Julian D. Richards: Die Wikinger, Stuttgart: Reclam 2011

Der kostengünstige Reclam-Band „Die Wikinger“ ist eine deutsche Übersetzung des Buchs The Vikings. A Very Short Introduction (2005) von Julian D. Richards. Richards ist Professor für Archäologie an der Universität York und bietet hier einen Kurzüberblick über die Wikingerzeit. Auf knapp 200 Seiten beschreibt er die Entstehung von Königreichen in Skandinavien, Veränderungen der dortigen Siedlungsmuster sowie die Entwicklung von Städten und Handel. Der größere Teil des Buchs widmet sich den Überfällen, Handelsaktivitäten und Migrationen von wikingerzeitlichen Skandinaviern in anderen Teilen Europas und bis hin nach Nordamerika.

Julian D. Richards: Die Wikinger

Bei der Lektüre wird schnell deutlich, dass Richards einen guten Überblick über die archäologischen Funde auch der jüngsten Vergangenheit hat. Der Beschreibung solcher Funde widmet er sich gerne ausführlich, während er schriftliche und bildliche Quellen zur Wikingerzeit tendenziell vernachlässigt. Aus etlichen Schreibfehlern und der uneinheitlichen Wiedergabe isländischer beziehungsweise altnordischer Begriffe und Namen ist ersichtlich, dass Richards über keine oder nur geringe Kenntnisse der nordischen Sprachen verfügt. Diese wären allerdings für das Projekt einer Gesamtdarstellung der Wikingerzeit durchaus von Vorteil gewesen – nicht zuletzt auch, um die aktuelle Forschungslage in Nordeuropa selbst angemessen einbeziehen zu können. Aussagen wie die, der Beiname des dänischen Königs Harald Blauzahn (altnordisch blátǫnn) bedeute „wahrscheinlich ›dunkle Gesichtsfarbe‹“ (S. 24) sind gelinde gesagt seltsam. Die genannten Fehler und die oft recht holperige Sprache des Buchs können allerdings zum Teil der deutschen Übersetzung geschuldet sein (einen Vergleich mit dem englischen Original habe ich nicht vorgenommen). Unschön ist auch, dass Richards nicht selten ohne weitere Erläuterung Fachbegriffe wie etwa ‚Kenotaph‘ benutzt, deren Kenntnis bei einem allgemein interessierten Publikum nicht vorausgesetzt werden kann. Zusätzlich erschwert wird die Lektüre für Leser ohne Vorkenntnisse dadurch, dass Begriffe wie ‚Großes Heer‘ im Text teils bereits weit vor der eigentlichen Erklärung, worum es sich dabei handelt, benutzt werden. Auch ist ein recht einseitiger Blickwinkel des Autors zu erkennen: Während die wikingerzeitlichen skandinavischen Aktivitäten auf dem Kontinent, sprich in West-, Mittel- und Osteuropa, nur in aller Kürze abgehandelt werden, sind den Britischen Inseln überproportional viele Seiten gewidmet. Aussagen wie die, um 1200 seien „alle skandinavischen Länder zu Nationalstaaten nach westeuropäischem Vorbild geworden“ (S. 18) sind zudem begrifflich problematisch – von ‚Nationalstaaten‘ im heutigen Sinn kann im Mittelalter nirgendwo die Rede sein.

Es stellt sich daher die Frage, welche Zielgruppe Richards mit seinem Buch im Auge hat. Für Leser ohne Vorkenntnisse dürfte es eine recht mühsame und teils schlicht unverständliche Lektüre darstellen. Wer allerdings bereits über Grundwissen über die Wikingerzeit verfügt, wird die Kürze der Darstellung als unbefriedigend empfinden und hier nur wenig Neues erfahren. Allemal lesenswert ist aber Richards‘ Schlusskapitel, in dem er auf die „Neuerfindung der Wikinger“ (S. 168) in der Neuzeit eingeht und dabei einen teils recht amüsanten Einblick in gegenwärtige Versuche gibt, die Wikingerzeit wiederzubeleben.

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