Wurden Island und Grönland von Walrossjägern entdeckt?

Waren es Walrosse, die in der Wikingerzeit die ersten skandinavischen Siedler nach Island und Grönland lockten? Ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern hat in einem nun in der Zeitschrift World Archaeology erschienenen Artikel neue Erkenntnisse zum wikingerzeitlichen und mittelalterlichen Handel mit Walrosselfenbein vorgestellt.

Durch Belege aus der altnordischen Sagaliteratur war schon lange bekannt, dass Kunstgegenstände aus Walrosselfenbein im Mittelalter als sehr wertvoll galten. So schickt etwa in der Króka-Refs saga ein Grönländer dem norwegischen König nicht nur einen erwachsenen Eisbären als Geschenk, sondern auch ein aus Walrosszahn geschnitztes Schachspiel sowie einen mit Goldeinlagen verzierten Walrossschädel inklusive Stoßzähnen. In der Saga heißt es, dies sei „ein äußerst kostbares Stück“ gewesen. Auch Gürtel und Schwertgriffe aus Walrosselfenbein werden in Sagas als besonders wertvolle Gegenstände genannt. Manche Texte erzählen zudem recht detailliert von der Jagd auf einzelne Walrosse. Taue aus Walrosshaut und Walrossstoßzähne werden als grönländische Handelswaren im so genannten Norwegischen Königsspiegel erwähnt, einem um 1260 entstandenen Text. Auch archäologisch ist dieser Handel in Europa gut belegt: Reste von Walrosselfenbein wurden in bedeutenden wikingerzeitlichen und mittelalterlichen Handelsstädten wie Dublin, Trondheim, Bergen, Sigtuna und Lund gefunden.

An Islands Stränden ( wie hier bei Reykjavík) wurden in der Wikingerzeit offenbar Walrosse getötet - bis zur Ausrottung der Bestände.

An Islands Stränden ( wie hier bei Reykjavík) wurden in der Wikingerzeit offenbar Walrosse getötet – bis zur Ausrottung der Bestände (Foto: Reinhard Hennig).

Möglicherweise war es daher die Aussicht auf das wertvolle Elfenbein, die Menschen zuerst im 9. Jahrhundert nach Island und dann gut hundert Jahre später nach Grönland lockte. Neue Funde von Walrossknochen bei archäologischen Ausgrabungen an verschiedenen Stellen in Island legen jedenfalls ebenso wie Ortsnamen und mittelalterliche Gesetzestexte nahe, dass dort spätestens von Beginn der Besiedlung an die damals in Island vorhandenen Kolonien der Tiere bejagt wurden; nicht nur um der Stoßzähne willen, sondern auch wegen des Fleisches und der Häute. Bei einem auf die Wikingerzeit datierten Gebäude – entdeckt bei Ausgrabungen im Zentrum der heutigen Hauptstadt Reykjavík – wurden sogar in eine Außenwand eingebaute Knochen von Walrossen gefunden, die für ankommende Besucher gut sichtbar gewesen sein müssen. Doch schon bald dürfte der Handel mit Walrosselfenbein nur noch eine geringe Rolle für die isländische Gesellschaft gespielt haben: Die Tiere wurden offenbar so übermäßig bejagt, dass die lokalen Populationen dadurch ausgerottet wurden.

Anders in Grönland: Dort wurden bei fast allen bisherigen Ausgrabungen sowohl in der Ost- als auch in der Westsiedlung Walrossknochen gefunden. Vermutlich war die Jagd gemeinschaftlich organisiert: Im Sommer fuhr man mit Schiffen weit nach Norden bis in die Diskobucht (damals Norðrseta genannt) an der grönländischen Westküste, um Jagd auf die dortigen großen Walrossbestände zu machen. Da der Laderaum der Schiffe begrenzt war, nahm man wohl nicht das Fleisch der Tiere, sondern nur den wertvollsten Teil – also die Stoßzähne – mit zurück. Diese blieben bis ins 14.  Jahrhundert hinein das Hauptexportgut Grönlands, während aus Island im Mittelalter vor allem Wollstoff und Fisch exportiert wurden. Der grönländische Handel basierte somit anders als der isländische auf der Ausfuhr eines Luxusgutes. Ein Teilgrund für den späteren Niedergang der nordischen Siedlungen in Grönland könnte daher gewesen sein, dass die Nachfrage nach Walrosselfenbein im späten Mittelalter nachließ.

Aus welchen arktischen Gebieten genau in Europa gefundenes wikingerzeitliches und mittelalterliches Walrosselfenbein stammt, soll nun mit einer neu entwickelten Methode festgestellt werden.  Dabei werden Bleiisotope aus Materialproben analysiert. Denn die hauptsächlich Muscheln fressenden Walrosse lagern über ihre Nahrung und durch Umwelteinflüsse Bleiisotope in ihren Knochen und Zähnen ein, die so charakteristisch für die jeweiligen Herkunftsgegenden sind, dass es möglich ist, anhand ihrer beispielsweise Walrosselfenbein aus Grönland, Island und vom Weißen Meer zu unterscheiden. Bislang konnte nur eine sehr geringe Zahl von Proben mit dieser Methode analysiert werden und die Forscher betonen, dass umfassendere Untersuchungen nötig sein werden, um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen. Sie sind jedoch optimistisch, dass es bald sogar möglich sein wird, Walrosselfenbein aus Grönland verschiedenen Jagdplätzen dort eindeutig zuzuordnen. Dies dürfte neue Erkenntnisse über das Wesen des Handels mit diesem Luxusgut in Wikingerzeit und Mittelalter ermöglichen. Vielleicht wird sich dadurch auch die These erhärten, dass die Besiedlung sowohl Islands als auch Grönlands untrennbar mit der Walrossjagd in diesen neu entdeckten Gebieten verknüpft war.

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