Rudolf Simek: Die Schiffe der Wikinger (2014)

Rudolf Simek: Die Schiffe der Wikinger

Ohne Wikingerschiffe hätte es die Wikingerzeit nicht gegeben. Sie brachten Skandinavier nicht zur zum Plündern ins Frankenreich und auf die Britischen Inseln, sondern auch über die russischen Flüsse bis nach Byzanz. Sie waren es auch, die die Besiedlung nordatlantischer Inseln wie der Färöer, Islands und Grönlands durch Nordleute erst ermöglichten. Rudolf Simek, Professor für Skandinavistik an der Universität Bonn und selbst passionierter Segler, widmet nun ein ganzes Buch diesem wichtigsten Fortbewegungsmittel der Wikingerzeit.

Darin erläutert er die wenigen schriftlichen Quellen, die Informationen über Aussehen und kulturelle Bedeutung der Wikingerschiffe liefern, wie etwa Skaldenstrophen oder altnordische Sagas. Diese oft wenig aufschlussreichen Zeugnisse bestimmten die längste Zeit das neuzeitliche Wissen über die Schiffe der Wikinger. Erst durch archäologische Funde ab Ende des 19. Jahrhunderts konnte dieses Wissen beträchtlich erweitert werden. Ein Teil der Funde stammt aus Bootsgräbern, wie etwa das in Norwegen entdeckte Gokstadschiff und das reich mit Schnitzereien verzierte Osebergschiff, die heute beide im Wikingerschiffhaus in Oslo ausgestellt sind. Andere Schiffe wurden einst absichtlich als künstliche Barrieren versenkt und von Unterwasserarchäologen in aufwendigen Verfahren geborgen, wie etwa die Skuldelevschiffe aus dem Roskildefjord, die im Wikingerschiffmuseum in Roskilde besichtigt werden können.

Simek macht deutlich, dass es keineswegs nur die berühmten, zur Kriegsführung benutzten Langschiffe, sondern eine ganze Reihe weiterer Klassen von Wikingerschiffen gab – beispielsweise solche, die zu Handel und Transport dienten. In Kapiteln über Rudern, Segeln und Navigation räumt Simek mit einer Reihe insbesondere durch Wikingerfilme verbreiteter Missverständnisse auf. So konnten zwar tatsächlich auf manchen der Schiffe die typischen wikingerzeitlichen Rundschilde an der äußeren Bordseite befestigt werden, doch wurde damit das Rudern unmöglich, da so die Schilde die Ruderpforten blockierten. Anders als etwa in der Fernsehserie Vikings zu sehen, wo permanent bei außen angebrachten Schilden gerudert wird, dürften also Schilde nur beim Segeln und wohl eher Ausnahmsweise – vor allem zu Repräsentationszwecken – in dieser Weise eingesetzt worden sein. Auch für immer wieder in filmischen Darstellungen eingesetzte, angeblich wikingerzeitliche Navigationsgeräte wie Kompasse oder so genannte „Sonnensteine“ gibt es laut Simek keinerlei haltbare archäologische oder schriftliche Belege; vielmehr orientierte man sich in der Wikingerzeit hauptsächlich an Küstenlinien, der Sonnenhöhe und den Sternen und vertraute auf Erfahrungswissen.

Kapitel über die Entwicklung des Schiffsbaus in Skandinavien von der Jungsteinzeit bis zur Wikingerzeit, über die handwerklichen Vorgehensweisen beim Bau von Wikingerschiffen, die Bedeutung des Schiffes in der wikingerzeitlichen Religion sowie zur heutigen Verwendung von Wikingerschiffen etwa in Werbung und Firmenlogos runden den Band ab. Im Anhang finden sich ein hilfreiches Glossar, das nautisches Spezialvokabular erläutert, sowie Angaben zu weiterführender Literatur.

„Die Schiffe der Wikinger“ ist eine gelungene und sehr lesenswerte Darstellung zum Thema. Mit gut 100 Seiten ist das Buch zwar recht kurz, vermittelt jedoch weitaus umfangreichere und detailliertere Kenntnisse, als dies die in der Regel nur wenige Seiten umfassenden Kapitel über Wikingerschiffe in Gesamteinführungen zur Wikingerzeit (wie etwa in Arnulf Krauses „Die Welt der Wikinger“) leisten könnten. Wer bereits eine solche Einführung gelesen hat, jedoch noch mehr über die Schiffe der Wikinger, ihre Verwendung und ihren kulturellen Stellenwert erfahren möchte, ist daher mit diesem mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos, Skizzen und Karten illustrierten Band gut beraten.

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