In Amerika

Im Jahr 985 n.Chr. wollte der Norweger Bjarni Herjolfsson seinen Eltern von Island aus nach Grönland folgen, wo diese sich angesiedelt hatten. Doch er wurde bei der Fahrt von Stürmen nach Westen abgetrieben, wo er schließlich Land sichtete: Zuerst ein sehr flaches Waldgebiet, das er Markland nannte. Er ging dort allerdings nicht an Land, sondern segelte weiter nach Norden, wo er auf ein felsiges, gebirgiges Land stieß. Dieses nannte er Helluland, doch auch dort nahm er keine Landung vor, sondern segelte nach Osten, wo er schließlich Grönland erreichte. Bjarni war demnach der erste Europäer, der Nordamerika erblickte.

Laut der Eiriks-Saga hörte Leif, ein Sohn Eriks des Roten, von diesem Land und stattete etwa 10-15 Jahre später eine Expedition dorthin aus. Er fuhr zunächst die Route Bjarnis in umgekehrter Richtung ab und fand auch wirklich sowohl Helluland (das man inzwischen als die Buffin-Insel identifziert hat) als auch Markland (Labrador) vor. Er segelte aber noch zwei weitere Tage in südlicher Richtung, wo er auf die Küste Neufundlands stieß. Angeblich fand er dort wildwachsende Weintrauben vor und nannte daher das Gebiet Vinland. Sprachforscher haben allerdings herausgefunden, daß diese Bezeichnung aus dem altnordischen stammt und wahrscheinlich Weiden oder Wiesen meint. Dazu paßt dann auch die Schilderung, daß dort angeblich Getreide wuchs. Leif verbrachte mit seiner Mannschaft dort den Winter und fuhr dann nach Grönland zurück, um davon zu berichten.

Nach einem mißglückten Versuch durch Leifs Bruder Torstein und Erik selbst, erneut dorthin zu gelangen, wurde im darauffolgenden Jahr 1001 eine neue Expedition unter der Führung Torfinn Karlsefnis (auch Torstein war wieder dabei) gestartet. Diese hatte eindeutig das Ziel einer Besiedlung Vinlands. Mit zwei Schiffen gelangten sie schließlich dorthin und siedelten sich etwas weiter südlich der Stelle, wo Leif an Land gegangen war, an. Doch schon bald stießen sie auf Eingeborene, welche sie “Skraelingar” nannten, was soviel bedeutet wie “Schmächtige”. Nachdem sie anfangs versuchten Handel mit ihnen zu treiben, kam es schon bald zu Feindseligkeiten. Nach schweren Angriffen durch die Ureinwohner im Winter verlegten sie ihren Wohnsitz weiter nach Norden. Doch auch dort kam es wieder zu Konfrontationen mit den Eingeborenen, wobei Torstein durch einen Pfeil getötet wurde. Als dann auch noch untereinander Streit um die Frauen ausbrach, mußte man das Siedlungsunternehmen abbrechen und nach Hause zurückkehren. Die Kolonisation währte also nur drei Jahre.

Es gab mit ziemlicher Sicherheit noch mehrere Kolonisationsversuche, die nicht in den Sagas erwähnt sind. Außerdem ist davon auszugehen, daß sich die Bewohner Grönlands von dort regelmäßig Bauholz holten, da sie auf Grönland lediglich Treibholz zur Verfügung hatten und Island von der Ostküste weiter entfernt war als Markland. Ein archäologischer Beweis für das Zusammentreffen mit amerikanischen Ureinwohnern ist bereits gefunden worden: In der grönländischen Siedlung Sandnäs wurde eine indianische Pfeilspitze aus Quarz entdeckt, welche nur aus Labrador stammen kann. Die Meinungen der Experten gehen bei der Frage auseinander, ob die Wikinger noch weiter südlich oder ins Landesinnere gekommen sind. Einige glauben, daß sie die Gegend, wo heute Boston ist, erreicht haben.

1965 tauchte plötzlich eine Weltkarte auf, die angeblich aus dem 15. Jahrhundert stammt. Sie bildet sehr genau Grönland als Insel und ganz Nordamerika ab. Der Fund, der zunächst großes Aufsehen erregte, wurde schon bald als Fälschung bezeichnet. Ein Bestandteil der verwendeten Tinte wurde erst im 20. Jahrhundert chemisch hergestellt. Später allerdings stellte man fest, daß auch auf wirklich mittelalterlichen Karten dieser Bestandteil in der Tinte vorhanden war. Doch es gibt etliche andere Beweise, die gegen die Echtheit der Karte sprechen. Zum Beispiel wurden Grönland und Island noch auf Karten aus dem 17. Jahrhundert viel ungenauer abgebildet als auf der Vinland-Karte. Dahingegen sind die skandinavischen Länder völlig unzulänglich dargestellt – kein Vergleich zu der Genauigkeit, mit der Grönland gezeichnet wurde. Somit wird die Karte kaum von Skandinaviern gezeichnet worden sein, denn warum sollten die die Küsten Grönlands perfekt kennen, aber nicht die Norwegens? Hinzu kommt, daß auf allen mittelalterlichen Karten die Landmassen in einer bestimmten geometrischen Form, bevorzugt oval, angeordnet wurden, da man glaubte, Gott habe die Welt symmetrisch geschaffen. Auf der Vinlandkarte allerdings brechen Island, Grönland und Vinland selbst aus diesem Oval aus. Heute geht man im allgemeinen davon aus, daß es sich bei dieser Karte um eine Fälschung vom Anfang des 20. Jahrhunderts handelt. Wäre die Karte echt, würde das bedeuten, daß die gesamte Ostküste Nordamerikas schon um 1440 erkundet war und das Wissen von der Existenz dieses Kontinents in Europa schon vor der Entdeckung durch Columbus verbreitet war…

Ein weiterer Fund erregte weltweit Aufsehen: Der Runenstein von Kensington in Minnesota. Die Inschrift lautet in etwa: “Acht Goten und 22 Norweger bei einer Erkundung Vinlands sehr weit im Westen. Wir lagerten bei zwei gebirgigen Inseln eine Tagesreise von diesem Stein. Wir gingen einen Tag lang fischen. Als wir zurück kamen, fanden wir zehn Mann blutig und tot. Wir haben zehn Mann bei unseren Schiffen 14 Tagesreisen von dieser Insel. Jahr 1362.” Olaf Ohman, ein norwegischer (!) Auswanderer, hatte angeblich auf seiner Farm in den Wurzeln eines umgestürzten Baumes den Stein gefunden. Doch auch hier spricht vieles gegen die Echtheit des Objektes: Der Stein ist bei weitem nicht genügend verwittert, um 500 Jahre lang dem Klima Minnesotas ausgesetzt gewesen zu sein. Außerdem ist die Runeninschrift sehr seltsam und weicht in ihrer Zusammensetzung von allen anderen aus diesem Zeitraum ab. Die Jahreszahl ist zudem in Runenschrift angegeben, was absolut unüblich war. Normalerweise verwendete man einfach die Herrschaftszeit eines bestimmten Königs zur Datierung, oder römische Ziffern, welche sich genauso einfach einritzen ließen wie Runen. Hinzu kommt noch die rechteckige Form des Steins und die Tatsache, daß die Schriftzeilen viel zu gerade angeordnet sind – auf vergleichbaren Runensteinen nie der Fall. Trotzdem glauben einige noch immer an die Echtheit des Steines, welche bedeuten würde, daß Wikinger bis weit ins Landesinnere vordrangen.

Es gibt noch eine Reihe weiterer angeblicher Runensteine, die in Amerika gefunden wurden, aber es verhält sich mit diesen ähnlich wie mit dem Kensington-Stein.

Doch gab es in den sechziger Jahren auch eine wirklich bedeutende und nicht anfechtbare Entdeckung. Das norwegische Archäologenehepaar Ingstadt fand an der äußersten Nordspitze Neufundlands die Reste einer nordischen Siedlung. Sie hatten die in den Sagas angegebenen Routen und Fahrtzeiten unter Berücksichtigung der Meeresströmungen zurückverfolgt und kamen zu dem Schluß, daß dort das von Leif entdeckte Vinland gewesen sein mußte. In Gesprächen mit den Bewohnern des dortigen Ortes L’anse aux Meadows fanden sie heraus, daß es in der Nähe tatsächlich Überbleibsel von Häusern gab, deren Ursprung keiner kannte. Die Ingstads fanden dort auch wirklich die Reste der aus Stein, Grassoden und Treibholz gebauten Behausungen vor, die eindeutig denen auf Island und Grönland ähneln. Auch eine C-14-Datierung ergab, daß diese in der Wikingerzeit erbaut worden waren. Bei Ausgrabungen fand man verschiedene unverkennbar nordische Gegenstände, wie zum Beispiel eine bronzene Ringnadel. Auch eine Schmiede war vorhanden, wo Eisen geschmolzen und verarbeitet wurde.

Warum die Siedlung aufgegeben wurde, läßt sich leider noch nicht sagen. Jedenfalls stellt sie den eindeutigen Beweis für die Anwesenheit der Wikinger in Nordamerika dar.

Nun stellt sich die Frage: Wenn dieser Kontinent schon 500 Jahre vor Columbus entdeckt wurde, kann es dann nicht sein, daß Columbus selbst davon wußte? War am Ende seine Suche nach einem Seeweg nach Indien nur ein Vorwand, um dorthin zu gelangen? Möglich wäre es rein theoretisch. Denn auch die kirchlichen Würdenträger erfuhren zur Wikingerzeit von Vinland: Der berühmte Chronist Adam von Bremen verfaßte eine Beschreibung dieses Landes. Der grönländische Bischof soll sogar einmal dorthin gefahren sein. Manch einer spekuliert auch, der Vatikan besitze in seinen Archiven noch Dokumente aus dieser Zeit, die sich auf Vinland beziehen.

Noch heute ranken sich viele Mythen um Vinland. Vielleicht wird es bald zu weiteren Entdeckungen kommen. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß außer der Siedlung von L’Anse aux Meadows noch andere existierten.

Ein Abschnitt aus der Saga der Grönländer über die Entdeckung Nordamerikas, übersetzt von Reinhard Hennig.

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