Örvar-Odds saga – Die Saga von Pfeile-Odd

Kap. 18-19: Der Kampf zwischen Oddr und Hjalmar

Die Örvar-Odds saga ist eine umfangreiche altnordische Vorzeitsaga, die im mittelalterlichen Island wohl im 13. Jahrhundert verfasst wurde. Der folgende Abschnitt schildert einen Kampf zwischen den Wikingern Hjalmar und Oddr, die später Schwurbrüder werden und die sich selbst recht edel wirkende Wikingergesetze geben. Der Text zeigt exemplarisch, wie schon in der mittelalterlichen Literatur die Wikingerzeit als eine Art Heldenzeitalter verklärt wurde.

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Nun tun sie es so, und sobald es hell genug zum Kampf war, rüsten sich Oddr rund seine Leute und gingen, um Hjalmar aufzusuchen. Und sobald Hjalmar und seine Leute Wikinger mit Kriegsrüstung an Land sehen, rüsten sie sich und gehen mit ihrer Mannschaft an Land und Oddr und seinen Leuten entgegen. Sobald sie in Rufreichweite sind, fragt Hjalmar, wer diese Mannschaft befehlige.

Oddr sagte, er sei es. Hjalmar sprach: “Bist du der, der vor einigen Jahren nach Bjarmaland fuhr? Und was ist dein Anliegen hier?”

Oddr sagt: “Ich will erproben, wer von uns beiden der bedeutendere Mann ist.”

Hjalmar sagt: “Wie viele Schiffe hast du?”

Oddr sprach: “Wir haben fünf Schiffe und 100 Mann auf jedem, und wie viele habt ihr?”

“Wir haben 15 Schiffe”, sagt Hjalmar, “und 100 Mann auf jedem, aber das soll dir egal sein. Zehn Schiffsmannschaften sollen hier dabei sitzen und es soll Mann gegen Mann kämpfen.”

Oddr sagt: “Das ist mannhaft gesprochen.”

Und im Anschluss rüsten sich beide Seiten zum Kampf, stellen ihre Mannschaft in Schlachtordnung auf und kämpfen dann, bis der Tag zu Ende geht. Dann wird der Friedensschild hochgehalten und Hjalmar fragt Oddr, wie es ihm gefalle, wie es tagsüber gegangen sei. Oddr äußerte sich zufrieden darüber. “Willst du dieses Spiel noch einmal?” sagt Hjalmar.

“Ich habe nichts anderes vor”, sagt Oddr, “denn nie zuvor traf ich einen besseren oder hartgesotte-neren Kerl.”

Nun verbinden die Männer am Abend ihre Wunden und beide Seiten begeben sich zu ihren Heereslagern. Aber am Morgen stellen beide ihre Mannschaft in Schlachtordnung auf, rüsten sich zum Kampf und kämpfen den zweiten Tag. Am Abend wurde der Friedensschild hochgehalten und da fragt Oddr, wie es seiner Ansicht nach gegangen sei. Er äußerte sich zufrieden darüber: “und wirst du dieses Spiel den dritten Tag haben wollen?”

“Ja”, sagt Oddr, “jetzt soll zwischen uns bis zur Entscheidung gekämpft werden.”

Da sprach Þórðr: “Ist auf deinen Schiffen auf viel Beute zu hoffen?”

“Das ist es nicht”, sagt Oddr, “denn wir haben keinerlei Beute angehäuft diesen Sommer.”

“Hier hörte ich von den unklügsten Männern erzählt”, sagte Þórðr, “denn wir kämpfen nur für Übermut und Ehre.”

“Was willst du dann jetzt daraus machen?” sagt Oddr.

“Ich will”, sagt Þórðr, “dass wir uns zusammenschließen.”

“Das gefällt mir gut”, sagt Oddr, “aber ich weiß nicht, wie es damit bei Hjalmar steht?” Hjalmar sprach: “Ich will einzig die Wikingergesetze pflegen, die ich zuvor gehabt habe.” Oddr sagt: “Ich will sie zuerst hören, ehe ich zustimme.”

Hjalmar sprach: “Ich und meine Mannschaft wollen nie rohes Fleisch essen oder Blut trinken. Es ist auch die Sitte vieler Männer, Fleisch in Tücher zu wickeln und es dann gekocht zu nennen, aber ich halte das für Wolfsfutter. Ich will nie Kaufleute oder Bauern um mehr berauben als das, was ich als Schiffsproviant brauche, und dennoch volle Bezahlung dafür hinterlassen. Ich will auch nie Frauen berauben lassen, wo auch immer sie mit großem Besitz aufgefunden werden. Und auch wenn einer meiner Männer eine Frau vergewaltigt oder mit Gewalt zu den Schiffen bringt, dann soll dieser nicht weniger als sein Leben verlieren, egal, ob er angesehen ist oder nicht.”

Oddr sprach: “Gut erscheinen mir deine Gesetze, und ich werde mich ihnen allen unterstellen.”

Übersetzt von Reinhard Hennig, www.wikinger.org.
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