Sprache

Die Wikinger sprachen eine nordgermanische Sprache. Das Nordgermanische bildet neben Westgermanisch, woraus beispielsweise das heutige Deutsche entstanden ist, und Ostgermanisch, wozu das ausgestorbene Gotische gehört, einen Zweig der germanischen Sprachen. Die germanischen Sprachen wiederum zählen zur indoeuropäischen (= indogermanischen) Sprachfamilie, zu der die meisten europäischen Sprachen, aber auch beispielsweise Indisch und Persisch, gehören.

Wann und wie genau sich das Nordgermanische vom Urgermanischen weg entwickelte, ist mangels ausreichender sprachlicher Belege nicht genau zu sagen. Natürlich muss davon ausgegangen werden, dass sprachliche Änderungen sich nicht immer schnell durchsetzten, sondern über einen langen Zeitraum hinweg und in verschiedenen Gebieten in unterschiedlicher Geschwindigkeit. In der Forschung nennt man meistens die Sprachstufe zwischen etwa 200 n.Chr. und dem Ende des 8. Jahrhunderts Urnordisch. Danach – also etwa ab dem Beginn der Wikingerzeit – spricht man von Altnordisch, das sich aufteilt in Altostnordisch, woraus das Schwedische und Dänische entstanden sind, und Altwestnordisch, woraus Norwegisch, Isländisch und Färöisch hervorgingen. Da die meisten und interessantesten Texte dieser Sprachen im Mittelalter auf Island und in Norwegen entstanden sind, beschäftigt sich die Forschung überwiegend mit dem Altwestnordischen, das daher häufig vereinfachend und eigentlich ungenau als “Altnordisch” bezeichnet wird.

Die Skandinavier der Wikingerzeit dürften, trotz der beginnenden sprachlichen Auseinanderentwicklung, noch keine Schwierigkeiten gehabt haben, sich gegenseitig zu verstehen, egal ob sie von Island oder aus Schweden kamen. Die heutigen festlandskandinavischen Sprachen, also Norwegisch, Dänisch und Schwedisch, haben sich aber so stark verändert und vereinfacht, dass ihre Sprecher nicht mehr problemlos mit Leuten von den Färöern und von Island in ihrer jeweiligen Sprache kommunizieren können. Am nähesten am Altwestnordischen ist das heutige Isländische, das sich nicht allzu sehr verändert hat, so dass Isländer der Gegenwart ohne größere Probleme mittelalterliche isländische Texte lesen können.

Quellen für die Sprache der Skandinavier sind beispielsweise in anderen Literaturen genannte Wörter und Eigennamen sowie nordische Lehnwörter in anderen Sprachen, Runeninschriften und die Skaldendichtung, bei der einzelne Gedichte und Strophen lange vor ihrer Aufzeichnung entstanden sind. Ab dem 12. Jahrhundert sind dann auch aus dem Norden selbst zahlreiche volkssprachliche Handschriften erhalten.

 Vom Urnordischen zum Altnordischen

Das Urnordische stand dem Urgermanischen noch sehr nahe, machte aber im Lauf der Zeit einige Veränderungen durch, die es von den anderen germanischen Sprachen abgrenzten.

So verschwand der Laut j im Anlaut von Worten, beispielsweise bei ár (“Jahr”), ok (“Joch”) und ungr (“jung”). Ebenso erging es v im Anlaut, wenn diesem die Vokale o oder u folgten, etwa bei ulfr (“Wolf”), ormr (“Wurm, Schlange”), orð (“Wort”), und (“Wunde”) und ull (“Wolle”). Die Konsonantenverbindung ht wandelt sich zu tt, daher átta (“acht”), dóttir (“Tochter”) und réttr (“Recht”). Auch bei den Kombinationen lþ und nþ erfolgt eine Assimilation (Anpassung), sie werden zu ll und nn; Beispiele sind gull (“Gold”), ellri (“älter”) und annarr (“ein anderer”). Der Konsonant n verschwindet im Urnordischen am Wortende, zum Beispiel bei á (“an”), í (“in”), þá (“dann”), gefa (“geben”) und boga (“bogen”).

Mehrere sogenannte Umlaute wurden bei der Entwicklung vom Ur- zum Altwestnordischen wirksam. Die Vokale, die den Umlaut auslösen, sind dabei in vielen Fällen selbst verschwunden. Beim i-Umlaut wandert ein hinterer Vokal bei der Artikulation weiter nach vorne, in Richtung des Vokals i, es erfolgt eine teilweise Assimilation. a wird zu e, á zu æ, o zu ø, ó zu œ, u zu y, ú zu ý, au zu ey und iú zu ý. Dies wirkt sich vielfach aus, so etwa bei Komparativ und Superlativ: langlengrlengstr (“lang – länger – am längsten”), ungyngriyngstr (“jung – jünger – am jüngsten”). Der Plural von bóndi (“Bauer”) ist bœndr. Starke Verben haben im Präsens Singular i-Umlaut: Bei halda (“halten”) etwa ek held, þú heldr, hann heldr, Plural vér hǫldum, ér haldið, þeir halda.

Bei vér hǫldum wird bereits ein ähnliches Phänomen sichtbar: Der u-Umlaut. Bei diesem Umlaut werden ungerundete Vokale zu gerundeten, also mit Lippenrundung. Dies betrifft vor allem den Vokal a, der zu einem o-Laut ǫ wird, der sich wiederum bald zum tiefen ö wandelt. Daher ist beispielsweise der Plural von saga sǫgur. Bei unbetonten Silben kann a zu u werden: þeir kǫlluðu (“sie riefen”) von kalla “rufen”.

Auch die so genannte Brechung entfernte das Nordische vom Urgermanischen, doch ist der Ursprung der betroffenen Wörter meist noch leicht erkennbar. Dabei wird ein e durch ein unbetontes a oder u in der darauf folgenden Silbe zum Diphthong (Doppelvokal) ia oder iǫ. Der auslösende Vokal muss, ebenso wie bei i- und u-Umlaut, nicht mehr vorhanden sein. So wurde urnordisch helmaR zu altnordisch hialmr, deutsch “Helm”, *hertō zu hiarta “Herz”, *melua zu miǫl “Mehl” und *erþu zu iǫrð “Erde” (mit * werden schriftlich nicht belegte, aber sprachwissenschaftlich erschließbare Worte gekennzeichnet).

Altnordisch lernen

Altnordisch ist, wie oben aufgezeigt wurde, eine mit dem Deutschen verwandte und ähnlich wie dieses funktionierende Sprache. Das erleichert Deutsch-Muttersprachlern das Lernen. Allerdings sollte man nicht erwarten, dass Altnordisch oder Isländisch genauso leicht wie die modernen festlandskandinavischen Sprachen Dänisch, Norwegisch und Schwedisch zu erlernen ist.

Wer sich mit dem Altnordischen befassen möchte, kann dies durch ein Studium des Faches Skandinavistik (mancherorts auch Nordistik oder Nordische Philologie genannt) tun. Dieses wird an ca. 15 deutschsprachigen Universitäten als Bachelor- und Masterstudiengang angeboten. Es empfiehlt sich, sich vorher via Internet oder Studienberatung über die Schwerpunkte des Fachs an der jeweiligen Universität zu informieren. Das Fach Indogermanistik bzw. Vergleichende Historische Sprachwissenschaft befasst sich u.a. mit historischen Sprachstufen germanischer Sprachen. Dieses Fach ist, wie der Name schon sagt, rein sprachwissenschaftlich ausgelegt, während die Skandinavistik Literatur-, Kultur- und Sprachwissenschaft miteinander verbindet.

Für Selbstlerner außerhalb der Universität sollen hier einige Literaturtipps gegeben werden. Zwar finden sich mittlerweile etliche Angebote im Internet, doch ganz ohne gedruckte Wörterbücher, Grammatiken und Lexika dürfte sich das Lernen schwierig gestalten.

Grammatik des Altisiändischen

Eine sehr fundierte Grammatik des Altisländischen, die allerdings ohne sprachwissenschaftliche Grundkenntnisse etwas schwer verständlich ist. Daher ist zu empfehlen, zusätzlich ein sprachwissenschaftliches Lexikon zu benutzen.

Lexikon der Sprachwissenschaft

Dieses Lexikon erklärt kompakt alle möglichen sprachwissenschaftlichen Fachbegriffe und liefert weiterführende Literaturhinweise. Daher ist es beim Studium egal welcher Sprache eine große Hilfe.

Einführung in das Altisländische

Dieses Lehrbuch ist wie eine Einführung in eine moderne Fremdsprache aufgebaut, mit vielen Textbeispielen und Übungen. Zum Nachschlagen von Wörtern und Grammatik ist es allerdings nicht geeignet. Daher empfiehlt es sich, zusätzlich ein altnordisches Wörterbuch und eine ausführlichere Grammatik zu benutzen.

Altnordisches Elementarbuch

Dieses kleine Büchlein liefert eine Kurzeinführung in die altnordische Grammatik, etliche Übungstexte – auch aus dem altostnordischen Bereich – und ein Glossar.

Wörterbuch der altnordischen Prosaliteratur

Der Baetke ist noch immer das beste – und einzig verfügbare – altnordisch-deutsche Wörterbuch. Er umfasst den Wortschatz der Prosaliteratur, nicht aber den der Dichtung. Ein gerade für Anfänger sehr empfehlenswertes Wörterbuch, trotz des völlig überhöhten Preises.

A Concise Dictionary of Old Icelandic

Ein gutes, altnordisch-englisches Wörterbuch, das auch teilweise den eddischen Wortschatz umfasst. Es ist als preisgünstiger Neudruck erhältlich.

Informationen zur altnordischen Sagaliteratur und viele von mir selbst aus dem Altnordischen übersetzte Texte finden Sie hier.

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