Heimskringla

Aus der Heimskringla (“Weltkreis”) des Snorri Sturluson

Die Heimskringla (“Weltkreis”) wird nach den ersten beiden Worten des ersten Kapitels so genannt. Es handelt sich dabei um eine Geschichte der norwegischen Könige, von den mythischen Anfängen bis ins Jahr 1177. Dabei werden die Könige auf die altnordischen Götter wie Óðinn und Þórr zurückgeführt, die jedoch in Wahrheit Menschen mit besonderen Fähigkeiten gewesen seien, die aus Troja in den Norden ausgewandert seien. Verfasst wurde Heimskringla von dem Isländer Snorri Sturluson in den 1220er oder 1230er Jahren. Snorri ist auch bekannt als der Verfasser der Edda und der Saga von Egil Skalla-Grimsson.

Im Folgenden habe ich den Prolog der Heimskringla sowie das erste Kapitel übersetzt. Im Prolog erläutert Snorri seine Quellen und kommentiert deren Zuverlässigkeit. Darauf folgt ein Überblick über die Einteilung der Welt. Dieser hier beginnende erste Teil der Heimskringla wird Ynglinga saga (“Geschichte der Ynglingar”) genannt, da er von diesem mythischen schwedischen Königsgeschlecht handelt und auf dem altnordischen Gedicht Ynglingatal basiert.

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Prolog

In dieses Buch habe ich alte Erzählungen schreiben lassen, über die Mächtigen, die die Herrschaft innegehabt haben in den Nordlanden und die in nordischer Sprache gesprochen haben, so, wie ich es gelehrte Menschen habe erzählen hören. So auch über einige ihrer Nachkommen gemäß dem, wie es mir beigebracht worden ist; einiges von dem, was in Stammbäumen zu finden ist, in denen Könige oder andere hochgeborene Menschen ihr Geschlecht zurückverfolgt haben, und einiges ist gemäß alten Gedichten oder erzählenden Gedichten, die Leute zur Unterhaltung benutzt haben, aufgeschrieben. Aber auch, wenn wir nicht die Wahrheit darüber kennen, da wissen wir doch Beispiele dafür, dass alte Gelehrte solches für wahr gehalten haben.

Þjóðólfr ór Hvini der Gelehrte war ein Skalde König Haraldr Schönhaars. Er machte ein Gedicht über den König Rögnvaldr den Ehrenreichen, das Ynglingatal genannt wird. Rögnvaldr war ein Sohn von Óláfr Geirstaðaálfr, dem Bruder Hálfdans des Schwarzen. In diesem Gedicht sind dreißig seiner Vor-väter genannt und von Tod und Grabstätte eines jeden von ihnen erzählt. Fjölnir heißt der, der der Sohn Yngvifreys war, dem von da an die Schweden lange geopfert haben. Nach seinem Namen sind die Ynglingar benannt.

Eyvindr Skáldaspillir zählte auch die Vorväter Jarl Hákons des Mächtigen in dem Gedicht auf, das Háleygjatal heißt und das über Hákon gedichtet wurde. Ein Sohn Yngvifreys wird darin Sæmingr genannt. Darin wird auch vom Tod und Begräbnisplatz eines jeden von ihnen erzählt. Gemäß Þjóðólfs Bericht ist zuerst das Zeitalter der Ynglingar beschrieben und ergänzt durch die Erzählungen gelehrter Menschen.

Das erste Zeitalter wird Brandalter genannt. Da sollten alle toten Menschen verbrannt werden und Bautasteine zum Gedenken an sie errichtet werden. Aber nachdem Freyr in Uppsala eingehügelt worden war, da errichteten viele Mächtige ebenso Grabhügel und Bautasteine zur Erinnerung an ihre Verwandten. Und als später der Dänenkönig Danr der Hochmütige sich einen Hügel errichten ließ und befahl, ihn tot mit Königskleidung, Kriegsrüstung, seinem Pferd mit allem Zaumzeug und viel weiterem Gut dorthin zu tragen, taten viele seiner Verwandten das seither so, und so begann das Hügelzeitalter in Dänemark. Aber bei den Schweden und Norwegern hielt sich das Brandalter noch lange.

Als Haraldr Schönhaar König in Norwegen war, da wurde Island besiedelt. Bei König Haraldr waren Skalden, und die Leute können noch ihre Gedichte und die aller Könige, die es seither in Norwegen gegeben hat, und wir nahmen am meisten Zeugnis aus dem, was in den Gedichten erzählt wird, die vor den Anführern selbst oder ihren Söhnen aufgesagt wurden. Wir halten alles das für wahr, was sich in diesen Gedichten über ihre Fahrten und Schlachten findet. Es ist die Art der Skalden, den am meisten zu preisen, bei dem sie zu dem Zeitpunkt sind, aber keiner würde es wagen, diesem selbst von dessen Taten zu erzählen, von denen alle, die es hörten, und auch er selbst, wüssten, dass es Unwahrheit und Erfindung wäre. Das wäre dann Spott, aber kein Lob.

Der Priester Ari Þorgilsson der Gelehrte, ein Sohn des Gellir, schrieb als erster Mensch hierzulande in nordischer Sprache geschichtliches Wissen auf, sowohl altes als auch neues. Am Beginn seines Buchs schrieb er am meisten über die Besiedelung Islands und die Gesetzesstiftung, dann über die Gesetzessprecher, wie lange jeder es gewesen war, und deckte zuerst den Zeitraum ab, bis das Christentum nach Island kam, aber später ganz bis in seine Gegenwart. Er nahm darin auch viele weitere Zeugnisse auf, sowohl die Leben der Könige in Norwegen, Dänemark und ebenso in England und die großen Ereignisse, die sich hierzulande zugetragen haben, und ich halte seine gesamte Erzählung für äußerst bedeutsam. Er war sehr verständig und so alt, dass er im Jahr nach dem Tod von König Haraldr Sigurðarson geboren war. Er schrieb, wie er selbst sagt, die Leben der norwegischen Könige gemäß der Erzählung des Oddr Kolsson, des Sohnes von Hallr af Síðu, auf, und Oddr lernte sie von Þorgeirr Afraðskoll, einem Mann, der klug war und so alt, dass er damals in Niðarnes wohnte, als Jarl Hákon der Mächtige erschlagen wurde. An derselben Stelle ließ König Óláfr Tryggvason einen Handelsort anlegen, dort, wo er nun ist.

Der Priester Ari kam im Alter von sieben Jahren nach Haukadalr zu Hallr Þórarinsson und blieb vier-zehn Jahre dort. Hallr war ein sehr kluger und gedächtnisstarker Mann. Er erinnerte sich daran, wie der Priester Þangbrandr ihn als Dreijährigen taufte. Das war ein Jahr, bevor das Christentum gesetz-lich auf Island angenommen wurde. Ari war zwölf Jahre alt, als Bischof Ísleifr starb. Hallr reiste zwischen Norwegen und Island und hatte geschäftliche Verbindungen zu König Óláfr dem Heiligen und stieg dadurch bedeutend auf. Deshalb wusste er über dessen Königreich bescheid. Aber zu der Zeit, als Bischof Ísleifr starb, waren seit dem Fall von König Óláfr Tryggvason beinahe achtzig Jahre vergangen. Hallr starb neun Jahre später als Bischof Ísleifr. Damals war Hallr vierundneunzigjährig. Er hatte mit dreißig einen Hof im Tal Haukadalr errichtet und dort vierundsechzig Jahre gewohnt. So schrieb es Ari. Teitr, ein Sohn Bischof Ísleifs, war als Ziehkind bei Hallr in Haukadalr und wohnte später dort. Er unterrichtete den Priester Ari und viel geschichtliches Wissen erzählte er ihm, das Ari später aufschrieb. Ari lernte auch viel Geschichtswissen von Þuríðr, der Tochter des Goden Snorri. Sie war von klugem Verstand. Sie erinnerte sich an ihren Vater Snorri, und der war damals beinahe fünfunddreißig, als das Christentum nach Island kam, und starb ein Jahr nach dem Fall König Óláfs des Heiligen. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass Ari über alte Geschehnisse sowohl hier als auch im Ausland gut unterrichtet war, da er von alten und klugen Menschen gelernt hatte. Er war selbst wissbegierig und hatte ein gutes Gedächtnis. Gedichte aber halte ich für am wenigsten aus der Ordnung gebracht, wenn sie richtig aufgesagt werden und in verständiger Weise aufgefasst werden.

 

Ynglinga saga, Kapitel 1

Der Kreis der Welt, den die Menschheit bewohnt, ist von vielen Buchten eingeschnitten. Es erstre-cken sich große Meere von dem die Erde umfließenden Ozean in die Erde hinein. Es ist bekannt, dass sich ein Meer von Gibraltar bis ganz nach Palästina erstreckt. Von dem Meer geht eine lange Bucht nach Nordosten, die Schwarzes Meer heißt. Diese trennt die Weltdrittel. Östlich davon heißt es Asien, westlich davon nennen es einige Europa, einige aber Enea. Nördlich des Schwarzen Meeres erstreckt sich Svíþjóð das Große oder das Kalte. Svíþjóð das Große bezeichnen einige Leute als nicht kleiner als Serkland (Sarazenenland) das Große, einige setzen es mit Bláland (Äthio-pien/Nordwestafrika) dem Großen gleich. Der Nördliche Teil von Svíþjóð liegt unbesiedelt da, aufgrund von Frost und Kälte, so wie der südliche Teil von Bláland öde ist wegen der Sonnenglut. In Svíþjóð gibt es viele große Gebiete. Dort gibt es vielerlei Völker und zahlreiche Sprachen. Dort gibt es Riesen, und dort gibt es Zwerge, dort gibt es Mohren, und dort gibt es vielerlei wunderliche Völker. Es gibt dort auch wilde Tiere und außerordentlich große Drachen. Aus den Bergen im Norden, die außerhalb allen bewohnten Gebietes liegen, fließt ein Fluss durch ganz Svíþjóð, der richtigerweise Tanais heißt. Er wurde früher Tanakvísl oder Vanakvísl genannt. Er mündet im Schwarzen Meer ins Meer. Das Gebiet zwischen den Flussarmen der Vanakvísl wurde damals Vanaland oder Vanaheimr genannt. Dieser Fluss trennt die Weltdrittel. Östlich davon heißt es Asien, und westlich davon Europa.

Übersetzt von Reinhard Hennig, www.wikinger.org.
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