Gesellschaft

Die drei Gesellschaftsklassen

In der wikingischen Gesellschaft gab es, vereinfacht betrachtet, drei Klassen. Die höchste davon war die der Jarle, darauf folgten die karl und ganz unten in der Rangfolge standen die thrall. Ein altes mythologisches Gedicht, das Rígsþula, führt die Entstehung dieser drei Schichten auf den Gott Heimdall zurück. Leider ist dieses Gedicht aus der Snorra-Edda nicht vollständig erhalten, denn der Schluß fehlt. Es erklärt aber die Ursprünge der drei Gesellschaftsschichten und auch der Könige.

Heimdall war eines Tages unter dem Namen Rig in der Menschenwelt unterwegs. Bei seiner Wanderung traf er auf ein altes, ärmliches Ehepaar, bei dem er drei Tage lang verweilte und nachts zwischen den Eheleuten schlief. Dann verließ er die beiden. Nach neun Monaten gebar die Frau einen Sohn, der Thrall genannt wurde. Er war extrem häßlich, aber stark und somit gut genug, um die primitivsten Arbeiten zu verrichten. Er heiratete eine zu ihm passende Frau, mit der er etliche Kinder erzeugte, welche allesamt Namen wie “Feigling”, “Pferdefliege” oder “Faulpelz” erhielten. Sie verrichteten Arbeiten wie das Stechen von Torf und Schweinehüten. Somit war die Klasse der Sklaven und Diener begründet.
Rig aber ging weiter und kam wieder zum Haus eines älteren Ehepaars, welches allerdings ein wenig mehr Wohlstand genoß als das vorige. Auch hier blieb er wieder drei Tage lang und schlief zwischen den Hausbewohnern. Neun Monate nach seiner Abreise bekam die Frau ein Kind, das den Namen Karl erhielt. Als dieser herangewachsen war, begann er, sich ein Haus und dazugehörige Scheunen zu bauen und Ackerbau zu betreiben. Durch seine Heirat mit einer aus gleichen Verhältnissen stammenden Frau bekam er mehrere Söhne und Töchter, die Namen wie Held, Bauer, Schmied, Schlank, Dame, und Weib erhielten. Die Klasse der freien Männer und Bauern war entstanden.
Während Rig seine Reise fortsetzte, kam er zum Wohnsitz eines edlen Ehepaares, ein Mann, der sich mit Pfeil und Bogen beschäftigte und eine anmutige Frau. Nach reichlicher Bewirtung schlief Rig drei Nächte lanz zwischen den beiden, und nach neun Monaten gebar die Frau einen Sohn, den sie in Seide wickelte und der Jarl genannt wurde. Dieser erlernte den Umgang mit Waffen und das Reiten. Rig, der ihn als seinen Sohn ansah, kam eines Tages zurück, lehrte ihn die Runen und wies ihm das umliegende Land zu. Jarl begann, sich weite Gebiete zu erobern und war großzügig im Verteilen von Schätzen. Er heiratete eine schöne Frau und erzeugte mit ihr Kinder mit Namen wie Nachfolger, Erbe oder Verwandter, der jüngste aber hieß König. Sie wuchsen auf und beschäftigten sich mit Spielen, Schwimmen und Kämpfen. Die Klasse der Adligen (“Jarl” entspricht dem englischen “Earl”) war entstanden. König allerdings war der einzige unter ihnen, der mit Runen umgehen konnte, die Sprache der Vögel verstand und die Stärke von acht Männern besaß.

Das Recht, als Gast bei der Frau des Hauses zu schlafen, taucht übrigens in einer Reihe von nordischen und irischen mittelalterlichen Dichtungen auf.

Die tatsächliche Situation

Die wirklichen gesellschaftlichen Verhältnisse zur damaligen Zeit sind selbstverständlich nicht so einfach erklärbar, wie es das Rígsþula versucht. Denn zum einen gab es in den einzelnen Schichten noch zahlreiche Abstufungen, zum anderen war es in den nordischen Ländern – im Gegensatz zum übrigen mittelalterlichen Europa – möglich, von einem Stand in den anderen zu wechseln. Zudem bestanden teilweise erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern.

Am meisten ist über die Situation in Island bekannt, da dort vergleichsweise viel schriftlich überliefert wurde. Die Gesetzesbücher der damaligen Zeit beschreiben detailliert die Rechte und Pflichten der jeweiligen Klasse. Allerdings gab es auf Island keine Könige oder Jarle, wie in den anderen skandinavischen Ländern, wo diese aber auch eher regionale Oberhäupter waren (eine Ausnahem stellte Harald Schönhaar dar, der von 885 bis 890 durch Gewalt die Herrschaft über ganz Norwegen innehatte). Der Königs- oder Jarlstitel konnte nicht nur vererbt, sondern auch von einflußreichen Unterstützern verliehen werden. Die Adligen und Könige wurden jedoch nicht als heilig angesehen, sondern als außergewöhnlich fähige Männer. Einen König allein aufgrund seiner Stellung zu verehren, wäre den Wikingern nie in den Sinn gekommen.
Doch auch wenn man sich zu Hause in Island keinem Herrscher unterordnete, so konnte man sich dennnoch durchaus einem umherreisenden König oder Jarl als Kampfesgefährte anschließen. Somit gehörte man zu einem Kreis auserwählter Männer, die den Anführer bei all seinen Bestrebungen begleiteten und mit ihm kämpften, was als große Ehre angesehen wurde. Im Gegenzug wurde von dem Anführer erwartet, daß er seine Leute mit Speise und Trank, Kleidung, Waffen und Geschenken versorgte. Je großzügiger er war, desto mehr stieg sein Ansehen. Er mußte zudem ein starker Krieger sein, der sich nicht scheute, Seite an Seite mit seinen Männern zu kämpfen, sowie ein guter Redner, der seine Anhänger überzeugen und ihnen immer neue Hoffnung machen konnte.
Dichter genossen in der nordischen Gesellschaft ebenfalls sehr hohes Ansehen. Da nur weniges aufgeschrieben wurde, waren die Dichter, welche Skalden genannt wurden, die einzigen Vermittler von Kulturgut.

In der Klasse der freien Männer gab es, zumindest auf Island, auch besonders Privilegierte, die Goden. Jedem der Bezirke, in die die Insel unterteilt war, stand ein solcher Gode vor, der sich um die Verwaltung und gesetzlichen Angelegenheiten kümmerte. Zudem erfüllte er die Funktion eines heidnischen Priesters, von dem also eine besonders gute Beziehung zu den Göttern erwartet wurde. Zwar war dieses Amt oftmals erblich, doch ein Gode, der seine Pflichten vernachlässigte, konnte schnell durch einen anderen ersetzt werden.
Die Leute, für die der Gode zuständig war, waren die Landbesitzer in der jeweiligen Region. Auch unter diesen gab es Abstufungen in der Rangfolge, bedingt durch die Größe ihres Gebietes und ihren Reichtum oder auch durch die Verwandtschaft mit anderen mächtigen Bauern. Diese Männer besaßen völlige Freiheit, hatten das Recht, Waffen zu tragen und durften bei Versammlungen bezüglich öffentlicher Angelegenheiten ihre Meinung äußern. Sie genossen viele gesetzlich festgelegte Vorteile, die erst mit dem Ende der Wikingerzeit verschwanden, als die feudale Unterdrückung der Bauern, die im restlichen Europa schon etabliert war, auch in den nordischen Ländern Einzug hielt.
Händler hatten in etwa die gleiche gesellschaftliche Stellung inne wie die Landbesitzer, auch wenn ihnen selbst kein Gebiet gehörte. Sie benötigten allerdings einen festen Wohnsitz, der für gesetzliche Angelegenheiten notwendig war, vor allem, um jemanden zur Thingversammlung zu bestellen, wenn dort eine Angelegenheit geregelt werden mußte. Daher durfte man in Island auch nur einmal im Jahr während einem feststehenden Zeitraum von vier Tagen seinen Wohnsitz wechseln.

Die Basis der nordischen Gesellschaft allerdings bildeten die Sklaven, die wie lebender Besitz behandelt wurden und praktisch keine Rechte hatten. Sie konnten nichts besitzen, erben oder vererben und auch keine Geschäfte abschließen. Eine Heirat unter Sklaven wurde als ungültig betrachtet. Nicht anders als ihre rechtliche Stellung war auch ihr Ansehen: Man hielt sie für feig, dumm und unzuverlässig. Allerdings waren sie im Handel der damaligen Zeit ein bedeutender Faktor, in Haithabu zum Beispiel wurden regelmäßig Gefangene aus Überfällen verkauft. Viele der Sklaven kamen aus den slawischen Gebieten im Osten und aus den westeuropäischen Gebieten, wo die Wikinger häufig plünderten. Hinzu kamen Leute, die eine Schuld nicht begleichen konnten und daher bis zur Schuldenfreiheit in den Dienst des anderen treten mußten. Zwar waren Sklaven zum Betreiben eines Hofes notwendig, doch bestand die Gefahr, daß, falls man zuviele von ihnen einsetzte, diese die Oberhand gewinnen und einen Aufstand wagen konnten.
Man konnte zwar aus der Sklaverei entlassen und somit zu einem freien Mann werden, doch der soziale Status solcher Personen war noch immer sehr niedrig. Wenn sie ohne einen Erben starben, fiel ihr Besitz wieder an ihren vorherigen Herren zurück. Allerdings waren in Island die Kinder eines Freigelassenen selbst vollkommen frei, in Norwegen erst nach vier Generationen.

Es gab auch Leute, die völlig außerhalb der Gesellschaft standen. Dazu zählte man Bettler und mittellose Umherreisende, Zauberer und Seherinnen. Wurde man, beispielsweise aufgrund eines Verbrechens, geächtet, wurde man wie ein wildes Tier betrachtet und durfte von jedem straflos getötet werden.

Wie bereits angedeutet, war der soziale Status nicht unabänderbar. Ein freier Mann konnte, indem er genügend Reichtum und Ruhm erwarb, durchaus den Status eines Jarl erreichen. Anderereseits konnte ein Jarl, wenn er seinen Pflichten (Erhalt von Sicherheit, Wohlstand und Ehre in seinem Gebiet) nicht nachkam, schnell diesen Titel verlieren.
Die wikingische Gesellschaft unterschied sich also in wesentlichen Punkten von der des restlichen Europa.

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