diesen Wall nahmen sie die Augenbrauen des Riesen Ymir, und sie nannten diesen Wall Miðgarðr. Sie nahmen auch sein Gehirn, warfen es in die Luft und machten daraus die Wolken, wie es hier heißt:

 

Aus Ymirs Fleisch
wurde die Erde geschaffen
und aus dem Blut das Meer,
Felsen aus Knochen,
Bäume aus dem Haar
und aus dem Schädel der Himmel.

 

Aber aus seinen Brauen
machten die freundlichen Götter
Miðgarðr den Menschensöhnen,
und aus seinem Gehirn
wurden all die hartgemuten
Wolken geschaffen.

 

Da spricht Gangleri: “Viel scheinen sie mir zuwege gebracht zu haben, als Erde und Himmel gemacht wurden und Sonne und Himmelskörper platziert und die Tage eingeteilt wurden. Aber woher kamen die Menschen, die die Welt bewohnen?”

Da antwortet Hár: “Als Bors Söhne am Meeresstrand entlang gingen, fanden sie zwei Bäume. Sie hoben die Bäume hoch und schufen daraus Menschen. Der erste gab Atem und Leben, der zweite Verstand und Bewegung, der dritte Gestalt, Sprache, Hören und Sehen. Sie gaben ihnen Kleidung und Namen. Der Mann hieß Askr und die Frau Embla, und von daher entstand die Menschheit, der Wohnstatt hinter Miðgarðr gegeben wurde. Als nächstes machten sie sich eine große Burg in der Mitte der Welt, die Ásgarðr genannt wird. Das nennen wir Troja. Dort wohnten die Götter und ihre Geschlechter und es kam von dort her zu vielen Ereignissen und Zwistigkeiten sowohl auf der Erde als auch in der Luft. Dort gibt es einen Ort, der Hliðskjálf heißt, und wenn sich Óðinn dort in den Hochsitz setzte, dann sah er über die ganze Welt und eines jeden Menschen Verhalten und erfuhr von allen Dingen, die er sah. Seine Frau hieß Frigg Fjörgvinsdóttir, und von ihrem Geschlecht ist die Nachkommenschaft gekommen, die wir das Geschlecht der Asen nennen, die das alte Ásgarðr bewohnt haben und die Reiche, die dazu gehören, und das ist ein ganz von Göttern stammendes Geschlecht. Und deshalb kann er Allvater heißen, weil er der Vater aller Götter und Menschen ist und all dessen, was durch ihn und seine Kraft vollbracht wurde. Die Erde war seine Tochter und seine Frau. Aus ihr machte er den ersten Sohn, und das ist Asen-Þórr. Ihn begleiteten Kraft und Stärke. Dadurch besiegt er alle Lebewesen.”

 

Da spricht Gangleri: “Welche Begebenheiten sind von Ragnarøkr zu erzählen? Davon habe ich zuvor noch nichts gehört.”

Hár sagt: “Große und zahlreiche Begebenheiten sind davon zu erzählen. Als erstes, dass der Winter kommt, der Fimbulwinter genannt wird. Da gibt es Schneetreiben aus allen Himmelsrichtungen. Es gibt starken Frost und starke Winde. Man hat keinen Nutzen von der Sonne. Es kommen drei dieser Winter zusammen und kein Sommer dazwischen. Aber zuvor vergehen weitere drei Winter, in denen es in der gesamten Welt große Kämpfe gibt. Da erschlagen Brüder sich aus Gier und keiner schont Vater oder Sohn bei Totschlägen und Zerstörung der Verwandtschaft. So heißt es in Völuspá:

 

Brüder werden sich bekämpfen
und sich zu Tötern werden,
Geschwisterkinder werden
das Vertrauen vernichten.
Hart ist es bei den Menschen,
große Hurerei,
Axtzeit, Schwertzeit,
gespaltene Schilde,
Windzeit, Wolfszeit,
ehe die Welt einstürzt.

 

Dann geschieht das, das für ein großes Ereignis gehalten wird, dass der Wolf die Sonne verschlingt, und das halten die Menschen für einen großen Verlust. Dann packt ein zweiter Wolf den Mond, und auch der richtet großen Schaden an. Die Sterne verschwinden vom Himmel. Dann geschieht es auch, dass die gesamte Erde bebt, Felsen und Wälder werden aus der Erde herausgelöst, die Felsen stürzen herab und alle Fesseln und Bande zerbrechen und zerreißen. Dann kommt der Fenriswolf frei. Dann stürzt das Meer auf die Länder, weil sich die Miðgarðschlange in Riesenzorn dreht und aufs Land hinaufstrebt. Dann geschieht es auch, dass Naglfar los kommt, das Schiff, das so heißt. Das ist aus den Nägeln toter Menschen gemacht, und deshalb ist die Warnung angebracht, wenn jemand mit ungeschnittenen Nägeln stirbt, dass derjenige viel Baustoff zum Schiff Naglfar beiträgt, von dem die Götter und Menschen spät wöllten, dass es fertig würde. Aber in diesem hohen Seegang treibt Naglfar. Hrymr heißt der Riese, der Naglfar steuert. Der Fenriswolf aber läuft mit aufgesperrtem Maul, und der Oberkiefer ist am Himmel, der Unterkiefer aber auf der Erde. Er würde es noch mehr aufreißen, wenn Platz dazu da wäre. Aus seinen Augen und der Nase brennen Feuer. Die Miðgarðschlange bläst so das Gift, dass sie die ganze Luft und das Wasser bespritzt, und sie ist ganz schrecklich. Sie ist auf der anderen Seite des Wolfs. In diesem Getöse spaltet sich der Himmel und von dort reiten Muspells Söhne heran. Surtr reitet als erster und sowohl vor ihm als auch hinter ihm ist brennendes Feuer. Sein Schwert ist sehr gut. Von ihm scheint es heller als von der Sonne. Aber wenn sie über Bifröst reiten, dann zerbricht sie, wie zuvor erzählt wurde. die Muspellsmächte dringen auf die Ebene vor, die Vígríðr heißt. Dorthin kommen dann auch der Fenriswolf und die Miðgarðschlange. Dorthin ist dann auch Loki gekommen und Hrymr, und mit ihm alle Reifriesen; Loki begleiten alle Gefährten der Hel. Die Muspellssöhne haben aber eine eigene Schlachtreihe; die ist sehr hell. Die Ebene Vígríðr misst hundert Wegstrecken an jeder Seite.

Aber wenn sich dies zuträgt, dann steht Heimdallr auf und bläst heftig in das Gjallarhorn. Er weckt alle Götter auf und sie treffen sich zum Þing. Dann reitet Óðinn zu Mímirs Brunnen und holt sich Rat von Mímir für sich und sein Gefolge. Da schwankt die Esche Yggdrasil und kein Ding ist da ohne Furcht im Himmel oder auf der Erde. Die Asen und alle Einherjar legen sich Rüstung an und drängen auf die Ebene. Als erster reitet Óðinn mit einem goldenen Helm, einer schönen Brünne und seinem Speer, der Gungnir heißt. Er wendet sich dem Fenriswolf entgegen. Þórr dringt auf seiner anderen Seite nach vorne, aber er kann ihm nicht helfen, weil er alle Hände voll damit zu tun hat, gegen die Miðgarðschlange zu kämpfen. Freyr kämpft gegen Surtr und es gibt einen harten Zusammenstoß, ehe Freyr fällt. Es wirt sein Tod, dass ihm das gute Schwert fehlt, das er Skírnir gab. Da ist auch der Hund Garmr freigekommen, der vor der Höhle Gnipahellir festgebunden ist. Er ist ein äußerst großes Ungeheuer. Er kämpft gegen Týr und jeder wird zum Töter des anderen. Þórr empfängt den Tod von der Miðgarðschlange und stapft von dort neun Fuß weit weg. Dann fällt er tot zur Erde wegen dem Gift, das die Schlange auf ihn bläst. Der Wolf verschlingt Óðinn. Das wird sein Tod. Aber sogleich darauf rückt Víðarr vor und steigt mit dem einen Fuß in den Unterkiefer des Wolfs. (An diesem Fuß hat er den Schuh, für den das gesamte Zeitalter lang gesammelt worden ist: Das sind die Lederstreifen, die Menschen aus ihren Schuhen schneiden vor den Zehen und der Ferse. Deswegen soll derjenige, der daran denken will, den Asen zu helfen, diese Lederstreifen wegwerfen.) Mit der einen Hand packt er den Oberkiefer des Wolfs und zerreißt seinen Rachen und das wird der Tod des Wolfs. Loki hat einen Kampf mit Heimdallr und jeder der beiden wird der Töter des anderen. Als nächstes schleudert Surtr Feuer über die Erde und die ganze Welt brennt.

 

Laut bläst Heimdallr
das Horn ragt auf.
Óðinn spricht
mit Míms Haupt.
Die Esche Yggdrasill
erbebt stehend,
es dröhnt der alte Baum
und der Riese wird frei.

 

Was ist mit den Asen?
Was ist mit den Alben?
Ganz Riesenheim dröhnt.
Die Asen sind beim Thing.
Zwerge stöhnen
vor Steintüren,
die Fürsten der Felswände.
Wisst ihr noch mehr, und was?

 

Hrymr fährt von Osten,
hält vor sich einen Schild.
Jörmungandr wälzt sich
in Riesenzorn.
Die Schlange schlägt Wellen,
der Adler wird kreischen,
der rostfahle reißt an der Leiche,
Naglfar kommt frei.

 

Ein Schiff fährt von Osten,
Muspells Leute werden kommen
über das Meer,
und Loki steuert.
Dort sind die Söhne des Ungeheuers
mit allen Wölfen.
Mit ihnen kommt
Býleists Bruder gefahren.

 

Surtr zieht von Süden,
mit Feuer.
Es scheint vom Schwert
die Sonne der Walstattgötter.
Felsklippen stürzen,
und Unholdinnen rennen.
Männer betreten den Helveg,
und der Himmel spaltet sich.

 

Da kommt Friggs
zweiter Kummer,
wenn Óðinn loszieht
mit dem Wolf zu kämpfen,
und der helle Freyr
gegen Surtr:
da wird Friggs
Wonne fallen.

 

Óðins Sohn geht
mit dem Wolf zu kämpfen;
Víðarr ist auf dem Weg
zum Walstatttier.
Er lässt Lokis Sohn
das Schwert
im Herz stecken.
Da ist der Vater gerächt.

 

Es geht der berühmte
Þórr
mit Mühe zur Natter
Hohn nicht fürchtend.
Alle Menschen werden
ihre Heimstatt räumen,
wenn ihn voll Zorn tötet
die Miðgarðschlange.

 

Die Sonne wird schwarz werden,
die Erde sinkt ins Meer.
Es verschwinden vom Himmel
die klaren Sterne.
Es rast der Dampf
und das Feuer,
es züngelt hohe Lohe
am Himmel selbst.

 

Hier heißt es erneut so:

 

Vígríðr heißt die Ebene,
wo sich zum Kampf treffen
Surtr und die trauten Götter.
Hundert Meilen
misst sie in jede Richtung.
Diese Ebene ist ihnen zugewiesen.

 

Da spricht Gangleri: “Was geschieht, nachdem der Himmel, die Erde und die gesamte Welt verbrannt sind und alle Götter, Einherjar und Menschen tot sind? Aber ihr habt zuvor gesagt, dass jeder Mensch in allen Zeiten in irgendeiner Welt leben wird?”

Da sagt Þriði: “Es gibt dann viele gute und viele schlechte Aufenthaltsorte. Am besten ist es dann in Gimlé am Himmel zu sein, und es gibt reichlich Gelegenheit zu gutem Trunk für den, dem das ver-gnüglich erscheint, in dem Saal, der Brimir heißt. Er steht auch am Himmel. Auch der Saal, der auf den Bergen Niðafjöll steht, ist sehr gut, gebaut aus rotem Gold. Er heißt Sindri. In diesen Sälen wer-den gute und tugendhafte Menschen wohnen. An den Stränden Nástrandir gibt es einen großen und üblen Saal, und die Türen gehen nach Norden hinaus. Er ist auch ganz aus Schlangenrücken geflochten wie ein Haus aus Flechtwerk, und die Schlangenköpfe weisen alle ins Haus hinein und spucken Gift, so dass im Saal Giftströme fließen, und durch diese Flüsse waten Eidbrecher und Mörder, so wie es hier heißt:

 

Einen Saal weiß ich stehen
fern der Sonne
an den Náströnd.
Die Tür weist nach Norden.
Gifttropfen fallen
hinein vom Rauchloch.
Der Saal ist gewebt
aus Schlangenrücken.
Dort sollen waten
durch schwere Ströme
meineidige Menschen
und Mörder.

 

Aber in Hvergelmir ist es am schlimmsten:

 

Dort quält Níðhöggr
die Leichen der Gestorbenen.

 

Da spricht Gangleri: “Leben dann noch irgendwelche Götter? Und gibt es dann noch irgendwelche Erde oder Himmel?”

Hár sagt: “Es erhebt sich die Erde aus dem Meer, und sie ist dann grün und schön. Dann wachsen Äcker ungesäht. Víðarr und Váli leben, so dass das Meer und das Surtfeuer ihnen nicht geschadet haben, und sie wohnen auf der Ebene Íðavöllr, da, wo zuvor Ásgarðr war. Und dorthin kommen dann die Söhne Þórs, Móði und Magni, und bringen Mjöllnir dorthin. Als nächstes kommen Baldr und Höðr aus der Hel dorthin. Dann setzen sich alle zusammen, erinnern sich an ihre Runen und sprechen über die Ereignisse, die sich vorher zugetragen haben, über die Miðgarðschlange und über den Fenriswolf. Dann finden sie im Gras die goldenen Spielsteine, die den Asen gehört hatten. So wird erzählt:

 

Víðarr und Váli
bewohnen die Heiligtümer der Götter
dann, wenn die Surtlohe schwarz wird.
Móði und Magni
werden Mjöllnir besitzen
nach Þórs Totschlag.

 

Aber an dem Ort, der Hoddmímirs Gehölz heißt, verbergen sich zwei Menschen während des Surt-feuers, die so heißen: Líf und Leifþrasir, und sie nehmen Morgentau als Nahrung. Und von diesen Menschen kommt ein so großes Geschlecht, dass die gesamte Welt besiedelt wird. So, wie es hier heißt:

 

Líf und Leifþrasir;
und sie werden sich verbergen
im Holz Hoddmímirs.
Morgentau
verwenden sie als Speise für sich,
und von da an mehren sich die Menschen.

 

Und es wird dir sonderbar erscheinen, dass die Sonne eine Tochter gezeugt hat, nicht weniger schön, als sie es ist, und die zieht die Bahn ihrer Mutter entlang, wie es hier heißt:

 

Eine Tochter
gebiert die Sonne
ehe Fenrir sie vernichtet.
Diese wird reiten
wenn die Götter sterben
auf der herrlichen Bahn der Mutter.

 

Aber jetzt, falls du noch mehr fragen kannst, dann weiß ich nicht, woher dir das kommt, denn keinen Menschen hörte ich länger vom Gang der Welt erzählen. Und nütze nun das, was du gelernt hast.” Als nächstes hörte Gangleri großes Getöse in jeder Richtung von ihm aus, und er blickte zur Seite. Und als er sich mehr umsah, da steht er draußen auf ebenem Feld und sieht da keine Halle und keine Burg. Daraufhin zieht er seines Weges, kommt nach Hause in sein Reich und erzählt von den Begebenheiten, die er gesehen und gehört hat. Und nach ihm erzählte ein Mensch dem anderen diese Geschichten.

Die Asen aber setzen sich da zum Gespräch, beratschlagen sich und erinnern sich an alle diese Geschichten, die ihm erzählt worden waren. Und sie geben dieselben Namen, die zuvor genannt worden waren, den Menschen und Orten, die dort waren, zu dem Zweck, dass dann, wenn lange Zeit verginge, die Menschen nicht daran zweifeln sollten, dass sie alle eines seien, die Asen, von denen nun erzählt wurde und diejenigen, denen dann dieselben Namen gegeben wurden. Einer wurde dann Þórr genannt – und das ist Asen-Þórr der Alte, das ist Ökuþórr – und ihm werden die Großtaten zugeschrieben, die Þórr (Ector) in Troja vollbrachte. Aber das glauben die Menschen, dass die Türken von Ulixes erzählt haben und sie ihn Loki genannt haben, weil die Türken seine größten Feinde waren.

Übersetzt von Reinhard Hennig, www.wikinger.org.
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