Die Saga von Ragnar loðbrók – Ragnars saga loðbrókar

Die Saga von Ragnar loðbrók (Ragnars saga loðbrókar) ist eine der bekanntesten Vorzeitsagas aus dem mittelalterlichen Island. Sie wurde wahrscheinlich im 13. Jahrhundert verfasst, verarbeitet aber ältere Überlieferungen über den Wikingerkönig Ragnar und dessen nicht minder berühmte Söhne. Ragnar ist wohl identisch mit dem in historischen Quellen genannten Wikinger Reginheri, der 845 Paris plünderte. Vieles an der Saga über Ragnar ist pure Fiktion, doch der Text ist einer von vielen Belegen dafür, welche Bedeutung die mittelalterlichen Isländer der Möglichkeit beimaßen, ihre eigenen Vorfahren auf den bekannten Wikinger und dessen Söhne zurückführen zu können. Überhaupt handelt es sich bei der Ragnars saga um eines der beliebtesten Werke der Sagaliteratur, das auch heute noch immer wieder in Romanen und Filmen verarbeitet wird – so beispielsweise in der Fernsehserie Vikings, die sich zum Teil sehr nah an die Saga hält. Im Folgenden habe ich den Inhalt der Saga zusammengefasst und einen Ausschnitt aus dem Kapitel übersetzt, das von Ragnars heldenhafter Wikingerfahrt nach England und seinem Tod in der Schlangengrube erzählt.

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Ragnar ist in der Saga der einzige Sohn des mächtigen dänischen Königs Sigurd Ring. Schon als junger Mann begibt er sich auf Wikingerfahrt und erwirbt sich schnell einen Ruf als ausgezeichneter Krieger. Eines Tages hört er von Þóra, der wunderschönen Tochter des Jarls Herruð von Götland (im heutigen Südschweden). Þóra hatte einst von ihrem Vater einen kleinen Lindwurm geschenkt bekommen und diesen in ein Kistchen mit Gold gelegt. Daraufhin wuchsen sowohl das Gold als auch der Lindwurm so sehr, dass er nun um das gesamte Haus, in dem Þóra lebt, herumliegt und niemand sich diesem zu nähern wagt. Der Jarl verspricht daraufhin demjenigen, der den Drachen tötet, die Hand seiner Tochter und den gesamten Goldschatz.

Ragnar lässt sich eine Hose und einen Mantel aus rauhem Stoff anfertigen und diese in Pech kochen. Daraufhin erlegt er den Lindwurm mit einem Speer, wobei ihn seine Spezialkleidung vor einem ihn treffenden Blutstrahl des Drachen schützt. Auf diese Weise gewinnt er nicht nur Þóra, sondern erhält auch seinen Beinamen loðbrók, denn altnordisch loð-brœkr bedeutet ‘Hose aus rauhem Stoff, Lodenhose’.

Þóra und Ragnar bekommen zwei prächtige Söhne, die zu starken und schönen Männern heranwachsen: Eirík und Agnar. Doch als Þóra an einer Krankheit stirbt, hält es Ragnar nicht länger zu Hause und er geht erneut auf Wikingerfahrt. Als er eines Tages nach Norwegen reist, um Verwandte und Freunde zu besuchen, begegnet er auf einem ärmlichen Bauernhof einem an Schönheit unvergleichlichen Mädchen namens Kráka. Sie kommt mit Ragnar, der sich sofort in sie verliebt, und die beiden heiraten in Dänemark.

Was Ragnar nicht weiß: Kráka heißt eigentlich Áslaug und ist die Tochter des Drachentöters Sigurd und der Walküre Brynhild (die identisch sind mit Siegfried und Kriemhild aus dem Nibelungenlied, aber im Norden durch die Heldenlieder der Edda und die Vǫlsunga saga bekannt waren). Áslaug war beim Tod ihrer Eltern erst drei Jahre alt. Ihr Ziehvater Heimir war daraufhin mit ihr unter Tarnung fortgereist, um sie vor den Feinden ihrer Familie zu schützen. Doch bei der Übernachtung auf einem ärmlichen norwegischen Bauernhof tötete das Bauernpaar Heimir, um an seinen Besitz zu gelangen. Áslaug gaben sie von nun an als ihre eigene Tochter aus. Weil aber die Schönheit des Mädchens zu sehr mit der Hässlichkeit ihrer ‘Eltern’ kontrastiert hätte, schneiden sie ihr die Haare ab, beschmieren sie mit Dreck und nennen sie Kráka – was ‘Krähe’ bedeutet.

Der von der Abstammung und den wohl mit dieser verbundenen seherischen Fähigkeiten seiner Frau nichts wissende Ragnar setzt sich in der Hochzeitsnacht über deren Bitte hinweg, mit dem ersten Beischlaf noch drei Nächte zu warten. Kráka wird schwanger und gebiert einen Sohn, der Ívar genannt wird. Dieser ist ein schöner und äußerst kluger Junge, doch scheint er anstatt Knochen nur Knorpel im Körper zu haben und bekommt deshalb den Beinamen ‘der Knochenlose’. Weitere Söhne Ragnars und Krákas heißen Björn (genannt ‘Eisenseite’), Hvítserk und Rögnvald. Auch sie wachsen zu großen und tapferen Männern heran.

Schon bald fahren die vier unter der Führung Ívars, der immer auf einem Schild getragen werden muss, auf Plünderfahrten und erwerben großen Ruhm – wie auch ihre älteren Halbbrüder Eirík und Agnar. Bei einem Angriff auf die einst von Ragnar nicht bezwungene Stadt Hvitabœr siegen die Brüder zwar, doch Rögnvald, der jüngste, fällt.

Eines Tages besucht Ragnar den mit ihm befreundeten König Eystein von Schweden in dessen Residenz in Uppsala – dem Ort, wo die größten Opferfeste im gesamten Norden abgehalten werden. Dort verlobt sich Ragnar mit Eysteins Tochter Ingibjörg, die seinen Beratern für ihn standesgemäßer erscheint als die Bauerntochter Kráka. Als letztere davon erfährt, fordert sie Ragnar auf, die Verlobung nicht einzulösen und erzählt ihm von ihrer wahren Abstammung. Da Ragnar ihre Geschichte bezweifelt, prophezeit sie, ihr nächster Sohn werde als Beweis seiner Abstammung von dem Drachentöter Sigurd ein Schlangenzeichen in einem Auge haben. Als sich dies bewahrheitet, glaubt Ragnar seiner Frau und löst die Verlobung mit Ingibjörg nicht ein. Den neugeborenen Jungen benennt er nach dessen berühmtem Großvater Sigurd und gibt ihm den Beinamen Schlange-im-Auge.

König Eystein, der sich wegen der geplatzten Heirat in seiner Ehre gekränkt fühlt, kündigt Ragnar die Freundschaft auf. Daraufhin fahren Eirík und Agnar nach Schweden und überziehen das Land mit Krieg. Eystein setzt ein viel größeres Heer und zudem die dämonische Kuh Síbilja gegen sie ein, die vor der Schlachtreihe hergeht und mit ihrem Muhen die Angreifer verrückt werden lässt, so dass sie sich selbst gegenseitig töten. In diesem Kampf fällt Agnar und Eirík wird gefangen genommen. Als Eystein anbietet, ihm das Leben zu schenken, lehnt Eirík ab und lässt sich stattdessen töten, indem er auf mehrere im Boden steckende Speere geworfen wird.

Ragnar ist nicht zu Hause, als die Nachricht von diesen Ereignissen in Dänemark eintrifft. Áslaug, die über den Tod ihrer Stiefsöhne erzürnter ist als über den Rögnvalds, hetzt die kürzlich Heimgekehrten Ívar, Hvítserk und Björn zur Rache an König Eystein auf. Sie fahren mit vielen Schiffen los, während Áslaug selbst, die sich nun Randalín (‘Linde der Schilde’, ein poetischer Ausdruck für ‘Kriegerin’) nennt, mit einem Reiterheer den Landweg nimmt. In Schweden gelingt es Ívar in der Schlacht gegen Eystein, die Kuh Síbilja zu töten. Wenig später fällt der König selbst und der Kampf ist vorbei.

Randalín kehrt nach Dänemark zurück, während die vier Ragnarssöhne gemeinsam nach Süden ins Frankenreich fahren und dort plündern. Mit Mut, Stärke und List erobern sie zahllose Städte und Burgen und werden so berühmt, „dass es kein kleines Kind gab, das nicht ihre Namen gekannt hätte“ – wie es in der Saga heißt. Als sie gerade in Norditalien auf Raubzug sind und den Plan fassen, nun auch Rom zu überfallen, hält sie nur die Behauptung eines alten Wanderers, der Weg dorthin sei zu weit, davon ab, dieses Vorhaben zu verwirklichen.

Der nach Hause zurückgekehrte Ragnar hört vom großen Ruhm seiner Söhne und sucht nach einem Weg, diesen noch zu übertreffen. Daraufhin lässt er zwei riesige Schiffe bauen und zieht ein großes Heer zusammen. Dann verkündet er seinen Plan, mit nicht mehr als diesen beiden Schiffen England zu erobern. Randalín, die ihn vor dieser Fahrt gewarnt hat, gibt ihm zum Abschied ein Gewand, das ihn unverwundbar machen soll.

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Im Folgenden habe ich einen Abschnitt aus dem 15. Kapitel der Saga übersetzt, das von Ragnars versuchter Eroberung Englands erzählt. Die Übersetzung basiert auf der Edition des Originaltextes in Magnus Olsen: Vǫlsunga saga ok Ragnars saga loðbrókar, København 1906-08. Der häufige Wechsel zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitsform ist übrigens typisch für die Sagas.

Nun steuert Ragnar seine Schiffe Richtung England, wie er es vorgehabt hatte. Er gerät in heftigen Wind, so dass er an der englischen Küste mit seinen beiden Schiffen Schiffbruch erleidet. Aber sein ganzes Kriegsvolk kommt an Land und sie bergen ihre Kleidung und ihre Waffen. Dort, wo Ragnar zu Dörfern, Burgen oder Festungen kommt, siegt er.

Der König aber, der damals über England herrschte, hieß Ella. Er hatte Nachricht über Ragnar erhalten, als dieser außer Landes fuhr. Er hatte Leute positioniert, damit er es sofort erführe, falls das Heer an Land käme. Nun suchten diese Leute König Ella auf und meldeten ihm die Kriegsgefahr. Daraufhin lässt er ein Aufgebot in seinem gesamten Reich ergehen und befielt jedem Mann, der einen Schild halten und ein Pferd reiten kann und der es wagt, zu kämpfen, zu ihm zu kommen. Er zieht ein so großes Heer zusammen, dass es unglaublich erscheint.

Nun rüsten sich König Ella und seine Leute zum Kampf. Da sprach König Ella zu seinem Heer: „Wenn wir in dieser Schlacht siegen und ihr werdet dessen gewahr, dass Ragnar gekommen ist, dann sollt ihr ihn nicht mit Waffen angreifen, denn er hinterlässt die Söhne, die niemals von uns ablassen werden, wenn er fällt.“

Ragnar rüstete sich nun zur Schlacht. Er hatte das Gewand, das Randalín ihm zum Abschied gegeben hatte, anstelle einer Brünne an, und den Speer in der Hand, mit dem er den Drachen angegriffen hatte, der um Þóras Halle lag, und was kein anderer gewagt hatte. Er hatte keinerlei Schutzausrüstung, bis auf einen Helm.

Als sie aufeinandertrafen, begann die Schlacht. Ragnar hatte viel weniger Gefolge. Die Schlacht hatte noch nicht lange gedauert, als immer mehr aus Ragnars Mannschaft fielen. Aber dort, wo er ging, wurde es vor ihm leer. Er schritt an diesem Tag durch die Schlachtreihen und dort, wo er nach Schilden, Brünnen oder Helmen schlug oder stach, waren seine Hiebe so mächtig, dass nichts standhalten konnte. Aber nie wurde so nach ihm geschlagen oder auf ihn geschossen, dass ihm auch nur eine einzige Waffe Schaden zugefügt hätte. Er wurde überhaupt nicht verletzt, obwohl er eine große Menge von König Ellas Kriegsvolk erschlug. Aber dennoch endete ihre Schlacht so, dass Ragnars gesamte Mannschaft fiel. Er selbst wurde mit Schilden eingekesselt und so gefangen genommen.

Nun wurde er gefragt, wer er sei. Er aber schwieg dazu und antwortete nichts. Da sprach König Ella: „Dieser Mann muss einer größeren Mutprobe ausgesetzt werden, wenn er uns nicht sagen will, wer er ist. Er soll nun in eine Schlangengrube geworfen und dort sehr lange sitzen gelassen werden. Falls er irgendetwas sagt, woran wir erkennen können, dass er Ragnar ist, dann soll er so schnell wie möglich herausgenommen werden.“

Nun wird er dorthin gebracht und er sitzt dort sehr lange, ohne dass ihn irgendwelche der Schlangen beißen. Da sprachen die Leute: „Dieser Mann ist außergewöhnlich. Ihn verwundeten heute keine Waffen und nun schaden ihm die Schlangen nicht.“ Daraufhin befahl König Ella, ihm das Gewand auszuziehen, das er zuoberst trug. Nun wurde es so getan, und die Schlangen hingen zu allen Seiten an ihm. Da sprach Ragnar: „Grunzen würden nun die Ferkel, wenn sie wüssten, was der Alte erduldet.“

Ende des übersetzten Abschnitts.

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Nach Ragnars Tod in der Schlangengrube sendet König Ella Boten nach Dänemark, die die inzwischen von ihren Wikingerzügen zurückgekehrten Ragnarssöhne über das Geschehene in Kenntnis setzen. Deren Reaktionen, als sie vom Tod ihres Vaters erfahren, verheißen nichts Gutes. Sie brechen eilig nach England auf, um Ragnar zu rächen, bekommen aber weniger Schiffe, als erwartet, da Ívar den größten Teil seiner Mannschaft zu Hause bleiben lässt. Als sie auf Ellas Heer treffen, siegt dieser und die Ragnarssöhne müssen fliehen.

Sigurd, Björn und Hvítserk kehren daraufhin nach Dänemark zurück. Ívar jedoch begibt sich zu König Ella. Er bietet diesem den Schwur an, nie gegen ihn zu kämpfen, wenn er ihm als Entschädigung für den Tod Ragnars ein Stück Land in England von der Größe gebe, wie es von einem Ochsenfell bedeckt werden könne. Ella willigt hierin ein. Daraufhin beschafft Ívar sich das größte aufzutreibende Ochsenfell, lässt es einweichen, mehrfach dehnen und in äußerst dünne Streifen schneiden, die miteinander verbunden werden und so einen Strang von unglaublicher Länge ergeben. Diesen legt er nun um eine weite Ebene herum und und gründet auf dieser eine riesige Stadt: London.

In der Folgezeit bindet Ívar viele der wichtigsten Männer in England durch Geldgeschenke an sich. Dann fordert er seine Brüder auf, ein großes Heer aus ihrem gesamten Reich zusammenzuziehen und damit nach England zu kommen. Als König Ella von der Ankunft der Ragnarssöhne erfährt, sammelt er ebenfalls ein Heer. Ívar selbst teilt Ella mit, er werde seinen Schwur halten und nicht gegen ihn kämpfen. Doch da so viele in England Ívar Gefolgschaft versprochen haben, bekommt Ella selbst nur wenig Mannschaft. Schließlich entbrennt eine lange und erbitterte Schlacht zwischen den Ragnarssöhnen und Ella. Am Ende jedoch flieht das englische Heer und Ella wird gefangen genommen. Der hinzugekommene Ívar lässt Ella nun auf besonders grauenvolle Weise töten: Ihm wird der ‘Blutadler’ geritzt, das heißt bei lebendigem Leib die Rippen hinten von der Wirbelsäule abgebrochen und nach vorne gedrückt, so dass es ihm die Lunge zerreißt.

Nach der vollzogenen Rache für Ragnars Tod fahren Hvítserk, Björn und Sigurd zurück nach Dänemark während Ívar zurückbleibt und nun selbst über England herrscht. Er lebt lange und stirbt schließlich an einer Krankheit. Hvítserk wird eines Tages bei einer Wikingerfahrt im Baltikum gefangen genommen. Er wählt selbst als Todesart, auf einem Berg aus Menschenschädeln sitzend verbrannt zu werden. Von Sigurd Schlange-im-Auge und Björn Eisenseite aber stammen große Geschlechter ab, zu denen beispielsweise der norwegische König Harald Schönhaar sowie einer der ersten Landnahmemänner in Island zählen.

Von den Ragnarssöhnen erzählt übrigens auch ein Teil der Geschichte vom Nornen-Gest.

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