Die Wikinger (Ausstellungskatalog, 2014)

‘Die Wikinger’ im Berliner Martin-Gropius-Bau vom 10.09.2014 bis 04.01.2015 ist die größte Wikingerausstellung in Deutschland seit mehr als 20 Jahren. Sie wurde durch eine Zusammenarbeit des Dänischen Nationalmuseums, des British Museum und des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin möglich. Der zur Ausstellung erschienene, fast 300 Seiten starke und reichhaltig mit Farbfotos bebilderte Katalog ermöglicht Besuchern eine thematische Vertiefung des Gesehenen und bietet allen, die es nicht nach Berlin (oder an die vorherigen Ausstellungsorte Kopenhagen und London) geschafft haben, einen Eindruck von den gezeigten Objekten und deren geschichtlichen und archäologischen Hintergründen.

Die Wikinger – Ausstellungskatalog

Wie in der Ausstellung selbst geht es auch im Katalog nicht darum, einen umfassenden Einblick in möglichst viele Aspekte der Wikingerzeit zu vermitteln. Stattdessen liegt der Fokus auf fünf großen Themenbereichen: Kontakte und Austausch, Krieg und Eroberung, Macht und Herrschaft, Glaube und Ritual sowie Schiffe der Wikinger. Ausgewiesene Experten haben Artikel zu diesen Themen verfasst, in denen sie einerseits generelles Hintergrundwissen und neue Forschungsergebnisse vermitteln, andererseits auf die jeweils abgebildeten Ausstellungsstücke Bezug nehmen.

Während viele der Exponate altbekannte, immer wieder gezeigte Stücke darstellen, sind auch einige Neufunde darunter, wie etwa eine erst vor wenigen Jahren bei Lejre in Dänemark entdeckte Silberfigur, die möglicherweise den Gott Odin darstellt. Zentrum der Ausstellung und Höhepunkt auch des Katalogs ist aber die ‘Roskilde 6’ – das mit mehr als 37 Metern längste bislang bekannte Wikingerschiff. Dieses 1997 entdeckte, beeindruckende Schiff wird nun erstmals der Öffentlichkeit  präsentiert. Besonders interessant ist die im Katalog enthaltene Beschreibung der aufwendigen Bergung, Konservierung und Aufbereitung des Schiffs, die insgesamt 15 Jahre in Anspruch nahm. Auch etliche der anderen Texte gehen auf neueste archäologische Erkenntnisse ein, etwa zu dem wikingerzeitlichen Handelsplatz Wiskiauten nahe des heutigen Kaliningrads, oder zu bislang noch nicht publizierten, außergewöhnlichen Funden an der Opferstätte Götavi in Schweden.

Etwas schade ist allerdings, dass zu vielen der abgebildeten Stücke kaum mehr Informationen als Fundort, Datierung, Maße und jetziger Aufbewahrungsort gegeben werden. Oft hätte ich mir eine ausführlichere Beschreibung etwa des Fundkontextes gewünscht. Ausstellung und Katalog haben zudem nicht die Chance genutzt, auf in der öffentlichen Aufmerksamkeit vernachlässigte, aber in jüngsten Jahren zunehmend besser erforschte Aspekte der Wikingerzeit aufmerksam zu machen: Etwa das Alltagsleben auf wikingerzeitlichen Bauernhöfen fernab großer Heldentaten und Handelsrouten; die gesellschaftliche Rolle von Frauen; die Lebensbedingungen nicht privilegierter Bevölkerungsgruppen (insbesondere ärmerer Menschen und Sklaven) sowie Nutzung und Prägung ihrer natürlichen Umwelt durch die damals lebenden Menschen.

Stattdessen wird im Katalog ein recht einseitiges, auf die Reichen und Mächtigen der Wikingerzeit beschränktes Bild vermittelt. Dabei glorifizieren die Texte gelegentlich auch ‘kulturelle Kontakte’ eher unschöner Art, wenn es etwa heißt, die Wikinger hätten „wirtschaftlichen Austausch unter anderem durch Plünderungen“ (S. 31) gepflegt. Worin der ‘Austauschs’-Wert  für die Geplünderten besteht, bleibt unklar. Dabei verweist doch selbst die Titelabbildung des Katalogs, die eines der berühmten Wikingerschwerter mit so genannter ‘Ulfberht’-Klinge zeigt, auf die zuweilen recht negativen Aspekte wikingerzeitlicher wirtschaftlicher ‘Globalisierung’:  Diese im Frankenreich hergestellten Klingen wurden von Wikingern erworben und anschließend genutzt, um unter anderem die Franken anzugreifen und auszurauben. Waffenexporte waren also schon damals mittel- und langfristig betrachtet nicht unbedingt eine schlaue Idee. Hier böte uns die Wikingerzeit eine großartige Gelegenheit, aus der Geschichte zu lernen.

Diese Seite teilen über: facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail
This entry was posted in Archäologie, Ausstellung, Bücher, Wikinger. Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>