Grettis saga Ásmundarsonar – Die Saga von Grettir Asmundarson

Die Saga von Grettir Asmundarson (Grettis saga Ásmundarsonar) ist eine sehr bekannte Isländersaga, die vermutlich erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden ist. Die Handlung beginnt typischerweise in der Wikingerzeit: Der Widerstand gegen den norwegischen König Harald Schönhaar durch freiheitsliebende Großbauern und Wikinger wird ebenso beschrieben wie deren darauf folgende Auswanderung nach Island und ihre dortige Landnahme. Nach dieser mit vielen Genealogien isländischer Familien “gewürzten” Einleitung schwenkt der Fokus dann aber recht bald auf den wenige Jahre vor der im Jahr 1000 erfolgten Annahme des Christentums auf Island geborenen Grettir.

Dieser ist in seinen frühen Jahren ein richtiger kolbítr (“Kohlenbeißer”), ein nichtsnutziger, arbeitsscheuer Faulpelz, der ein ziemlich schlechtes Verhältnis zu seinem Vater hat und diesem Streiche spielt, gegen die die eines Michel von Lönneberga blass aussähen. In den meisten Sagas entwickeln sich solche Jugendliche später doch noch zu großen Helden, deren wahres Wesen sich in ihren Großtaten offenbart und denen schließlich ein Happy End vergönnt ist. Das könnte auch für Grettir gelten, der schon bald als der stärkste Isländer aller Zeiten gilt und sich unter anderem durch das Hochheben gewaltiger Felsbrocken einen Namen macht. Doch an Grettir haftet das Pech, und er zieht das Unglück sein Leben lang an. Schon früh wird er aufgrund eines Todschlags zum ersten Mal geächtet und muss das Land für drei Jahre verlassen, doch auch nach seiner Rückkehr aus Norwegen, wo er sich durch den Kampf gegen ein Rudel Berserker großen Ruhm erwirbt, schafft er es nicht, sich friedlich in die Gesellschaft einzufügen. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen, in denen Grettir sich allerdings immer aufgrund seiner Körperkraft behaupten kann.

Das führt bei ihm zu ausgeprägtem Hochmut, und dieser kommt bekanntlich vor dem Fall – bei Grettir in Form eines unheimlichen Wiedergängers namens Glám. Dieser, ein ehemaliger Schafhirte, der von einem übernatürlichen Wesen getötet wurde, terrorisiert über Jahre hinweg einen Bauernhof und bringt sowohl Tiere als auch Menschen ums Leben. Grettir, der davon hört, sieht eine neue Chance, sich zu beweisen und begibt sich dorthin. Im nächtlichen Kampf mit dem Ungeheuer gewinnt Grettir zwar nach langem Ringen schließlich die Oberhand, doch Glám schafft es noch, ihm einen Fluch aufzuerlegen, bevor Grettir ihm den Kopf abschlägt: Von nun an wächst Grettirs Kraft nicht weiter und er fürchtet sich vor dem Alleinsein.

Bei einer weiteren Norwegenfahrt Grettirs nimmt das Unglück seinen Lauf: Ihm wird angelastet, ein Haus mit einer Gruppe Kaufleuten darinnen angezündet und den Tod dieser Menschen verursacht zu haben. Trotz mehrerer Versuche und des anfänglich guten Willens des Königs ihm gegenüber gelingt es ihm nicht, sich von der ungerechtfertigten Anschuldigung reinzuwaschen. Nach Grettirs Rückkehr nach Island kommt es zu mehreren Totschlägen, in deren Folge Grettir mit der strengen Acht belegt wird: Von nun an darf er ungestraft von jedermann erschlagen werden. Daraufhin zieht Grettir in verschiedenen Gegenden Islands umher, hält sich lange im Hochland auf und ernährt sich oft, indem er Reisende und Bauern überfällt und beraubt. Zwar erhält Grettir hin und wieder Unterstützung durch Freunde und Verwandte, doch diese können nicht die Aufhebung der Acht durchsetzen. Nach etlichen Jahren als Outlaw begibt Grettir sich zusammen mit seinem jungen Bruder Illugi und einem dahergelaufenen Knecht auf die kleine Insel Drangey, auf die niemand gelangen kann, wenn sie von oben verteidigt wird. Mehrere Versuche des Bauern Thorbjörn Öngul, Grettir von dort zu vertreiben oder ihn zu töten, scheitern katastrophal. Erst durch den Einsatz eines bösartigen Runenzaubers, vollführt durch Thorbjörns alte Amme Thurid, gelingt die Einnahme der Insel und die Tötung des durch Krankheit geschwächten Grettir sowie seines Bruders.

Thorbjörn Öngul, der geglaubt hatte, durch diese Tat großen Ruhm zu erwerben, ist jedoch ebenfalls kein Glückspilz: Die meisten Isländer stellen sich aufgrund des schmählichen und verbotenen Magieeinsatzes und der niederträchtigen Morde gegen ihn, woraufhin er nach Norwegen und kurz darauf weiter nach Byzanz reist. Als er dort mit dem Sieg über Grettir prahlt und ein von diesem geraubtes, äußerst kostbares und scharfes Kurzschwert herumreicht, versetzt ihm einer der Anwesenden damit plötzlich einen tödlichen Hieb. Es handelt sich um Grettirs Halbbruder Thorstein Dromund, der Thorbjörn von Norwegen aus hinterhergereist war, um Grettir zu rächen.

Es folgt noch eine mehr oder minder eigenständige Geschichte von Thorsteins Affäre mit der reichen Byzantinerin Spes, der es immer wieder gelingt, ihren misstrauischen Mann zu überlisten und Thorstein in allerletzter Minute zu verstecken. Nach viel hin und her kann Spes sich scheiden lassen und sie begleitet Thorstein nach Norwegen, wo beide ein sehr achtsames Leben führen. In hohem Alter entschließen sie sich, eine Romfahrt zu unternehmen und ins Kloster einzutreten, um so für ihre früheren Sünden Buße zu leisten. Am Ende der Saga wird noch Sturla Þórðarson, ein isländischer Gelehrter des 13. Jahrhunderts, mit seiner Beurteilung Grettirs zitiert:

“Der Gesetzeskundige Sturla hat gesagt, dass ihm kein Geächteter ebenso bedeutend gewesen zu sein scheint, wie Grettir der Starke. Er nennt drei Gründe dafür: Erstens, dass er seiner Meinung nach am klügsten gewesen ist, denn er ist am längsten von allen Menschen in der Acht gewesen und nie besiegt worden, solange er gesund war; zweitens, dass er der Stärkste unter seinen Zeitgenossen im Land war und mehr dazu veranlagt, Wiedergängerei und Spuk zu beseitigen als andere Menschen; und drittens, dass er im Ausland in Byzanz gerächt worden ist, wie kein anderer Isländer; zudem das, was für ein Glückspilz Thorstein Dromund am Ende seines Lebens wurde. Hier endet die Saga von Grettir Asmundarson.”

Die Saga von Grettir gilt zu Recht als eine der besten Isländersagas neben der Saga von Egil Skalla-Grimsson und der Njáls saga, denn sie ist nicht nur äußerst humorvoll, sondern auch psychologisch ziemlich hintergründig. Gespickt ist sie mit zahlreichen Skaldenstrophen, von denen etliche Grettir selbst zugeschrieben werden, wobei im Einzelfall oft unklar ist, ob es sich nicht um Hinzudichtungen späterer Zeit handelt. Interessant ist auch, dass die Grettis saga offensichtlich den Stoff des altenglischen Beowulf-Epos ganz oder teilweise gekannt hat: Grettirs Kampf gegen eine Trollfrau, die regelmäßig einen Bauernhof aufsucht und von dort Menschen entführt und anschließend gegen einen Riesen in einer Höhle hinter einem Wasserfall hängt motivisch äußerst deutlich mit Beowulfs Auseinandersetzung mit Grendel und dessen Mutter zusammen.

Die “Saga von Egil Skalla-Grimsson” und die “Saga von Grettir”, zusammen mit der “Saga von Bard, dem Schutzgeist von Snæfell” und der “Saga vom einhändigen Egil und Asmund dem Berserkertöter”. Vier der beliebtesten Werke der Sagaliteratur in neuer Übersetzung in einem Band.

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