Berserker

Als Berserker werden in erster Linie wikingerzeitliche Krieger bezeichnet, die im Kampf in unbändige Raserei gerieten und deren Kräften scheinbar kaum standzuhalten war.

Der Begriff Berserker (berserkr) stammt aus dem Altwestnordischen. Als seine erste überlieferte Erwähnung gilt eine Strophe eines Gedichtes, das der Skalde Þórbjörn hornklofi über König Harald Schönhaar und dessen berühmte Schlacht am Hafrsfjord im 9. Jahrhundert gedichtet haben soll: Das so genannte Haraldskvæði (“Gedicht auf Harald”). Dort heißt es:

Es brüllten die Berserker,
der Kampf war im Gang,
es heulten die Ulfhednar
und schüttelten die Waffen.

Allerdings muss man bedenken, dass das Gedicht erst ab dem 13. Jahrhundert in Handschriften überliefert ist – auch wenn natürlich davon auszugehen ist, dass Dichtung durch ihre feste Form zuverlässiger im Gedächtnis behalten werden konnte als Prosaerzählungen.

In jedem Fall wird hier bereits das Brüllen bzw. Heulen vor Beginn der Schlacht als charakteristisches Merkmal der Berserker genannt. Ob mit den hier ebenfalls erwähnten Ulfhednar ebenfalls die Berserker oder andere Gruppen von Kriegern gemeint sind, lässt sich nicht sicher sagen. Altnordisch úlfheðinn heißt soviel wie “Wolfsfell” und dürfte daher auf Krieger hinweisen, die mit Tierpelzen be- oder verkleidet in die Schlacht ziehen. Das würde passen, wenn man davon ausgeht, dass berserkr aus den Bestandteilen serkr “Hemd” und ber mit einer angenommen, aber nicht belegten Bedeutung “Bär” zusammengesetzt ist. Dagegen spricht, dass das altnordische Wort für Bär bjǫrn ist. Eine andere Möglichkeit ist es, hier das Adjektiv berr “nackt, unbedeckt” anzunehmen – eine Deutung, die scheinbar bereits Snorri Sturluson in der zu seinem Geschichtswerk Heimskringla gehörenden Ynglinga saga vornimmt. Der betreffende Abschnitt handelt von dem Gott Odin, und die Berserker werden als dessen Männer bezeichnet:

“Seine Männer aber kamen ohne Brünne und waren toll wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen Menschen, aber weder Feuer noch Eisen konnten ihnen etwas anhaben. Das wird Berserkerwut (berserksgangr) genannt.”

Dennoch dürfte der Bezug auf das Tier Bär wahrscheinlicher sein. Krieger mit Tiermasken sind auch in skandinavischen bildlichen Darstellungen aus dem 6. und 7. Jahrhundert zu finden. Für eine Gleichsetzung von Berserkern und Ulfhednar spricht zudem folgende Stelle aus der Isländersaga Vatnsdœla saga, die sich ebenfalls auf die Schlacht am Hafrsfjord bezieht:

“Das war die größte Schlacht, die König Harald schlug. Da waren bei ihm Rögnvald von Moer und viele andere große Anführer und die Berserker, die Ulfhednar genannt wurden. Sie hatten Kittel aus Wolfsfell anstatt Brünnen und verteidigten den Vordersteven auf dem Schiff des Königs.”

An anderer Stelle, in der Saga von Olaf dem Heiligen, werden auch Rentierfelle als Kriegerbekleidung genannt:

“Thorir Hund hatte die Samenfahrt in diesen beiden Jahren ausgeübt, war in beiden Wintern lange im Gebirge gewesen und hatte eine Menge Wertvolles bekommen. Er betrieb allerlei Handel mit den Samen. Er ließ sich dort zwölf Pelze aus Rentierfell anfertigen, mit so viel Zauberkraft, dass keine Waffen durch sie drangen, noch viel weniger als durch eine Ringbrünne.”

Die oben erwähnte (scheinbare) Unverwundbarkeit, solange der Kampf anhält, ist in der altnordischen Literatur ein weiteres charakteristisches Merkmal der Berserker. Danach befällt sie oft große Schwäche, wie etwa im Fall Kveld-Ulfs in der Saga von Egil Skalla-Grimsson: Nachdem Kveld-Ulf als Rache für die Ermordung seines Sohnes eine ganze Schiffsbesatzung niedergemetzelt hat, ist er so geschwächt, dass er sich hinlegen muss und letztendlich stirbt. Ähnlich schildert dies auch die Saga von Hervör und König Heidrek (Hervarar saga ok Heiðreks konungs), deren Handlung in der heroischen Vorzeit Skandinaviens angesiedelt ist. Sie führt zwölf Brüder ein, die alle Berserker sind:

“Arngrim reiste mit seiner Frau Eyfura nordwärts zu seinem Erbbesitz und ließ sich auf der Insel Bolm nieder. Sie hatten zwölf Söhne. Der älteste und berühmteste hießt Angantyr, der zweite Hjörvard, der dritte Hervard, der vierte Hrani und zwei Haddinge – mehr von ihnen sind nicht namentlich genannt. Sie alle waren Berserker, so starke und große Kämpfer, dass sie nie mit mehr Männern als zu zwölft in den Krieg ziehen wollten. Und nie gingen sie in eine Schlacht, ohne dass sie den Sieg erhielten. Dadurch wurden sie in allen Ländern berühmt und es gab keinen König, der ihnen nicht alles gegeben hätte, was sie haben wollten.”

Diese Berserker töten auf der dänischen Insel Samsø die gesamten Schiffsbesatzungen Örvar-Odds und Hjalmars, während sich die beiden Helden gerade an Land aufhalten. Anschließend heißt es:

“Als sie [Hjalmar und Odd] den Wald verließen und zu ihren Schiffen gingen, stiegen die Berserker gerade mit blutigen Waffen und gezogenen Schwertern von den Schiffen hinunter, und da hatte sie die Berserkerwut verlassen. Aber dann werden sie kraftloser als währenddessen, wie nach irgendeiner Art von Krankheit.”

In vielen Fällen bestehen übrigens wie in der Saga von Hervör Gruppen von Berserkern aus zwölf Männern : König Harald Schönhaar hat zwölf Berserker auf seinem Schiff; in der Saga von Egil Skalla-Grimsson mit elf Männern zum König, von denen es heißt, sie glichen eher Riesen als Menschen und in der Saga von Grettir (Grettis saga) macht eine Bande von zwölf Berserkern die Gegend unsicher. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass ein Dutzend auch ansonsten häufig als angemessene Größe von Gruppen angesehen wird, nicht nur, wenn es sich um Krieger handelt. Es besteht kein Anlass, hier von irgendwelchen kultischen Männerbünden zu fabulieren, wie dies in der älteren Forschung zuweilen getan wurde.

Doch was kennzeichnet eigentlich die “Berserkerwut”? Wie in der Strophe aus dem Gedicht auf Harald ersichtlich, gehört Heulen oder Brüllen offenbar dazu – was wohl, zusätzlich zur Verwendung von Fellen, die Assoziation eines wilden Tiers hervorrufen und den Gegner einschüchtern soll. Häufig ist dies damit kombiniert, dass die Berserker in ihren Schild beißen. Es gibt nur Spekulationen darüber, was dieses Verhalten bedeuten soll, es kann aber vermutlich als Ausdruck irrsinniger, unkontrollierbarer Wut gesehen werden. Beide Merkmale werden in der Saga von Hervör geschildert:

“Da zogen die Arngrimsöhne die Schwerter, bissen in die Schildränder und die Berserkerwut überkam sie. Sie gingen zu sechst auf jedes der beiden Schiffe. Aber dort waren so gute Kerle an Bord, dass alle ihre Waffen ergriffen, keiner von seinem Platz floh und keiner ein Wort der Furcht sprach. Die Berserker aber gingen an der einen Bordseite nach vorne, an der anderen zurück und erschlugen sie alle. Dann gingen sie an Land hinauf und heulten.”

Im Übrigen sind alle Behauptungen, die Berserkerraserei sei durch das Essen von Fliegenpilzen oder anderen gifthaltigen Substanzen hervorgerufen worden, nur Annahmen, die sich nicht durch mittelalterliche Texte bestätigen oder wiederlegen lassen. Natürlich sind auch diese Texte, wie oben bereits angemerkt, keinesfalls “zeitgenössisch”, sondern schildern Geschehnisse, die – wenn sie nicht ohnehin völlig erfunden sind – mehrere Jahrhunderte zurückliegen.

Gerade in der altnordischen Literatur aber erfreuen sich Berserker großer Beliebtheit. Häufig haben sie dort “Gastauftritte” als unliebsame Freier, die harmlose Bauern zum Zweikampf (Holmgang) herausfordern, um deren Töchter und Besitz zu erhalten. Und in den meisten Fällen schafft es der – oft isländische – Held der Geschichte, den Berserker zu besiegen. Ein schönes Beispiel hierfür bietet die Saga von Grettir. Der Berserker Snækollr verlangt darin in Norwegen die Tochter des Bauern Einar, bei dem Grettir über Jul zu Gast ist. Der Bauer ist schon zu alt und nicht kampftüchtig genug, um es mit Snækollr aufzunehmen, und bittet daher Grettir um Hilfe. Dieser äußert sich zunächst zweideutig zu der Sache.

“Der Berserker bemerkte nun die Ausflüchte in dem Gesagten. Da begann er laut zu heulen und biss in den Schildrand. Er hielt sich den Schild in den Mund, sperrte diesen über der Ecke des Schilds auf und gebärdete sich äußerst wild. Grettir schnellte über die Wiese, und als er auf die Höhe des Pferdes des Berserkers kam, trat er so kräftig mit dem Fuß gegen die untere Spitze des Schilds, dass dieser nach oben in den Mund gedrückt wurde, der Kiefer zersprang und die Kinnlade hinunter auf die Brust fiel. Dann machte er das alles gleichzeitig: Er griff mit der linken Hand nach dem Helm und riss den Wikinger vom Pferd, mit der rechten Hand aber zog er das Kurzschwert, mit dem er gegürtet war und schlug es gegen den Hals, so dass es den Kopf abschnitt. Aber als das Snækolls Begleiter sahen, flohen sie, jeder in eine andere Richtung.”

In der noch später entstandenen Literatur werden Berserkern neben dem Stumpfmachen von Waffen und der Raserei weitere Eigenschaften zugeschrieben, die sie letzten Endes zu wahrhaften Fantasyfiguren machen. Eine besonders ausführliche Beschreibung findet sich etwa in der Saga von Göngu-Hrolf (Göngu-Hrólfs saga):

“Eirik hatte in seinem Heer viele Berserker und herausragende Kämpfer, von denen vier namentlich genannt werden. Zwei von ihnen waren Brüder. Der eine hieß Sörkvir, der andere Brynjolf. Sie waren groß, stark und es war schwierig mit ihnen auszukommen. Sie waren so zauberkundig, dass sie Waffen im Kampf stumpf machten. Sörkvir war der stärkere der beiden und ein guter Turnierreiter.

Der dritte Mann war ein Verwandter des Königs, der Thord hieß und Læsø-Glatze genannt wurde. Er war groß und stark und stammte von der Insel Læsø in Dänemark. Dort war er aufgewachsen.

Sein Ziehbruder hieß Grim und wurde mit Beinamen Ägir genannt, ein starker und durch und durch schlechter Mann. Niemand kannte seinen Herkunftsort oder seine Familie, denn die Völva Groa hatte ihn am Strand von Læsø gefunden. Sie war Thords Mutter und hatte Grim aufgezogen und ihm so viel Zauberei beigebracht, dass ihm darin niemand in Skandinavien gleichkam. Seine Beschaffenheit war anders als die aller anderer Menschen. Einige Leute meinen, dass Grims Mutter eine Meerfrau gewesen sein müsse, weil er sich sowohl im Meer als auch in Seen fortbewegen konnte wie er wollte. Deswegen wurde er Ägir genannt. Er aß rohes Fleisch und trank Blut sowohl von Menschen als auch von Tieren. Er nahm oft die Gestalt verschiedener Lebewesen an und änderte sein Aussehen so schnell, dass man ihn kaum ins Auge fassen konnte. Sein Atem war so heiß, daß er selbst Männer in Rüstung zu verbrennen schien. Er spie auch Gift oder Feuer auf Menschen und tötete dadurch sowohl Menschen als auch Pferde. Deshalb widerstand ihm keiner.

König Erik vertraute ihm und den anderen sehr. Sie ließen es auch nie daran fehlen, Böses zu vollbringen.”

Entgegen dieser hohen Beliebtheit von Berserkern als Bösewichten in der Literatur dürfte es in der Realität des mittelalterlichen Nordens kaum noch solches Verhalten gegeben haben. In einer frühen isländischen Gesetzessammlung, der Grágás (“Graugans”), heißt es sogar:

“Wenn ein Mann in Berserkerraserei wütet (ganga berserksgangr), wird er dafür mit dreijähriger Landesverweisung bestraft, ebenso die Menschen, die dabei anwesend sind, wenn sie ihn nicht aufhalten. Es wird dann keiner von ihnen bestraft, wenn sie es schaffen, ihn aufzuhalten. Wenn es aber öfter geschieht, wird es mit dreijähriger Landesverweisung bestraft.”

Alle hier angeführten Zitate aus dem Altnordischen sind von Reinhard Hennig, dem Verfasser dieses Artikels, selbst übersetzt worden.
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