Trinksitten

Die Getränke der Wikinger

Alkoholhaltige Getränke waren im Skandinavien der Wikingerzeit sehr beliebt. Wein gab es allerdings nur als teure (oder geraubte) Importware und dürfte weitestgehend unbekannt gewesen sein. Am günstigsten herzustellen war Bier, für das es im Altnordischen unterschiedliche Begriffe gibt: ǫl (öl; so heißt Bier noch heute in den skandinavischen Sprachen), bjórr (dasselbe Wort wie deutsch “Bier”) und mungát. Dabei wird häufig bjórr für importiertes, ausländisches und meist wohl stärkeres Bier verwendet, mungát eher für zu Hause gebrautes, einheimisches und schwächeres Bier. Meist jedoch steht nur die neutrale Bezeichnung ǫl, die keine Aufschlüsse über Herkunft oder Beschaffenheti des Biers zulässt. Überhaupt ist zu bedenken, dass die altnordischen Texte, die uns diese Hinweise liefern, erst deutlich nach dem Ende der Wikingerzeit verfasst wurden und in vielen Fällen wohl eher die Verhältnisse des 13. und 14. Jahrhunderts spiegeln.

Met, eine Art Wein aus vergorenem Honig (altnordisch mjǫðr) spielt zwar in der nordischen Mythologie eine wichtige Rolle, so etwa im Mythos vom Dichtermet und als Getränk der Einherjer, dürfte aber wertvoller als Bier gewesen und somit bei weitem nicht so häufig konsumiert worden sein. Allerdings kann man für die Wikingerzeit und das Mittelalter keine ganz klare Trennlinie zwischen den Getränken Bier und Met ziehen, denn es gab vielfache Mischformen davon und die Begriffe werden alles andere als konsequent verwendet. So hat man archäologisch in Dänemark Reste eines mit Honig gesüßten Bieres nachweisen können; ebenso gab es mit Sicherheit mit Kräutern gewürzten Met. Auch konnte Honig schon bei der Bierherstellung mit vergoren werden.

Das Bier der Wikingerzeit darf man sich auch geschmacklich nicht vorstellen wie das unserer Tage. Während in Deutschland gemäß dem bayerischen Reinheitsgebot nur mit Wasser, Gerstenmalz und Hopfen gebraut wird, verwandte man früher eine deutlich größere Vielfalt von Zutaten. Der Malz konnte aus jedem beliebigen Getreide hergestellt werden, also beispielsweise auch aus Emmer, Roggen, Weizen und Hafer. Hopfen kam wohl erst im 14. Jahrhundert, lange nach dem Ende der Wikingerzeit, nach Skandinavien. Stattdessen würzte man unter anderem mit Beeren, Gagel und Sumpfporst. Die Bierhefe war obergärig (wie heute noch bei Hefeweizen und Kölsch), denn untergärige Hefe, wie sie in den allermeisten heutigen Bieren verwendet wird, kam erst im 15. Jahrhundert in Deutschland auf.

 

Die Trinksitten der Wikinger

Gemeinsames Trinken hatte, soweit dies anhand unserer Quellen zu beurteilen ist, eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Es förderte die Gemeinschaft der Beteiligten, konnte aber auch der Demonstration von Rangunterschieden dienen. In den Liedern der Edda, insbesondere in der Heldendichtung, ist oft ein Trinkgelage Rahmen der Handlung. Bei Festen jeglicher Art spielte Bier eine sehr wichtige Rolle.

In der Saga von Hákon dem Guten in Heimskringla, einer von Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert zusammengestellten Geschichte der norwegischen Könige, wird das rituelle Trinken im Rahmen eines großen Opferfests im 10. Jahrhundert beschrieben:

“Jarl Sigurd von Hlaðir brachte sehr häufig Opfer dar, ebenso wie sein Vater Hákon. Jarl Sigurd richtete alle Gastmähler dort in Þrœndalǫg im Namen des Königs aus. Es war alte Sitte, dass, wenn ein Opfer stattfinden sollte, alle Bauern dorthin kommen sollten, wo der Tempel stand und dorthin ihre Vorräte bringen, die sie benutzen sollten, solange das Fest andauerte. Bei diesem Fest sollten alle Menschen an Trinkgelagen teilnehmen. Es wurden dort auch alle Arten von Vieh geschlachtet und auch Pferde. Alles Blut, das man dabei erhielt, wurde Opferblut genannt, Opferblutgefäße das, worin es sich befand. Mit Opferblutwedeln, die so gemacht waren wie Sprengwedel, sollten alle Altäre und die Wände des Tempels von außen und innen gerötet werden. Es sollte auch auf die Menschen gesprengt werden, das Fleisch aber sollte zur Bewirtung der Leute gekocht werden. Auf dem Boden in der Mitte des Tempels sollten Feuer sein mit Kesseln darüber.

Man sollte einen vollen Becher (full) ums Feuer tragen und der, der das Gastmahl ausrichtete und der Anführer war, sollte den Becher und das gesamte Opferessen weihen. Zuerst sollte es den Odinsbecher (Óðins full) geben – den sollte man auf den Sieg und die Macht seines Königs trinken, dann den Njördbecher (Njarðar full) und den Freysbecher (Freys full) für gute Ernte und Frieden. Damals pflegten viele Leute, als nächstes den Gelöbnisbecher (bragafull) zu trinken. Die Menschen tranken auch Becher auf ihre Verwandten, die in Hügeln bestattet worden waren, und die wurden Gedächtnistrunk genannt.”

Der Begriff bragafull, hier als “Gelöbnisbecher” übersetzt, wird in der ebenfalls zur Heimskringla gehörenden Ynglinga saga näher erläuert:

“Zu dieser Zeit war es Brauch, wenn ein Erbmahl nach dem Tod von Königen oder Jarlen ausgerichtet werden sollte, dann sollte der, der es ausrichtete und zum Erben erklärt werden sollte, auf der Stufe vor dem Hochsitz sitzen, solange, bis ein Becher hereingetragen wurde, der Gelöbnisbecher (bragafull) genannt wurde. Jener sollte zum Empfang des Gelöbnisbechers aufstehen, ein Gelübde ablegen und anschließend den Becher austrinken. Dann sollte er auf den Hochsitz geleitet werden, der seinem Vater gehört hatte. Damit hatte er das gesamte Erbe des Toten angetreten.”

Inwieweit die obige Schilderung des Opferfestes an sich als authentisch angesehen werden kann, ist zweifelhaft, doch die Beschreibung der Trinksitten selbst kann durchaus zutreffend sein. Schwüre beim Trinkgelage werden in zahlreichen Quellen erwähnt, besonders dann, wenn es sich um eine Totenfeier handelt, in deren Rahmen der Sohn das Erbe des Vaters antritt. Eine sehr amüsante Darstellung eines solchen Erbmahls, bei dem sich die Anwesenden mit ihren Versprechungen gegenseitig zu übertreffen versuchen, enthält etwa die Saga der Jomswikinger (Jómsvíkinga saga). Dass Totenfeiern in der Regel mit Trinkgelagen verbunden waren, ist sicher – im Schwedischen heißen solche Zusammenkünfte noch heute gravöl, “Grabbier”.

Das gemeinsame Trinken war auch, wie oben angedeutet, ein bedeutender Bestandteil heidnischer Opferfeste. Ágrip af Nóregs konunga sögum, eine kurze Geschichte der norwegischen Könige, lässt sogar darauf schließen, dass die Trinkgelage als Merkmal religiöser Feiern auch nach der Christianisierung erhalten blieben:

“Er [König Olaf Tryggvason] war 27 Jahre alt, als er nach Norwegen kam, und in den fünf Jahren, in denen er den Königstitel trug, christianisierte er fünf Länder: Norwegen, Island, die Shetlandinseln, die Orkneyinseln und als fünftes die Färöerinseln. Er errichtete eine Kirche auf seinem Haupthof, schaffte alle Opfer und Opfergelage ab und ließ sie mit Zustimmung der Leute ersetzen durch Feiertagsgelage an Jul und Ostern, das Bier (mungát) zur Johannesmesse und das Herbstbier (haustöl) zur Michaelsmesse.”

Olaf Tryggvason war von 995 bis 1000 König über Norwegen.

Wie in vielen Kulturen unterlag das Trinken in der Wikingerzeit gewissen Regeln und konnte in verschiedenen Formen durchgeführt werden. Bei Gemeinschaftsumtrünken (sveitardrykkjur) wurde ein Trinkhorn oder Becher im Kreis herumgereicht, aus dem alle nacheinander tranken. Beim Zweiertrinken (tvímenningr), auch “Zurhälftetrinken” (drekka til hálfs) genannt, tranken zwei Personen miteinander aus einem Gefäß. Beim Einzeltrinken (einmenningr) hingegen, sozusagen der härtesten Stufe, leerte jeder Beteiligte ein ganzes Horn. Dass es bei “unehrlichem” Trinken dabei leicht zu Streitigkeiten kommen konnte, ist anzunehmen und literarisch häufig erwähnt. Als besonders ehrenvoll galt es offenbar, sich vor dem Trinken zu erheben, auf den auf der anderen Längsbank gegenüber sitzenden Trinkpartner bis zum Feuer in der Mitte des Raumes zuzugehen und ihm von dort aus zuzutrinken. Die ausführlichsten Beschreibungen wikingerzeitlicher Gelage liefert übrigens die Saga von Egil Skalla-Grimsson (Egils saga Skalla-Grímssonar). Sie nennt als Trinkspruch im Übrigen nicht das erst deutlich später in Skandinavien gebräuchlich gewordene skål, sondern schlicht und einfach: “Ich trinke Dir zu, …” (Drekk eg til þín, …)

In den literarischen Texten ab dem 13. Jahrhundert wird gelegentlich auch geschildert, dass vor Beginn des Gelages durch Losentscheid alle anwesenden Männer und Frauen in gemischten Paaren zum gemeinsamen Trinken eingeteilt werden. Die jeweils Überzähligen sollten für sich trinken. Ob dies glaubhaft ist, lässt sich schwer beurteilen. Interessant ist in diesem Zusammenhang jedenfalls eine Episode aus der bereits erwähnten Ynglinga saga, derzufolge es unter Wikingern nicht üblich gewesen sein soll, zusammen mit Frauen zu trinken:

“Und am Abend, wenn volle Becher (full) getrunken werden sollten, war es Brauch von Königen, die auf ihren Ländereien saßen oder bei Gastmählern, die sie ausrichten ließen, dass am Abend paarweise (tvímenningr) getrunken werden sollte, je ein Mann und eine Frau, soweit es aufging, die aber für sich, für die es nicht aufging. Es waren aber Wikingergesetze (víkinga lög), dass sie, wenn sie bei Gelagen waren, alle gemeinsam tranken (sveitardrykkja).

König Hjörvards Ehrenplatz war dem König Granmars gegenüber errichtet, und alle seine Männer saßen auf dieser Bank. Da sprach König Granmarr zu seiner Tochter Hildigunn, dass sie sich bereit machen und den Wikingern Bier bringen solle. Sie war eine sehr schöne Frau. Daraufhin nahm sie einen Silberkelch, füllte ihn, trat vor König Hjörvard und sprach: ‘Seid willkommen alle Ynglingar, zum Gedächtnis an Hrolf Kraki.’ Sie trank die Hälfte und gab den Kelch König Hjörvard. Er nahm ihn und zugleich ihre Hand und sprach, dass sie kommen und bei ihm sitzen solle. Sei sagte, es sei nicht Wikingersitte (víkinga sið) mit Frauen paarweise (tvímenningr) zu trinken. Hjörvard meinte, es sei davon auszugehen, dass er Veränderung durchführen werde und lieber die Wikingergesetze sein lassen und paarweise mit ihr trinken werde. Daraufhin setzte sich Hildigunn zu ihm, sie tranken zu zweit miteinander und redeten viel während des Abends.”

 

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