In England

Die ersten Überfälle

Am 8. Juni 793 fand jenes Ereignis statt, das viele als den Beginn der Wikingerzeit sehen: Der Überfall auf das Kloster Lindisfarne im Norden Englands. Dieser war damals ein schwerer Schlag für das christliche Europa, denn man hatte überhaupt nicht mit einem Angriff – noch dazu von Heiden verübt – gerechnet. Die Kirche des heiligen Cuthbert wurde geplündert und zum Teil zerstört, Mönche erschlagen und alles Wertvolle mitgenommen. Der gesamte Überfall lief blitzschnell ab, so plötzlich wie die Drachenschiffe aufgetaucht waren, verschwanden sie auch wieder. Die entsetzten Menschen befürchteten eine Strafe Gottes durch die Heiden; in der rund 100 Jahre später verfaßten Angelsächsichen Chronik ist sogar von bösen Vorzeichen, wie zum Beispiel dem Auftauchen von Drachen und einer Hungersnot im Vorfeld des Angriffs, die Rede.

Nur ein Jahr später wurde Jarrow, ein weiteres Kloster in Northumbrien, ebenfalls von Wikingern geplündert. Eine Abtei auf der zu Schottland gehörenden Insel Iona wurde dreimal hintereinander (795, 802, 806) Opfer von Überfällen.

Bei diesen Raubzügen handelte es sich wahrscheinlich lediglich um Ausläufer der wikingischen Besiedlung der Orkneyinseln, Shetlandinseln, der Hebriden und Irlands, wo Norweger bereits begonnen hatten, sich anzusiedeln. Bei Erkundungszügen weiter südlich dürften sie dann auf die wehrlosen Klöster gestoßen sein. Nach diesen ersten Überfällen wurden die Engländer allerdings mehrere Jahre lang verschont, da sich die Norweger hauptsächlich auf Irland konzentrierten.

Viele Experten gehen mittlerweile davon aus, daß schon vor dem Angriff auf Lindisfarne verzeinzelt (friedliche) Kontakte zwischen Skandinaviern und Engländern stattfanden, die aber entweder gar nicht oder nicht eindeutig schriftlich festgehalten wurden.

 Wikingerheere in England

Schon bald sollten die Wikingerangriffe auf England eine ganz neue Dimension erlangen. In Dänemark bestanden zu dieser Zeit bereits einige befestigte Heerlager, welche möglicherweise zur Vorbereitung der Eroberung Englands dienten. Zunächst war man im Winter mit seiner Beute nach Hause zurückgekehrt, was den Vorteil hatte, daß die Angriffe meistens überraschend kamen man nicht von Vergeltungsschlägen getroffen werden konnte. Doch im Jahr 850 überwinterte erstmals ein Dänenheer auf einer Insel in der Themsemündung. Von da an waren noch bis ins 11. Jahrhundert hinein ständig Wikinger in England präsent.

Im Jahr 865 wurde erstmals das sogenannte “Danegeld” gezahlt, ein zumeist sehr hoher Betrag, um die Angreifer zum Friedensschluß zu bewegen. Natürlich tat auch das den wikingischen Tätigkeiten keinen Abbruch. Schon im darauffolgenden Jahr, 866, kam eine gewöhnlich als “Großes Heer” bezeichnete Armee, die zuvor im Frankenreich geplündert hatte, nach England. Das Ziel dieser Dänen war eindeutig nicht nur Beute zu machen, sondern auch Land zu erobern. Von diesem Zeitpunkt an hatten die Bewohner Englands anstatt sporadischen Angriffen taktischen Feldzügen entgegenzutreten.

Leider sind die schriftlichen Quellen dieser Zeit (sehr bedeutend ist vor allem die Angelsächsische Chronik), die größtenteils von Geistlichen verfaßt wurden, nicht unbedingt glaubwürdig. Die Zahlenverhältnisse wurden mit Sicherheit nicht korrekt angegeben, so zum Beispiel scheint es sehr unwahrscheinlich, daß des öfteren Flotten von 300 Wikingerschiffen, von denen ja jedes 30-60 Krieger transportieren konnte, ankamen. Dennoch läßt sich ab der Ankunft des Großen Heeres eine deutliche verhältnismäßige Steigerung in der Anzahl der Schiffe feststellen. Ein Wikingerheer der damaligen Zeit dürfte zwar eine Stärke von etwa 1000 Mann nicht überschritten haben, doch muß man dabei bedenken, daß es sich hierbei um schlagkräftige, kampferprobte Söldner handelte, denen meist nur auf die Schnelle zusammengestellte Bauernaufgebote entgegentraten. Die damaligen Herrscher in England hatten noch keine stehenden Heere und keine ständig einsatzbereiten Flotten, um der Bedrohung wirksam entgegenzutreten.

Hinzu kam, daß große Teile der Bevölkerung (vor allem Ostangliens) das Streben nach Machtausdehnung der Herrscher von Wessex verhaßt war und sie sich deshalb lieber mit den Dänen arrangierten. Im Jahr 866 schlossen sie Frieden mit den Besatzern und stellten ihnen sogar Pferde zur Verfügung. Dies zeigt, daß bisweilen auch Diplomatie angewandt wurde, was auch bei den Danegeldzahlungen natürlich unerläßlich war.

Männer, die im Heer gedient hatten und mit reicher Beute nach Skandinavien zurückkehrten, lockten natürlich weitere Freiwillige für die Wikingerheere in England an.

867 eroberte das Heer York, wodurch ganz Northumbrien unter seine Herrschaft geriet. Nur drei Jahre später, nachdem sie ihre Macht im Norden gesichert hatten, griffen die Wikinger Ostanglien an und unterwarfen es, wobei auch der dortige König Edmund fiel. Nun plante man, Wessex zu erobern. Ethelred, der König von Wessex, stellte sich ihnen in fünf für beide Seiten verlustreichen Schlachten. Am 15. April starb Ethelred, wodurch sein Bruder Alfred an die Macht gelangte. Dieser schaffte es, durch einige heftige Offensiven sein Gebiet zu verteidigen und die Dänen zum Rückzug nach London zu bewegen.

Nun konzentrierten sich diese auf die Eroberung Merciens, welche ihnen in den Jahren 872-874 gelang. Ein Teil des Heeres zog anschließend nach Norden, der Rest blieb zum Machterhalt in Mittelengland, erlitt allerdings 876 eine schwere Niederlage gegen Wessex. Doch nun geschah etwas, das weitreichende Folgen für die Geschichte Englands haben sollte: Das nördliche Heer teilte Northumbrien unter sich auf und die Soldaten begannen, sich dauerhaft dort anzusiedeln. Ein Teil der anderen Armee richtete sich im nordöstlichen Mittelengland ein.

Unter der Führung von Guthrum erstürmte das südliche Heer 878 auch Wessex, weshalb sich König Alfred in die Sümpfe bei Somerset zurückziehen mußte. Doch schon wenig später schlugen die Engländer die Dänen und schlossen mit ihnen Frieden. Diese zogen sich daraufhin nach Ostanglien zurück, um sich dort niederzulassen. Doch im Jahr 885 plünderte Guthrums Armee erneut, diesmal bei Rochester in der Grafschaft Kent. Alfred allerdings hatte in der Zwischenzeit vorgesorgt und stellte sich den Wikingern unter anderem mit einer neu gebauten Flotte entgegen. Es kam zu einer Erneuerung des Friedens von 878, wobei erstmals die Grenzen des Gebietes, das unter wikingischer Herrschaft war, definiert wurden: Das Danelag.

Übrigens sorgte König Alfred trotz der ständigen Bedrohung für ein Wiederaufleben von Religion und Bildung. Des weiteren ließ er eine Vielzahl von sogenannten “boroughs”, Festungsanlagen, die – zum Teil noch auf römischen Grundlagen errichtet, zum Teil neu gegründet – oftmals gleichzeitig Markt- und Verwaltungsfunktionen erfüllten. Sie wurden bedeutende und wehrhafte Zentren ihrer Umgebung und es entwickelten sich an ihren Stellen viele später bedeutende Städte. Diese Wehranlagen wurden in geringem Abstand zueinander angelegt und verhinderten neue Expansionen der Dänen. Das Wikingerheer, das beispielsweise 892 vereinzelte Raubzüge in Wessex unternahm, konnte aufgrund der boroughs keinen Landgewinn erzielen und wurde letztendlich durch Alfred zurück ins Danelag vertrieben, wo es sich 896 auflöste und sich die meisten der Krieger ansiedelten.

Das Danelag

Zu dem Gebiet, das als Danelag bezeichnet wird, gehörten Northumbrien, ein Großteil von Mittelengland und Ostanglien. Somit beherrschten die Wikinger etwa die Hälfte aller englischen Ländereien. Über das, was unter den Dänen in dem Gebiet geschah, sind leider keine schriftlichen Aufzeichnungen von dort vorhanden, denn selbst im zuvor in kirchlicher Hinsicht so bedeutenden Northumbrien kam die Tätigkeit der Geistlichen zum Erliegen. Dies war ein schlimmer Rückschlag für Bildung und Religion.

Der Bevölkerungsaufbau im Danelag ist ebenfalls nicht bekannt, es läßt sich nicht genau sagen, wieviele Skandinavier und Einheimische dort lebten. Nur in seltenen Fällen dürften die Dänen aber die alteingesessene Bevölkerung vertrieben haben, sie ließen sich stattdessen in bisher nur dünn oder noch überhaupt nicht bewohnten Landstrichen nieder. Anhand vieler alter Ortsnamen läßt sich nachvollziehen, wo die Wikinger siedelten: Die Endung -by beispielsweise kommt aus dem Dänischen und bedeutet Dorf, wir finden sie noch heute bei vielen Ortsbezeichnungen, oft auch in Kombination mit Personennamen (zum Beispiel Grimsby = “Dorf des Grim”). Auch geographische Gegebenheiten beschreibende Bezeichnungen, die eindeutig skandinavischen Ursprungs sind, lassen sich nachweisen. Obwohl die Datierung dieser Ortsnamen schwierig ist, ist doch ihre Verteilung auffällig, die nämlich genau den Grenzen des Danelag entspricht.

Einer der wenigen Hinweise, die sich in der Angelsächsischen Chronik über das Danelag finden, nennt die “Five Boroughs”, ein Zusammenschluß von fünf Städten in Mittelengland (Lincoln, Leicester, Stamford, Nottingham und Derby). Diese dienten wohl ebenso wie die englischen boroughs zur Verteidigung und waren blühende Handelsstützpunkte. Sie scheinen nach dem angelsächsischen Vorbild planmäßig angelegt worden zu sein.

Weiter im Norden befand sich das Königreich York (“Jorvik”), welches sich allerdings einige Zeit lang unter norwegischer Herrschaft befand, einige Male wurde es auch kurz wieder von den Angelsachsen zurückerobert. Erstmals wurde die Stadt 866 vom Großen Heer besetzt und diente anschließend beinahe ein Jahrhundert lang als skandinavischer Stützpunkt. Der wichtigste Nord-Süd-Landweg durch England führte über York, daher wurde dieses zu einem der bedeutendsten Marktzentren Nordeuropas, wofür vor allem die vielen ausgegrabenen Werkstätten sprechen. Es besaß zudem bedeutende Münzprägestätten und zog viele wikingische Siedler an. Wirtschaftlich betrachtet bedeutete die Herrschaft der Wikinger also einen enormen Aufschwung für das Territorium des Danelags.

In den ländlichen Gebieten konnte man allerdings nur wenige Siedlungen finden, deren skandinavischer Ursprung auch nicht sicher ist. Zwar befanden sich dort teilweise Langhäuser des Typs, der auch in der Heimat der Wikinger gebaut wurde, aber es wurden keine typischen Werkzeuge oder ähnliches gefunden. An einigen Stellen konnten allerdings Gräber entdeckt werden, die sich anhand der Grabbeigaben als eindeutig skandinavisch erwiesen. Doch es konnten nur wenige dieser heidnischen Grabstellen gefunden werden, was für die relativ schnelle Anpassung und Bekehrung der Neuankömmlinge spricht. Es handelte sich durchwegs um Einzelbestattungen, bis auf das Massengrab im Heereslager von Repton und 60 Grabhügel bei Ingleby in Derbyshire.

Die Kultur der Wikinger verschwand durch ihre Assimilierung an die einheimische Bevölkerung nicht vollständig: Es entwickelte sich die sogenannte “angloskandinavische” Kultur, deren Überreste noch heute sichtbar sind. Man hat unter anderem in einigen Flüssen zahlreiche Opfergaben gefunden, wie zum Beispiel getötetes Vieh und Waffen, eine Sitte, die auch in den skandinavischen Mooren gepflegt wurde. Des weiteren weisen viele Steinskulpturen, wie Kreuze und Grabsteine, Elemente von skandinavischen Kunststilen auf. Hierzu zählt beispielsweise die Abbildung eines bewaffneten Kriegers auf einem Grabstein. Teilweise wurden auch Darstellungen aus der nordischen Mythologie gefunden. Möglicherweise handelte es sich dabei um eine versuchte Machtfestigung des neuen wikingischen Adels, der sich durch die Aufstellung derartiger Erzeugnisse verewigen wollte.

Es entwickelte sich in den von Wikingern besetzten Gebieten sogar ein spezieller Monumenttyp, der sogenannte “Schweinerücken”. Hierbei werden Deckplatten für Gräber in Hausform hergestellt, die teilweise von Tierdarstellungen getragen werden. Das alles spricht für eine schnelle Etablierung der Skandinavier und die gegenseitige Beeinflussung der beiden Kulturen.

Die Rückeroberung des Danelags

Nach Alfreds Tod 899 bestieg dessen Sohn Edward den Thron. Dieser begann, einen ständigen Kleinkrieg gegen die Dänen zu führen, wobei er taktisch äußerst klug vorging: Er errichtete zunächst an den Grenzen des Danelags noch mehr Festungsanlagen. Eroberte er mit seiner Armee einen Landstrich, so ließ er dort ebenfalls sofort ein borough errichten, was das gewonnene Gebiet vor Rückeroberung sicherte. Obendrein bekamen die Dänen Schwierigkeiten mit aus Irland vertriebenen norwegischen Wikingern, die sich ebenfalls im Norden Englands niederlassen wollten. Der dortige Konkurrenzkampf zwischen den Wikingern wirkte sich äußerst ungünstig auf den Machterhalt im Danelag aus.

Im Jahr 911 bekam Edward durch den Tod des dortigen Herrschers Einfluß auf Mercien, welches er sich bis zum Jahr 918 vollkommen aneignete. 917 eroberte er von dort aus Mittengland, was Ostanglien vom Rest des Danelags abschnitt. Dieses konnte sich 918 ebenfalls nicht mehr halten und wurde von den Engländern übernommen. 919 fiel auch noch York an die Norweger unter der Führung von Harald von Dublin, was für die Dänenherrschaft über englische Gebiete das Ende bedeutete. 920 besaß Wessex das gesamte Danelaggebiet mit Ausnahme des Königreichs York. Dieses hatte unter der norwegischen Herrschaft Verbindungen nach Irland und zu den nördlichen Wikingerkolonien.

Unter Edwards Sohn Athelstan, welcher seit 924 an der Macht war, wurden die Grenzsicherungen verstärkt und der finale Angriff auf York vorbereitet, welcher 927 auch erfolgreich durchgeführt wurde. Eine kluge Bündnispolitik mit Schottland und Wales sicherte seine Macht über das unter der Herrschaft von Wessex vereinte England.

Zwar starteten die Wikinger aus Dublin 937 noch einmal einen Versuch, Gebiete in England zurückzugewinnen, der schließlich in der Schlacht von “Brunanborough”, einem heute unbekannten Ort, gipfelte, doch nach hartem Kampf siegten letztendlich die Engländer. York befand sich zwar nach dem Tod Athelstans 939 nochmals in der Hand der aus Irland kommenden Wikinger, doch 954 endete deren Herrschaft dort mit dem Tod des letzten Wikingerkönigs von York, Erik Blutaxt, in der Schlacht von Stainmore.

Der Neubeginn der Überfälle

England hatte nun, vor allem unter Edgar dem Friedfertigen von 957-75, einen fast 30 Jahre andauernden Frieden und Gebietserweiterungen auf Kosten von Wales und Teilen von Schottland erlebt. Doch nur zwei Jahre nach der Krönung Ethelred II. im Jahr 978, der auch den Beinamen “Der Unentschlossene” verliehen bekam, begannen neue Wikingerüberfälle.

Zum einen wurde der Norden von Wales und die Westküsten Englands von Norwegern aus Irland und dem Gebiet der Irischen See angegriffen. Hierbei handelte es sich allerdings nicht um die versuchte Eroberung von Land, sondern eher um eine Wiederaufnahme des saisonbedingten Plünderns, welches aufgrund der klugen Vorkehrungen Edgars eingestellt worden war.

Die Südküste wurde allerdings überwiegend von dänischen Streitkräften angegriffen, was mit großer Wahrscheinlichkeit einen politischen Hintergrund hatte: In Dänemark und Norwegen entwickelten sich gut organisierte Staaten und die damit verbundenen Kosten, vor allem von Straßenbau, Verteidigungsanlagen und Hofhaltung (in Dänemark zum Beispiel unter Harald Blauzahn). Die Silberquellen im Osten waren inzwischen versiegt und die Alternativen auf dem europäischen Festland noch nicht ausreichend. England bot also eine gute Verdienstmöglichkeit für Könige und solche, die es werden wollten. Denn viele strebten nach der Herrschaft in ihrer Heimat, und zum Kampf um den Thron benötigten sie natürlich ebenfalls erhebliche finanzielle Mittel. Allerdings beteiligten sich erstmals auch Schweden, deren starke Ostkonzentration nachgelassen hatte, an den Überfällen, was durch zahlreiche Runensteine beglaubigt wird.

Ein besonders gutes Beispiel eines damaligen Thronanwärters ist der Norweger Olaf Tryggvason, der 991 mit 93 Schiffen einen organisierten Großangriff auf England unternahm. In der berühmten Schlacht von Maldon in Essex besiegte er die Engländer, weshalb diese ihr Strategie änderten: Anstatt weiter zu verteidigen bezahlten sie 4500 kg Silber als Danegeld für den Frieden. Selbstverständlich wurden die Überfälle dennoch fortgesetzt, und als 994 Olaf, verbündet mit Sven Gabelbart (der Sohn Harald Blauzahns), nach England zurückkehrte, erhielten sie 7250 kg (Olaf Tryggvason wurde übrigens 995 König von Norwegen). Diese Summen stiegen fortwährend, im Jahr 1012 wurden sogar 22 Tonnen Silber als Danegeld entrichtet. Zahlreiche aus Angst vergrabene Münzschätze wurden in England entdeckt, und in Skandinavien zehntausende englischer Münzen aus dieser Zeit.

Das alte System der boroughs funktionierte vielerorts nicht mehr richtig, da diese Festungsanlagen, wenn sie den Angreifern zu stark erschienen, einfach umgangen wurden. Die Tatsache, daß nicht Landeroberung das Ziel war, verschaffte den Wikingerheeren eine starke Beweglichkeit. Städte wie Oxford (1009), Thetford, Lambridge und Northampton (alle 1010) wurden zerstört. London allerdings widerstand 1009 einem Angriff.

Das alles bedeutete natürlich große Probleme für Ethelred. Am 13. November 1002 befahl er, alle in England lebenden Dänen niederzumetzeln. Es kam zu einem unbeschreiblich grausamen Blutbad, das selbstverständlich trotzdem keine Lösung der Krise darstellte.

Knut wird König von England

Ethelred II. ließ zwar schon seit Anfang des 11. Jahrhunderts zahlreiche Schiffe für die Seeverteidigung bauen und warb sogar skandinavische Söldner an, doch selbst das half nicht viel. Denn seit 1009 hatte der Kampf neue Dimensionen angenommen: Es ging um die Eroberung Englands.

In den Jahren 1009 bis 1012 kämpften dänische Heere – höchstwahrscheinlich im Auftrag Sven Gabelbarts, des dänischen Königs – in England. 1013 landete Sven selbst mit einer riesigen Streitmacht. Noch im gleichen Jahr wurde er als Herrscher über das Danelag anerkannt, nach Ethelreds Flucht nach Frankreich sogar über ganz England. Doch als Sven im darauffolgenden Jahr starb, kehrte Ethelred zurück und begann einen Krieg gegen die Dänen, der von seinem Sohn, Edmund Eisenseite, zwei Jahre später fortgesetzt wurde. Dieser hatte zunächst auch Erfolg und konnte die Wikinger, die jetzt von Sven Gabelbarts Sohn Knut geführt wurden, zurückdrängen, aber er starb noch im Jahr seiner Machtübernahme (1016). Nun setzte sich Knut als König von ganz England durch.

Knut machte die Stadt Winchester im Süden Englands zu seinem Hauptsitz und tat alles, um seine Stellung als König zu festigen. Er ließ sich taufen und unterstützte mehr als reichlich die Klöster, was ihm unter anderem auch das Wohlwollen der christlichen Chronisten einbrachte. Bis auf sein skandinavisches Söldnerheer, das er durch die Steuern seiner englischen Untertanen finanzierte, unterschied ihn nichts von einem normalen englischen König.

Doch Knut war zudem ein außerordentlich geschickter Taktiker: Als sein Bruder Harald, der die Herrschaft über Dänemark innehatte, 1018 starb, ließ sich Knut dort durch englische Truppen den Thron sichern, den er ein Jahr später auch bestieg. Somit gehörte ihm nun ein mächtiges Reich im Nordseeraum. Um seine beiden Länder enger zusammenzubinden, führte er eine gemeinsame Währung ein und brachte den vorwiegend in Dänemark verwendeten Ringerike-Kunststil nach England, wo dieser seitdem ebenfalls angewandt wurde.

Im Jahr 1028 nützte Knut eine günstige Gelegenheit, um den König von Norwegen, Olaf Haraldsson, zu vertreiben und sich selbst zum dortigen Herrscher zu machen. Selbst von den Schweden wurde er anscheinend als König anerkannt.

Somit herrschte Knut über ein gewaltiges Reich und zählte zu den bedeutendsten europäischen Herrschern seiner Zeit. Doch nach seinem Tod im Jahr 1035 bestand dieses nicht mehr lange, denn sein Sohn Hardeknut erwies sich als unfähig. Als dieser 1042 bei einem Saufgelage starb, kam Eduard der Bekenner, der letzte Sohn Ethelreds aus dem Exil in der Normandie zurück, um wieder die Macht in England zu übernehmen.

Harald hardradi und Wilhelm der Eroberer

Nach dem Tod Eduard des Bekenners im Jahr 1066, der selbst keine leiblichen Nachkommen hatte, übernahm Harold Godewin (der Graf von Wessex und somit der mächtigste Mann im Land) den Thron. Doch dies war sehr umstritten, denn einige andere glaubten, selbst ein Anrecht auf die Herrschaft über England zu haben.

Zum einen behauptete Wilhelm von der Normandie, Eduard der Bekenner habe ihn bei einem Englandbesuch 1051/1052 (die beiden Herrscherfamilien waren durch Heirat miteinander verwandt) zum Erben eingesetzt. Weiterhin habe ihm Harold Godewin selbst, als er im Jahr 1064 nach einem Schiffbruch an der französischen Küste Gefangener Wilhelms war, geschworen, ihm die Herrschaft über England zu überlassen.

Auf der anderen Seite hatte Hardeknut mit Magnus, dem König von Norwegen, vereinbart, daß dieser ihm im Falle seines Todes auf den Thron nachfolgen solle. Doch inzwischen hatte sich Harald Sigurdarson zum König über Norwegen gemacht und berief sich nun – als Nachfolger von Magnus – auf seine Ansprüche in England.

Harald, der den Beinamen Hardradi trug, war einer der berühmtesten Wikinger überhaupt. Als Halbbruder des ehemaligen norwegischen Königs, Olaf Haraldsson, der 1028 aus Norwegen vertrieben worden und 1030 in einer Schlacht gefallen war, flüchtete er zunächst nach Schweden. Anschließend begab er sich nach Kiew, wo er in den Dienst des dortigen Herrschers trat. Doch schon bald reiste er weiter nach Byzanz und trat in die legendäre Warägergarde ein, als deren Kommandant er enormen Ruhm erlangte. Im Jahr 1045 kehrte er nach Norwegen zurück, um sich dort den Thron zu erobern.

Im Alter von 50 Jahren plante Harald noch die Eroberung Englands, wobei er durch Tostig, den aus seiner Heimat verbannten ehemaligen Graf von Northumbrien und Bruder Harold Godewins, sowie den Jarl der Orkney-Inseln unterstützt wurde.

Im Spätsommer des Jahres 1066 landete Harald mit etwa 200 Schiffen, zu denen bald noch etwa 100 seiner Verbündeten stießen, bei Riccall an der Ouse. Die dortige Gegenwehr besiegte er schnell, nahm Geiseln in York, um Widerstand von dort vorzubeugen und ließ seine Truppen zu Beginn des geplanten Marsches nach Süden bei Stamford Bridge lagern.

Doch Harold Godewin, der von dem Überfall vollkommen überrascht war, hatte inzwischen innerhalb weniger Tage mit allen verfügbaren Streitkräften den Weg dorthin zurückgelegt. Am 26. September stellte er Haralds Armee, die nichts von seiner Ankunft geahnt hatte, zum Kampf. Verhandlungen blieben erfolglos, daher begann die den gesamten Tag andauernde Schlacht von Stamford Bridge. Die Heimskringla berichtet, der Kampf sei zunächst relativ ausgewogen verlaufen, doch als Harald hardradi wutentbrannt einen Angriff anführte, wurde er von einem Pfeil in die Kehle getroffen und fiel. Nach einer Gefechtspause, in der Harold Godewin seinem Bruder Frieden anbot, begann der Kampf erneut, da sich die Norweger nicht ergeben wollten. Von den etliche Kilometer entfernt liegenden Schiffen kam Verstärkung herbei, doch nach lang andauerndem harten Kampf, dessen Ausgang oftmals Ungewiß war, siegten letztendlich die Engländer. Nur wenige der Wikinger überlebten und kehrten in ihre Heimat zurück.

Doch dieser Sieg bei Stamford Bridge bedeutete nicht die Rettung Englands: Während sich Harold mit seiner Armee noch im Norden befand, landete Wilhelm, der später den Beinamen “Der Eroberer” bekommen sollte, mit seiner Invasionsflotte in Pevensey bei Hastings.

Wilhelm wurde im Jahr 1027 als unehelicher Sohn Herzog Roberts von der Normandie geboren. Somit war er ein Nachkomme Rollos, des Wikingers, der 911 das Gebiet der Normandie erhalten hatte. Als Herzog der Normandie sorgte Wilhelm zunächst für effektive Verbesserungen des Heereswesens, was seine Armee zu einer der besten in Europa machte, und unterstützte reichlich die Kirchen und Klöster.

Als er erfuhr, daß sich Harold Godewin zum König über England gemacht hatte, soll er sehr wütend geworden sein und sofort Anweisungen zur Vorbereitung einer Invasion gegeben haben. Die Geschichte seines Kampfes um England wird auf dem berühmten Teppich von Bayeux bildhaft dargestellt und schriftlich erläutert. Am 27. September lief die Flotte aus. Nach der Landung auf der anderen Seite des Kanals ließ Wilhelm sofort Vorbereitungen für die Ankunft des englischen Heeres treffen. Dieses kam nach einem unvorstellbaren Gewaltmarsch schon wenige Tage später an – mit noch von der vorherigen Schlacht und den Strapazen des Weges erschöpften Soldaten. Wilhelms Armee war zwar der Harolds an Größe nicht wesentlich überlegen, jedoch ausgeruht und besaß viele Bogenschützen und eine starke Reiterei.

Am 14. Oktober trafen die beiden Heere einige Kilometer von Hastings entfernt aufeinander. Obwohl es zunächst so aussah, als würden die Normannen verlieren, wendete sich das Glück und es wurde ein großer Teil der englischen Armee vernichtet. Nachdem auch Harold gefallen war, entweder durch einen Pfeilschuß ins Auge oder durch Wilhelm selbst (die wahre Ursache ist ungeklärt), war die Schlacht bereits so gut wie entschieden – die Normannen siegten. Nun stand Wilhelms Herrschaft über England nichts mehr im Wege und er ließ sich am ersten Weihnachtsfeiertag zum König krönen.

Damit war die letzte erfolgreiche Invasion in England durchgeführt worden. Durch die Skandinavier, die aufgrund der enormen Verluste von Stamford Bridge und der Konflikte untereinander lange Zeit stark geschwächt waren, drohte keine wirkliche Gefahr mehr. England stand nun unter dem Einfluß der Normandie.

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