Helga þáttr Þórissonar – Die Geschichte von Helgi Thorisson

1. Helgi trifft Ingibjörg

Ein Mann hieß Thorir. Er wohnte auf dem Hof, der Raudaborg heißt. Dieser Hof liegt nicht weit weg von der Vik [dem Oslofjord]. Thorir hatte zwei Söhne. Der eine hieß Helgi, der andere Thorstein. Beide waren tüchtige Männer, aber Helgi war doch seinem Bruder an Geschicklichkeit überlegen. Ihr Vater hatte die Stellung eines Hersir inne und war mit König Olaf befreundet.

Eines Sommers unternahmen die Brüder eine Handelsfahrt nach Norden in die Finnmark, um Butter und Speck mit den Finnen [= den Lappen] zu handeln. Der Handel lief gut und sie brachen gegen Ende des Sommers zur Rückfahrt auf. Einmal kamen sie tagsüber zu der Landspitze, die Vimund hieß. Dort gab es einen hervorragenden Wald. Sie gingen an Land und beschafften sich einige Ahornbäume. Helgi gerät dabei weiter in den Wald hinein als die anderen Männer. Dann wird es plötzlich sehr dunkel, so daß er nicht zum Schiff zurückfindet. Jetzt zieht schnell die Nacht herauf. Da sieht Helgi zwölf Frauen durch den Wald reiten. Sie saßen alle auf roten Pferden und waren rot gekleidet. Sie stiegen von den Pferden ab. Das gesamte Zaumzeug der Pferde glänzte von Gold. Eine der Frauen war schöner als die anderen und die dienten alle dieser großartigen Frau. Ihre Pferde begannen zu grasen. Dann bauten sie ein schönes Zelt auf. Das war in unterschiedlichen Farben gestreift und goldgewebt. Die oberen Enden aller Zeltstangen waren vergoldet und auch die Stange in der Mitte – auf dieser saß oben ein großer Goldknauf. Und als sie das aufgebaut hatten, stellten sie Tische auf und brachten vielerlei Leckereien. Dann brachten sie Waschwasser, ein Wassergefäß und ein Waschbecken aus Silber, das ganz mit Gold überzogen war. Helgi stand in der Nähe ihres Zeltes und schaute zu. Die Anführerin sprach: “Helgi, komm hierher und iß und trink mit uns.”

Das tut er. Helgi sieht, daß es da guten Trank und Essen und hübsche Becher gibt. Dann wurden die Tische weggenommen und die Nachtlager vorbereitet, und diese waren weitaus prächtiger als die Betten anderer Menschen. Die Anführerin fragt Helgi, ob er lieber allein oder bei ihr schlafen wolle. Helgi fragt sie nach ihrem Namen.

Sie antwortet: “Ich heiße Ingibjörg und bin die Tochter Gudmunds von Glæsisvellir.”

Helgi sagte: “Ich will bei dir schlafen.”

Und so machten sie es insgesamt drei Nächte. Dann kam schönes Wetter, sie standen auf und zogen sich an.

Ingibjörg sagte dann: “Jetzt werden wir uns hier trennen. Hier sind zwei Kisten, die eine voll Silber, die andere voll Gold. Die will ich dir geben, aber sag keinem Menschen, woher du es hast.”

Danach reiten sie den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren und Helgi ging zu seinem Schiff. Dort wird er gut empfangen und seine Leute fragen ihn, wo er sich aufgehalten habe, aber er will nichts davon erzählen. Sie segeln dann südlich am Land entlang und kommen mit einem großen Vermögen heim zu ihrem Vater. Helgis Vater und sein Bruder fragen, woher er das ganze Geld bekommen habe, das er in den Kisten hatte, aber das will er nicht sagen.

 

2. Von Gudmunds Gesandten

Jetzt vergeht so die Zeit bis Weihnachten. In einer Nacht zieht ein großes Unwetter auf. Thorstein sagte zu seinem Bruder: “Wir sollten aufstehen und nachschaun, wie es unserem Schiff geht.”

Das machen sie und es zeigt sich, daß das Schiff gut festgemacht ist. Helgi hatte einen Drachenkopf für den Steven ihres Schiffes machen und oberhalb der Wasserlinie gut ausstatten lassen. Dazu verwendete er das Geld, das Ingibjörg, die Tochter Gudmunds, ihm gegeben hatte, aber einiges davon schloß er im Drachenhals ein. Plötzlich hören sie ein großes Krachen. Da reiten zwei Männer zu ihnen und nehmen Helgi mit sich fort. Thorstein weiß nicht, was aus ihm wird. Danach läßt das Unwetter schnell nach. Thorstein kommt nach Hause und erzählt seinem Vater von dem Geschehen und der meint, das sei eine wichtige Neuigkeit. Er begibt sich sofort zu einem Treffen mit König Olaf, sagt ihm, was geschehen ist und bittet ihn herauszufinden, was aus seinem Sohn geworden ist. Der König sagt, er werde das tun, worum er bitte, aber er sei nicht sicher, ob er Thorirs Verwandtem irgendwie helfen könne. Dann ging Thorir nach Hause. Die Zeit vergeht bis Weihnachten im Jahr darauf; König Olaf hält sich da während des Winters auf Alreksstatt auf.Am achten Tag der Weihnachtszeit kommen am Abend drei Männer in die Halle und treten vor König Olaf, als der gerade am Tisch saß. Sie grüßen ihn höflich. Der König erwidert ihren Gruß. Einer von den dreien war Helgi, aber die anderen beiden kannte niemand.

Der König fragte sie nach ihrem Namen und beide sagten, sie hießen Grim. “Wir wurden von Gudmund auf Glæsisvellir zu Euch geschickt. Er läßt Euch seine Grüße überbringen und außerdem diese beiden Hörner.”

Der König nahm sie an und sie waren mit Gold verziert. Das waren prächtige Kostbarkeiten. König Olaf besaß zwei Hörner, die “die Gehörnten” genannt wurden, aber obwohl diese sehr gut waren, waren doch diejenigen besser, die Gudmund ihm geschickt hatte.

“König Gudmund bittet Euch um Eure Freundschaft. Ihm lag sehr viel an Euerem Wohlwollen, mehr als an dem aller anderen Könige.”

Der König antwortet darauf nicht, aber läßt ihnen Plätze bei seinen Leuten zuweisen. Der König läßt die Hörner, die ebenfalls Grim genannt wurden, mit gutem Trank füllen und sie vom Bischof segnen und daraufhin den Grimen bringen, damit sie als erste daraus tränken. Dann sprach der König diese Strophe:

“Die Gäste sollen die Hörner entgegennehmen,
während wir diesen Mann Gudmunds [Helgi] ausruhen lassen,
und sie sollen von ihren Namensvettern [aus den Hörnern] trinken;
so soll den Grimen gutes Bier gegeben werden.”

Da nehmen die Grime die Hörner und meinen nun zu wissen, was der Bischof über das Getränk gesprochen hatte. Sie sagen da: “Jetzt geschieht es nicht viel anders, als wie es Gudmund, unser König, vorausgesehen hat. Dieser König ist betrügerisch und kann Gutes schlecht belohnen, obwohl sich unser König ihm gegenüber ehrenhaft verhalten hat. Stehen wir jetzt alle auf und verschwinden von hier.”

Das machen sie. Da gibt es einen großen Tumult in dem Raum. Sie schütteten das Getränk aus den Hörnern und löschten damit das Feuer. Dann hörten die Leute ein großes Krachen. Der König bat Gott um Schutz und bat seine Männer, aufzustehen und diesen Tumult zu beenden. Schließlich gelangen die Grime und Helgi mit ihnen nach draußen. Dann wurde Licht in der Unterkunft des Königs angezündet. Die Leute drinnen sahen, daß drei von ihnen erschlagen worden waren und die Grim-Hörner liegen auf dem Fußboden bei den Toten.

“Das ist etwas sehr Seltsames,” sagte der König, “und es wäre besser, wenn so etwas nur selten geschähe. Ich habe das über Gudmund auf Glæsisvellir sagen hören, daß er sehr zauberkundig sei und es ist schlecht, mit ihm zu tun zu haben. Und es würde den Leuten schlecht gehen, die unter seiner Herrschaft stehen, wenn Wir etwas in dieser Sache ausrichten könnten.” Der König ließ die Hörner der Grime aufbewahren und daraus trinken, und sie eigneten sich gut dazu. Die Stelle oberhalb von Alreksstad, wo die Grime nach Osten gegangen waren, heißt jetzt Grimpaß, und seither hat kein Mensch diesen Weg benutzt.

 

3. Helgis Geschichte

Jetzt vergeht der Winter, und als das nächste Mal der achte Tag der Weihnachtszeit gekommen ist, sind der König und sein Gefolge gerade in der Kirche und nehmen an der Messe teil. Da kommen drei Männer zur Kirchentür und lassen einen von ihnen zurück. Die anderen zwei gehen wieder weg und rufen zurück: “Hier bringen wir dir Grettir, und es ist nicht sicher, wann du ihn wieder los wirst.”

Die Leute erkennen da Helgi. Dann geht der König zu Tisch, und als die Leute mit Helgi reden, bemerken sie, daß er blind ist. Darauf fragt der König, wie er in diesen Zustand gekommen sei und wo er die ganze Zeit lang gewesen sei. Er erzählt dem König zuerst davon, wie er die Frauen im Wald traf, dann davon, wie die Grime das Unwetter verursachten, als er mit seinem Bruder das Schiff sichern wollte, und schließlich wie die Grime ihn mit sich zu Gudmund auf Glæsisvellir nahmen und ihn zu Ingibjörg, der Tochter Gudmunds, brachten.

Da sagte der König: “Wie fandest du es, dort zu sein?”

“Sehr gut,” sagt er, “und nirgends hat es mir je besser gefallen.”

Dann fragte der König nach den Gebräuchen Gudmunds, ob er viele Männer bei sich habe und mit was er sich beschäftige. Aber Helgi äußerte sich darüber in jeder Hinsicht gut und sagte, daß Gudmund viel mehr Männer habe, als er habe zählen können. Der König sprach: “Warum seid ihr letzten Winter so plötzlich weggegangen?”

“König Gudmund schickte sie um Euch zu betrügen”, sagt er, “aber wegen Euren Gebeten ließ er mich frei, so daß Ihr erfahren konntet, was aus mir geworden war. Aber letztes Mal verschwanden wir deswegen so schnell, weil die Grime nicht in der Lage waren, das Getränk zu trinken, das Ihr segnen ließet. Sie wurden zornig, weil sie sich überwunden sahen. Und sie erschlugen Eure Männer, weil König Gudmund ihnen das aufgetragen hatte, falls sie es nicht schafften, Euch Schaden zuzufügen. Aber er erwies seine Ehre dadurch, daß er Euch die Hörner schickte, damit Ihr weniger nach mir suchen würdet.”

Der König fragte: “Wie kamst du dann zum zweiten Mal von dort weg?”

Er antwortet: “Das veranlaßte Ingibjörg. Sie meinte, nicht mit mir schlafen zu können, ohne Qualen zu erleiden, wenn sie mit mir nackt in Berührung käme, und hauptsächlich deswegen ging ich weg. Aber außerdem wollte König Gudmund sich nicht wegen mir mit Euch anlegen, sobald er wußte, daß Ihr mich von dort weg haben wolltet. Aber über die Ehre und Großzügigkeit König Gudmunds und über die zahlreichen Männer, die bei ihm sind, kann ich nicht mit wenigen Worten erzählen.”

Der König fragte: “Warum bist du blind?”

Er antwortet: “Die Königstochter Ingibjörg riß mir beide Augen aus, als wir uns trennten, und sagte, daß die Frauen in Norwegen wenig Freude an mir haben würden.”

Der König sagte: “Gudmund würde zu Recht für die Totschläge, die er verübte, von mir Schaden zugefügt werden, wenn Gott das zuließe.”

Dann wurde nach Thorir, Helgis Vater, geschickt, und er dankte dem König sehr dafür, daß sein Sohn aus den Händen der Trolle entkommen war. Er ging dann wieder nach Hause und Helgi bleibt bei dem König und lebt noch, bis sich das Geschehen zum zweiten Mal jährt.

Der König hatte die Hörner der Grime bei sich, als er zum letzten Mal das Land verließ. Und die Leute erzählen, daß, als König Olaf von der Langen Schlange [seinem Schiff] verschwand, auch die Hörner verschwunden seien und kein Mensch habe sie seither gesehen. Und hier endet das, was von den Grimen zu erzählen ist.

Kommentar

Der Helga þáttr Þórissonar, wie diese Geschichte eigentlich heißt, ist in der Flateyjarbók, einer umfangreichen isländischen Sammelhandschrift aus dem 14. Jahrhundert, enthalten. Olaf Tryggavson, zu dessen Regierungszeit die Handlung spielt, herrschte von 995-1000 n.Chr. über Norwegen und versuchte, das größtenteils noch heidnische Land zum Christentum zu bekehren.

Ich habe vermieden, Orts- und Personennamen einzudeutschen, allerdings passe ich die Schreibweise (außer im Fall von Glæsisvellir) dem deutschen Alphabet an. Hinzufügungen in [ ] stammen von mir. Der häufige Tempuswechsel, teils mitten im Satz, ist im Altisländischen üblich und wurde weitestgehend beibehalten.

Warum Helgi im dritten Abschnitt der Geschichte “Grettir” genannt wird, ist unklar. Grettir ist ein gebräuchlicher isländischer Personenname (berühmtester Träger ist der Held der Grettis saga) und bedeutet “Schlange”. Er leitet sich von dem Verb gretta “Grimassen machen, das Gesicht verziehen” ab. Möglicherweise ist gemeint, daß Helgis Rückkehr für den König in Anbetracht von Helgis Zustand eher etwas Unerfreuliches ist.

Was sagt die Geschichte von Helgi eigentlich aus? Zeigt sie, daß heidnische Mächte dem christlichen König unterlegen sind – oder, daß König Olaf Tryggvason am Ende doch unter Gudmunds Einfluß steht, indem er die Hörner aufhebt und benutzt?

Rein aus dem hier Vorliegenden heraus scheint es kaum möglich, das zu beurteilen. Gudmund wird aber auch in einigen anderen Quellen erwähnt. Besonders deutliche Parallelen finden sich im Þorsteins þáttr bæjarmagns, in dem Olaf ebenfalls zwei Hörner aus Gudmunds Reich erhält und in dem außerdem ein seltsames, Grim genanntes Horn mit einem sprechenden Kopf am unteren Ende eine Rolle spielt. Übernatürliche Züge trägt Gudmund auch in der Gesta Danorum des Saxo Grammaticus (8. Buch, Kapitel 9) und andeutungsweise in der Samsons saga fagra. Dagegen wird er in der Hervarar saga ok Heiðreks konungs und in der Bósa saga wie ein normaler, menschlicher König geschildert. Gudmunds Reich, Glæsisvellir, scheint mit dem mysthischen Ort ódáinsakr (“Feld der Unsterblichkeit”), der in der Eireks saga víðförla mit dem Paradies gleichgesetzt wird, zusammenzuhängen. Ob es sich hierbei um eine Art spätheidnische Jenseitsvorstellung, die vielleicht christlich beeinflußt ist, handelt, ist unklar.

Übrigens versucht in der in Snorris Heimskringla enthaltenen Óláfs saga Tryggvasonar Odin selbst, als Gast auftretend, König Olaf zu vergiften. Eine Parallele zu den Ereignissen in der Geschichte von Helgi?

Das alles zeigt jedenfalls, daß die Gudmundthematik komplexer ist als auf den ersten Blick sichtbar, und daher eine umfangreiche Untersuchung erforderlich wäre.

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