Styrbjarnar þáttr – Die Geschichte von Styrbjörn

Aus der Flateyjarbók, der umfangreichsten mittelalterlichen isländischen Sammelhandschrift.

Die Skaldenstrophen wurden wörtlich übersetzt, ohne Versmaß und Reimschema beizubehalten, um den Inhalt möglichst genau wiederzugeben. Einfachere Kenningar sind direkt im Text in Klammern erklärt, kompliziertere in den Fußnoten.

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Die Geschichte, wie der schwedische Kämpfer Styrbjörn gegen den Schwedenkönig Erik kämpfte

Es ist davon zu erzählen, daß Erik und Olaf, die Söhne Björns des Alten, über das Schwedenreich herrschten. Olaf war mit Ingibjörg, der Tochter Jarl Thrands Sula verheiratet. Ihr Bruder hieß Ulf. Ingibjörgs und Olafs Sohn hieß Björn. Olaf starb einen plötzlichen Tod durch Vergiftung, als er in Uppsala zu Tisch saß. Erik ließ Björn in seinem Gefolge aufziehen, nachdem dessen Vater gestorben war. Ulf war sein Erzieher. Als Björn zwölf Jahre alt war, saß er auf dem Grabhügel seines Vaters und ging nicht mit dem König zu Tisch. Damals erhob er das erste Mal Anspruch auf die Herrschaft und sagte, er sei vom Aussehen und Alter her zur Herrschaft geeignet, werde aber wie ein Kind behandelt. Dasselbe geschah im Frühling darauf zum zweiten und dritten Mal. Erik meinte, daß er nicht für das Königtum und zum Antritt seines Erbes geeignet sei, bevor er nicht 16 Jahre alt sei. Er sagte, dann würde er ihn nicht davon abhalten. In diesem Jahr kam es zwischen Eriks Gefolgsmann Aki und Björn zum Streit. Björn zog ihm das Gewand über den Kopf und Aki schlug Björn ein Trinkhorn auf die Nase. Am selben Tag erschlug Björn Aki vor dem Eingang der Halle. Björn wollte dafür kein Wergeld bezahlen, aber der König tat dies und mußte danach zu einem anderen Gastmahl fahren. Björn blieb dort zurück und wartete die Thingversammlung ab. Auf dem Thing schlugen die Bauern einen Mann von geringem Stand vor, der Björn vom Königtum abhalten sollte. Dieser wurde zum König über den Teil des Landes, der Björn zustand, gewählt. Danach ritten Björn und Ulf vom Thing weg. Das Thing endete damit, daß die Leute ihnen Torfsoden und Steine hinterher warfen. Wenig später begab Björn sich zum Königsgefolge. Einige Zeit danach fand der König Björn mit 60 hervorragenden und gut ausgerüsteten Schiffen ab. Er sollte für drei Jahre lang fortbleiben, weil Erik meinte, ihn wegen seiner Dreistigkeit, seinen Friedensstörungen und dem Aufruhr der Bauern nicht im Reich behalten zu können. Dann fuhr Björn davon und fand heraus, wo sich der neu gewählte König der Schweden aufhielt. Björn fuhr zu ihm, kämpfte gegen ihn und tötete ihn. Dann fuhr Björn ins Baltikum und plünderte dort. Er verpflichtete weit umher die Leute, an seiner Fahrt teilzunehmen. Als drei Jahre vergangen waren, kam er zur Jomsburg im Wendenland und wurde dort der Anführer. Während er mit seiner Mannschaft dort war, gab es ein seltsames Ereignis. Aus dem Graben, der um die Burg herum angelegt war, kam ein großes Finngalkn [1] heraus und sprach das Folgende:

Die Hild des Kampfes (die Walküre) steht jeden Morgen unter dem roten Schild.
Jetzt haben die Siegmädchen (die Walküren) den Dänen hartes Schwertspiel (Kampf) bestimmt.
Wie alle müßt ihr mit dem Schwert gegen Balders bösen, dunklen Vater kämpfen.
Der harte Odin will die Gefallenen auswählen.

Aber bevor Björn das Land verlassen hatte, hatte König Erik ihm wegen seiner Kühnheit und Unverträglichkeit einen Beinamen gegeben und ihn Styrbjörn [2] genannt.

Nun begab er sich auf Wikingerfahrt nach Westen und verursachte in Dänemark großen Unfrieden. Es kam mit den Dänen zum Friedensschluß, indem Björn Thyra, die Tochter Harald Gormssons, heiratete, und sich die Dänen außerdem verpflichteten, ihm 120 Schiffe zu stellen und drei große Schlachten mit ihm zu bestehen. Nachdem er eine einzige Nacht drinnen geschlafen hatte, fuhr er zur Jomsburg im Wendenland, weil dorthin eine Menge Mannschaft aus den östlichen Ländern gekommen war und sie die Weiterfahrt verweigerten, wenn er nicht käme. Mit diesem gesamten Heer fuhr er nach Dänemark zurück und hatte damit 1200 Kriegsschiffe. Er ließ verlauten, sie würden sich in der Heimat der Dänen niederlassen, wenn diese ihnen nicht 240 Kriegsschiffe und den Mann, den er zur Teilnahme an der Fahrt wählen würde, stellten. Er wählte König Harald aus. Daraufhin sprachen die Dänen diese Strophe:

Die Jüten wollten nicht Abgaben zu den Schiffen bringen,
bis Styrbjörns Tiere des Strandes (Schiffe) an Land lagen.
Jetzt ist Dänemarks Herrscher in das Heer der Tapferen gegangen.
Ohne Land und Leute lebt er, vom Schicksal gezwungen.

Dann fuhr Styrbjörn mit seiner Mannschaft und allen diesen Kriegsschiffen nach Schweden.

Der Kampf zwischen Erik und dem schwedischen Kämpfer Björn

Ein Mann hieß Thorgnyr Thorgnyrsson und war, wie sein Vater vor ihm, Gesetzessprecher im Zehntland. Er war zu der Zeit einer der klügsten Menschen im Schwedenreich. Er stand bei König Erik in hohem Ansehen, weil dort, wo Thorgnyr war, alle schwierigen Angelegenheiten gelöst wurden. Zu dem Zeitpunkt, von dem hier erzählt wird, war er schon sehr alt und sah nur noch schlecht. Als König Erik von Styrbjörns Zusammenziehen von Kriegsvolk erfuhr, glaubte er zu wissen, daß dieser vorhatte, ihm das Schwedenreich abzuringen. Er berief daraufhin ein Thing ein und beriet sich mit seinen Ratgebern. Der Gesetzessprecher Thorgnyr empfahl, die Gesetze für das Volk stark zu verbessern, den Leuten ein gutes Recht zu stiften und dabei festzulegen, welche Waffen und welche Rüstung jeder Bauer besitzen sollte. Außerdem sollte er die Wasserstraße, an der Uppsala lag, verbarrikadieren lassen, so daß sie nicht mit Schiffen befahren werden konnte. Beim König waren drei Männer, die er sehr schätzte, aber die beim Volk nicht beliebt waren. Sie waren große Krieger, aber konnten doch eher als Übeltäter anstatt als Helden bezeichnet werden. Sie hießen Helgi, Thorgisl und Thorir.

Als Styrbjörn nach Schweden kam, bemerkte er die Vorbereitungen, die gegen ihn getroffen wurden. Sie fuhren dort ans Land, wo es ihnen am friedlichesten erschien. Sie begannen, einen Weg durch den Wald, der Myrkvid [3] genannt wird, freizuräumen, [4] aber da wurden ihnen Leute entgegengestellt, die ihnen die Fahrt durch den Wald verboten. Styrbjörn gab ihnen zwei Möglichkeiten: Entweder würde er den Wald verbrennen, oder ihnen würde die Fahrt durch ihn erlaubt. König Erik entschied, sie den Wald durchqueren zu lassen.

Styrbjörn gelangte mit seinem gesamten Heer auf die Fyrisvellir [5]. Er verbrannte alle Schiffe, mit denen er dorthin gekommen war, weil er meinte, seine Leute würden nicht so schnell fliehen, wenn es keine Möglichkeit gäbe, von dort fortzugelangen.

Der Gesetzessprecher Thorgnyr gab gab König Erik den Rat, alle möglichen Zugtiere, Pferde und Ochsen zusammenzutreiben und ihnen mit herausstehenden Eisenspitzen und Spießen versehene Joche umzulegen. Hinter den Tieren sollten Sklaven und Gesindel gehen, und das wurde auch so ausgeführt. Sie alle wurden am ersten Tag als erstes auf Styrbjörns Heer losgeschickt und Styrbjörn erhielt dadurch große Verluste. Am zweiten Tag kämpften sie gegeneinander und stellten ihre Heere in Schlachtordnung auf. Es gab keinen zahlenmäßigen Unterschied zwischen ihnen. Jarl Helming war bei Styrbjörn, doch die Nacht trennte sie. Styrbjörn opfterte auf das Drängen seines Ziehvaters Ulf und des Heeres hin dem Thor. In dieser Nacht wurde ein rotbärtiger Mann in Styrbjörns Kriegslager gesehen, der Folgendes sprach:

Styrbjörn, der Verderber des Armrings (der freigebige Mann), der den Frieden verletzt,
läßt mich nicht in Ruhe. Ich bin wütend auf den Lenker der Schwerter (den Krieger).
Diese Saat wird zuletzt dem siegdurstigen Heer beibringen,
Wunden zu verbinden. Die Speere der gelobten Männer sind gerötet.

In der selben Nacht ging Erik in den Odinstempel und gab ihm sich selbst für den Sieg, so daß er nach einer Frist von zehn Jahren sterben sollte. Zuvor hatte er viel geopfert, weil er seine Siegeschancen schlechter einschätzte. Wenig später sah er einen großen Mann mit einer langen Kapuze. Dieser gab ihm einen Rohrstengel in die Hand und forderte ihn auf, diesen über Styrbjörns Heer zu werfen. Er sollte dabei sagen: “Dem Odin gehört ihr alle.”

Als er den Rohrstengel geworfen hatte, schien er ihm in der Luft zu einem Wurfspeer zu werden. Er flog über Styrbjörns Leute. Das Heer und danach Styrbjörn selbst wurden sofort von Blindheit getroffen. Danach geschah etwas sehr Ungewöhnliches, nämlich daß ein Erdrutsch oben vom Berg herunterkam und sich von oben über Styrbjörns Heer wälzte und seine sämtlichen Leute tötete. Als König Harald das sah, wendeten er und alle Dänen sich zur Flucht. Sie konnten wieder sehen, sobald sie von dem Bereich wegkamen, über den der Speer geflogen war. Sie kamen bis nach Dänemark.

Styrbjörn befahl seinen Männern, die Bannerstangen in die Erde zu stecken und nicht zu fliehen. Dort fielen Styrbjörn und sein gesamtes Heer.

Danach war Erik auf dem Hügel in Uppsala und forderte den auf zu dichten, der es könne und versprach eine Belohnung dafür. Thorvald Hjaltason dichtete diese Strophen:

 Wächter des Mondes der Kriegerschar (Krieger), jede Abendreiterin der Pferde (jeder Wolf),
die hungrig ist, begebe sich zum Befestigungswall auf den Fyrisvellir.
Dort hat Erik im Speergetöse die Sturmbäume der Sonne des Skis des Flusses (die Krieger) [6]
für die Wölfe gefällt. Das ist keine Angeberei.

Und weiter dichtete er:

Schlimm wurde dann für die Forderer des Bettes der Arme der Berge (die Krieger) [7]
die Fahrt der Wikinger nach Schweden.
Nur das von ihrem zahllosen Heer lebt noch, was davonlief.
Sie hatten das größere Heer. Es war leicht, sie zu ergreifen.

Thorvald erhielt einen Ring von einer halben Mark Gewicht für jede Strophe. Es war den Menschen nicht bekannt, daß er jemals zuvor oder danach gedichtet hätte.

[1] Ein finngálkn ist eine Art Ungeheuer, über das es im Kapitel 19 der Örvar-Odds saga heißt, es sei “bis zum Kopf hinauf ein Mensch, aber unten ein Tier mit außerordentlich großen Klauen und einem ungeheuren Schwanz, mit dem es Menschen und Vieh, Tiere und Schiffe zerschlug”.

[2] “Kampf-Björn”.

[3] “Dunkelwald”.

[4] Aus dem Folgenden geht hervor, daß es sich um eine Wasserstraße handelt.

[5] Ebene südlich von Gamla-Uppsala.

[6] Die viergliedrige Kenning ist so aufzulösen: Ski des Flusses: Schiff; Sonne des Schiffes: Schild; Sturmbaum des Schildes: Krieger.

[7] Arme der Berge: Flüsse; Bett der Flüsse: Gold; Forderer des Goldes: Krieger.

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