Þorsteins þáttr sögufróða – Die Geschichte vom erzählkundigen Þorsteinn

In den Ostfjorden wuchs ein Mann auf, der Þorsteinn hieß. Er fuhr nach Norwegen und suchte König Haraldr auf. Er war ein feingesitteter Mann und verstand sich auf vieles gut. Er bat den König um Unterstützung. Der König sprach: “Kannst du irgendetwas Unterhaltsames?” Er sagte über sich, er könne einige Geschichten erzählen. Der König sprach: “Dann werde ich dich aufnehmen, du aber sollst jeden unterhalten, der dich darum bittet.” Und das tat er, wurde bei den Gefolgsleuten beliebt und sie gaben ihm ihre Kleidung. Einmal sprach der König zu Þorsteinn: “Es scheint mir so, als gehe es sehr gut zwischen euch, meinen Gefolgsleuten und dir, dass sie dir Kleidung geben, und du sie unterhältst. Es wird ratsam sein, dass ich dir eine Waffe gebe.” Das tat er und gab ihm ein gutes Schwert.

Nun verging so die Zeit bis Weihnachten. Da wurde Þorsteinn unfroh. Der König merkte das schnell und fragte, wie das komme. Þorsteinn sagte, es werde durch seine Launenhaftigkeit hervorgerufen. Der König sagte, dass es das nicht sei. “Und ich werde es erraten. Ich vermute, dass nun deine Geschichten aufgebraucht sind, die du immer jedem erzählt hast, der darum gebeten hat, und es wird dir schlimm erscheinen, dass sie dir an Weihnachten ausgehen.” Er sagte, dass das zutreffend sei. “Nun ist nur eine Geschichte übrig, und ich wage es nicht, sie zu erzählen, denn das ist die Geschichte Eurer Auslandsfahrt, Herr.” Der König sprach: “Das ist die Geschichte, auf die ich am begierigsten bin, sie zu hören. Nun sollst du bis Weihnachten nicht unterhalten, da alle Leute irgendeine Tätigkeit haben. Aber am ersten Weihnachtstag sollst du mit dem Erzählen beginnen, ich aber werde es so einrichten, dass die Geschichte ebenso lange dauert wie Weihnachten. Es gibt nun große Trinkgelage, und du brauchst nur kurze Zeit zu erzählen. Aber du wirst, während du erzählst, nicht wissen, ob es mir gut oder schlecht gefällt, aber rechne nach Weihnachten damit, dass du nurmehr wenig Geschichten erzählen wirst, wenn mir diese schlecht und unwahr erzählt erscheint. Aber wenn sie mir gut gefällt, wird dir Glück daraus erwachsen.”

Nun kommt der erste Weihnachtstag und der König verlangte die Geschichte. Sie dauerte eine Weile. “Lass es nun sein”, sagte der König. Dann begann man zu trinken und viele unterhielten sich darüber, dass es eine Dreistigkeit sei und man mutmaßte darüber, wie es der König aufnehmen würde. So ging es weiter über Weihnachten. Der König hörte sehr genau zu, aber man merkte ihm dennoch nichts an. Und als der Abend des dreizehnten Weihnachtstages kam, beendete Þorsteinn die Geschichte. Da sprach der König: “Willst du nicht wissen, wie mir die Geschichte gefällt?” Er sagte über sich, er fürchte sich davor. Der König sprach: “Das ist begreiflich, aber sie gefällt mir sehr gut. Sie ist nicht schlechter erzählt, als es der Stoff hergibt, aber wo lerntest du sie?” Er antwortet: “Es war meine Gewohnheit, Herr, dass ich jeden Sommer zum Allthing zog in unserem Land, und ich lernte so die Geschichte, als Halldórr Snorrason sie erzählte.” Der König sprach: “Dann ist es nicht verwunderlich, wenn du sie gut beherrschst. Dir wird hieraus Glück erwachsen und sei willkommen bei mir. Dir steht das zur Verfügung, was du willst.” Der König gab ihm gute Handelsware. Er wurde für einen klugen Mann gehalten, fuhr oft zwischen den Ländern hin und her und war lange beim König. Damit endet diese Geschichte.

 Übersetzt von Reinhard Hennig, www.wikinger.org.

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