Wikinger

Wie lebten die Wikinger? Das herauszufinden ist keine leichte Aufgabe. Die schriftlichen Quellen aus der Wikingerzeit sind leider meist wenig aufschlussreich. Da die Skandinavier selbst – mit Ausnahme der in der Regel kurzen und oft schwer deutbaren Runeninschriften – keine zeitgenössischen Texte hinterlassen haben, sind wir auf Außendarstellungen aus verschiedenen Teilen des mittelalterlichen Europa, des byzantinischen und des arabischen Kulturraumes angewiesen.
Diese Texte ermöglichen uns zwar ein recht gutes Bild der Wikingerüberfälle zu zeichnen, sagen aber verständlicherweise recht wenig über die politischen und kulturellen Verhältnisse in den Heimatländern der Wikinger aus.
In Skandinavien wurde erst mit der Christianisierung im 11. Jahrhundert die lateinische Schrift bekannt – Voraussetzung für die Entstehung einer eigenen Geschichtsschreibung, die dann noch einmal einige Zeit später, im 12. Jahrhundert, einsetzte und im 13. Jahrhundert ihre höchste Blüte erreichte. Darin wurden die Vorfahren, die sich als Wikinger betätigt hatten, nicht selten zu Helden erhoben – der Beginn der Verklärung der Wikingerzeit. Der Bonner Skandinavistik-Professor Rudolf Simek spricht sogar von einem regelrechten “Wikingermythus”, der sich in vielfältigen Formen bis in die heutige Zeit forsetzt.
Im Allgemeinen stellt man sich den typischen Wikinger mit Hörnerhelm auf dem Kopf und das Schwert immer kampfbereit in der Hand vor – ein stolzer Krieger, der keine Auseinandersetzung scheut. Dazu gehören natürlich auch – nach den ständigen Raubzügen – gigantische Fress- und Sauforgien, bei denen der Met in Strömen fließt.
Filme und Fernsehserien greifen dieses Szenario begierig auf; auf historisch belegbare Fakten wird in den meisten Fällen wenig Wert gelegt. Selbst bei den Wikingertagen in Schleswig, die anfangs einfach nur eine möglichst authentische Demonstration wikingischen Handwerks durch eine Handvoll wirklich interessierter Personen waren, bekommt man Hörnerhelme aus Plastik und allerlei anderen Kitsch massenweise zum Kauf angeboten – die geschichtlichen Hintergründe rücken dabei für viele in den Hintergrund. Bestes Beispiel für eine populäre Verklärung der Wikingerzeit bietet die auf schwedischen Romanen basierende Zeichentrickserie “Wickie und die starken Männer”, die sich seit Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit erfreut und 2009 sogar zu einem Kinofilm verarbeitet wurde.
Während “Wickie” eher für die positiven Seiten des Wikingerbildes steht, gibt es auch eine dunklere, die durch das Interesse der Nationalsozialisten an der nordischen Geschichte und ihrem dadurch bedingten ideologischen Missbrauch entstanden ist und ebenfalls bis heute im öffentlichen Bewusstsein wirksam ist, wie eine 2001 erschienene Ausgabe der Politikzeitschrift “Der Spiegel” zeigt: In einem mehrseitigen Artikel, der zugleich Titelthema war, wurden die Wikinger als primitive, verabscheuungswürdige Unmenschen dargestellt, die nach Auffassung der Redakteure lediglich den heutigen Neonazis als Vorbilder dienen.

Es ist oft nicht leicht, hinter diesen Bildern der Wikingerzeit, wie sie in den Köpfen vorherrschen, eine differenziertere Darstellung zu erarbeiten.
Aber auch wenn die schriftlichen Quellen teilweise fantasievoll ausgeschmückt sind, so enthalten sie bei kritischer Betrachtung oftmals doch einen wahren Kern, den man beispielsweise durch Vergleich mit anderen Quellen herausfinden kann.
Auch die Sprachforschung kann wichtige Beiträge zur Aufklärung der Vergangenheit leisten. Vielen Ortsnamen kann man noch heute ihren wikingischen Ursprung nachweisen – untrügliches Zeichen dafür, daß dort einst Skandinavier gelebt haben.
Immer mehr an Bedeutung gewinnt zu Recht die Bodenforschung. Mit moderner Technik machen Archäologen immer wieder erstaunliche Entdeckungen, wie zum Beispiel die Wikingersiedlung in L’anse-aux-Meadows (Neufundland), die eindeutig beweist, dass Skandinavier nicht nur an Nordamerika vorbeifuhren, sondern dort auch über mehrere Jahre hinweg siedelten.
Diese Entdeckung wurde wiederum auch dadurch ermöglicht, dass man die in den alten isländischen Sagas angegebenen Fahrtrouten nach Vinland (wie der amerikanische Kontinent von den Skandinaviern genannt wurde) analysierte und dadurch den ungefähren Ort bestimmen konnte.

Das zeigt, dass man auf alle möglichen Quellen zurückgreifen kann und muss, um mehr über die Geschehnisse und das Leben der Menschen zur Wikingerzeit herauszufinden.

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