Landnámabók – Das Buch von den Landnahmen

Das “Buch von der Landnahme” (altisländisch Landnámabók) ist einer der frühesten Texte zur Geschichte Islands und in seiner ersten Fassung schon im frühen 12. Jahrhundert entstanden. Darin wird systematisch die Entdeckung und Besiedlung Islands in der Wikingerzeit beschrieben. Gewöhnlich werden die Jahre 874 bis 930 n. Chr. als Landnahmezeit bezeichnet. Allerdings deuten neuere archäologische Funde darauf hin, dass erste skandinavische Siedler schon vorher auf Island lebten. Die folgende Übersetzung des Anfangs des “Buchs von der Landnahme” über die Entdeckung der Insel, sowie des Teils, der von dem ersten dauerhaften Siedler Ingólfr Arnarson berichtet, folgt der Fassung aus der so genannten Sturlubók in der Handschrift AM 107 fol.

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In dem “Buch vom Gang der Welt” (De ratione temporum), das der heilige Priester Beda anfertigte, wird die Insel erwähnt, die Thile heißt und von der in Büchern gesagt wird, dass sie segelnd sechs Tage nördlich von Britannien liege. Er sagte, dort gebe es keinen Tag im Winter und keine Nacht im Sommer, dann, wenn die Tage am längsten sind. Deshalb meinen kluge Männer, dass Island Thile genannt werde, weil es dort weithin im Land so ist, dass die Sonne nachts scheint, dann, wenn die Tage am längsten sind, und weithin ist es so, dass man tagsüber die Sonne nicht sieht, dann, wenn die Nächte am längsten sind. Der Priester Beda starb siebenhundertfünfunddreißig Jahre nach der Fleischwerdung unseres Herrn, gemäß dem, was geschrieben steht, und mehr als hundert Jahre ehe Island von Nordleuten besiedelt wurde.

Aber ehe Island von Norwegen aus besiedelt wurde, waren dort Männer, die die Nordleute Papar nannten. Das waren Christen, und die Leute meinen, dass sie von Westen über das Meer gekommen seien, denn man fand als ihre Hinterlassenschaft irische Bücher, Glocken, Krummstäbe und noch mehr Dinge, an denen man erkennen konnte, dass sie Leute aus dem Westen waren. Es ist zudem in englischen Büchern berichtet, dass zu dieser Zeit zwischen den Ländern verkehrt wurde.

Als Island entdeckt und von Norwegen aus besiedelt wurde, war Adríánus Papst in Rom und nach ihm Jóhannes, der der fünfte dieses Namens auf dem apostolischen Sitz war. Hlöðver Hlöðversson (Ludwig der Deutsche) war Kaiser nördlich der Alpen, und Leó und sein Sohn Alexander über Miklagarðr (Byzanz). Damals war König Haraldr Schönhaar König über Norwegen, Eiríkr Emundarson in Schweden und sein Sohn Björn, Gormr der Alte in Dänemark, und Elfráðr (Alfred) der Mächtige in England und sein Sohn Játvarðr (Edward), Kjarvalr in Dyflinn (Dublin) und Jarl Sigurðr der Mächtige auf den Orkney-Inseln.

So sagen kluge Menschen, dass es von Staðr in Norwegen aus sechs Tage westwärts zu segeln sei bis nach Horn im Osten von Island. Und von Snæfellsnes, da, wo es am kürzesten ist, sind es vier Tage zu See westwärts nach Grönland. Und es heißt, dass, wenn man von Björgin (Bergen) in Norwegen direkt westwärts nach Hvarfr in Grönland fährt, man zwölf Seemeilen südlich von Island entlang fährt. Von Reykjanes im Süden Islands sind es fünf Tage zu See bis nach Jölduhlaupr im Süden von Irland. Aber von Langanes im Norden Islands sind es vier Tage zu See in nördlicher Richtung bis Svalbarðr (Spitzbergen) im nördlichen Eismeer.

So wird erzählt, dass Menschen von Norwegen zu den Färöern fahren wollten. Einige nennen diesbezüglich den Wikinger Naddoddr. Sie wurden jedoch westwärts aufs Meer getrieben und fanden dort ein großes Land. Sie stiegen in den Ostfjorden auf einen hohen Berg und blickten sich weithin um, ob sie Rauch oder irgendein Anzeichen dafür sähen, dass das Land bewohnt sei, aber das sahen sie nicht. Im Herbst fuhren sie zurück zu den Färöern. Und als sie von dem Land wegsegelten, fiel viel Schnee auf die Berge, und deshalb nannten sie das Land Snæland, Schneeland. Sie lobten das Land sehr. Die Stelle, wo sie angekommen waren, heißt jetzt Reyðarfjall in den Ostfjorden. So erzählte es der Priester Sæmundr der Gelehrte.

Ein Mann von schwedischer Herkunft hieß Garðarr Svávarsson. Er fuhr nach Anweisung seiner hellseherischen Mutter los, um Snæland zu suchen. Er kam östlich von dem östlichen Horn an Land. Dort war damals ein Hafen. Garðarr segelte um das Land herum und wusste, dass es eine Insel war. Er war im Winter im Norden in Húsavík auf Skjálfandi und baute dort Häuser. Im Frühjahr, als er bereit war, in See zu stechen, trennte sich von ihm ein Mann auf einem Boot, der Náttfari hieß, und mit ihm ein Knecht und eine Magd. Er wohnte dann an der Stelle, die Náttfaravík heißt. Garðarr fuhr dann nach Norwegen und lobte das Land sehr. Er war der Vater von Uni, dem Vater des Tungu-Goden Hróarr. Danach wurde das Land Garðarshólmr, Garðarsinsel, genannt, und damals gab es dort Wald vom Gebirge bis zur Küste.

Ein Mann hieß Flóki Vilgerðarson. Er war ein großer Wikinger. Er fuhr, um nach Garðarhólmr zu suchen und segelte von dort los, wo es Flókavarði heißt. Dort treffen Hordaland und Rogaland aufeinander. Er fuhr zuerst zu den Shetland-Inseln und lag dort in der Bucht Flókavágr. Dort kam seine Tochter Geirhildr in dem See Geirhildarvatn ums Leben. Mit Flóki auf dem Schiff war ein Bauer, der Þórólfr hieß, und ein weiterer namens Herjólfr. Ein Mann von den Hebriden, der dort auf dem Schiff war, hieß Faxi. Flóki nahm drei Raben mit sich aufs Meer, und als er den ersten fliegen ließ, flog dieser nach hinten zum Steven. Der zweite flog in die Luft hinauf und zurück zum Schiff. Der dritte aber flog nach vorne zum Steven in die Richtung, in der sie das Land fanden. Und als sie westwärts um Reykjanes herumfuhren und sich der Fjord vor ihnen öffnete, so dass sie Snæfellsnes sahen, da sagte Faxi darüber: “Das muss ein großes Land sein, das wir gefunden haben. Hier gibt es große Wasserläufe.” Seither heißt die Stelle Faxaóss, Faxi-Mündung. Flóki und die anderen segelten westwärts über den Breiðafjord und nahmen dort Land, wo es Vatsfjord an Barðaströnd heißt. Damals war der Fjord voll von Jagdbeute, und wegen der Jagd kümmerten sie sich nicht darum, Heu zu bekommen und ihr gesamtes Vieh starb im Winter. Der Frühling war relativ kalt. Da stieg Flóki auf einen hohen Berg hinauf, und sah im Norden über den Bergen einen Fjord, voll von Treibeis. Deshalb nannten sie das Land Island, Eisland, wie es seither geheißen hat. Flóki und seine Leute wollten im Sommer fort und wurden kurz vor Winterbeginn fertig. Sie kamen beim Kreuzen nicht an Reykjanes vorbei, und das Beiboot wurde losgerissen mit Herjólfr darauf. Er landete an der Stelle, die jetzt Herjólfshöfn, Herjólfs Hafen, heißt. Flóki war den Winter über im Borgarfjord und sie fanden Herjólfr. Im Sommer darauf segelten sie zurück nach Norwegen. Und als die Leute sich nach dem Land erkundigten, äußerte sich Flóki abfällig darüber, Herjólfr berichtete sowohl Gutes als auch Schlechtes von dem Land, Þórólfr aber behauptete, es tropfe Butter von jedem Halm in dem Land, das sie gefunden hatten. Deshalb wurde er Þórólfr Butter genannt.

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Diesen Winter bereitete Ingólfr ein großes Opfer vor und versuchte, glückliche Vorzeichen für sein Schicksal zu erlangen. Hjörleifr aber wollte nie opfern. Das Orakel wies Ingólfr nach Island. Anschließend rüstete jeder der beiden Schwager sein Schiff zur Islandfahrt. Hjörleifr nahm seine Beute mit auf das Schiff und Ingólfr ihren gemeinsamen Besitz. Sie stachen in See, als sie bereit waren.

In dem Sommer, in dem Ingólfr und Herjólfr losfuhren, um Island zu besiedeln, war Haraldr Schön-haar zwölf Jahre lang König in Norwegen gewesen. Damals waren seit dem Beginn dieser Welt sechstausenddreiundsiebzig Jahre vergangen und seit der Fleischwerdung des Herrn achthundertvierundsiebzig Jahre. Sie segelten gemeinsam, bis sie Island sahen, dann wurden sie voneinander weggetrieben.

Als Ingólfr Island sah, warf er seine Hochsitzpfosten für ein gutes Vorzeichen über Bord. Er sprach dabei, dass er dort siedeln werde, wo die Pfosten an Land kämen. Ingólfr ging dort an Land, wo es jetzt Ingólfshöfði heißt, Hjörleifr aber trieb westwärts am Land entlang und sein Trinkwasser wurde knapp. Da entschlossen sich die irischen Sklaven, Mehl und Butter zusammenzukneten und sagten, das sei durststillend. Sie nannten das Minnþak [von einem gälischen Wort min = Mehl]. Und als das zubereitet war, kam ein großer Regen und sie fingen Wasser mit den Zeltplanen auf. Als das Minnþak zu schimmeln begann, warfen sie es über Bord, und es trieb an der Stelle an Land, die jetzt Minnþakseyrr heißt. Hjörleifr kam bei der Landspitze Hjörleifshöfði an Land und dort war ein Fjord, und dessen innerster Teil ging hinein zu der Landspitze.

Hjörleifr ließ dort zwei Hütten errichten, und die Wände der einen sind achtzehn Klafter lang, die der anderen neunzehn. Hjörleifr blieb den Winter über dort. Im Frühjahr wollte er sähen. Er hatte nur einen Ochsen und ließ die Sklaven den Pflug mitziehen. Aber als Hjörleifr und seine Leute in der Hütte waren, machte Dufþakr den Plan, dass sie den Ochsen töten und sagen sollten, dass ihn ein Braunbär getötet habe, und dann sollten sie Hjörleifr und seine Leute angreifen, wenn diese nach dem Bären suchten. Dann berichteten sie dies Hjörleifr. Und als sie loszogen, um den Bär zu suchen und sich im Wald zerstreuten, da überfielen die Sklaven jeden von ihnen einzeln und ermordeten sie alle, ebensoviele wie sie waren. Sie liefen mit ihren Frauen, der losen Habe und dem Boot davon. Die Sklaven fuhren zu der Insel, die sie im Meer im Südwesten sahen, und richteten sich eine Weile dort ein.

Zwei von Ingólfs Sklaven hießen Vífill und Karli. Diese schickte er westwärts an der Küste entlang, um nach seinen Hochsitzpfosten zu suchen. Aber als sie nach Hjörleifshöfði kamen, fanden sie Hjörleifr tot. Da kehrten sie zurück und berichteten Ingólfr von dem Geschehen. Er äußerte sich unzufrieden über die Erschlagung Hjörleifs. Anschließend begab sich Ingólfr westwärts nach Hjörleifshöfði und als er Hjörleifr tot sah, sprach er: “Es nahm ein schlimmes Ende mit einem guten Kerl, da Sklaven ihm zu Tötern werden sollten. Ich sehe, dass es jedem so geht, wenn er nicht opfern will.” Ingólfr ließ für Hjörleifr und die Seinen das Begräbnis vorbereiten und nach ihrem Schiff und ihrem Besitz sehen.

Dann stieg Ingólfr auf die Landspitze hinauf und sah Inseln im Südwesten im Meer liegen. Ihm kam der Gedanke, dass sie dorthin geflohen sein mussten, weil das Boot verschwunden war. Sie fuhren, um nach den Sklaven zu suchen und fanden sie an der Stelle bei den Inseln, die Eið heißt. Sie waren gerade beim Essen, als Ingólfr und seine Leute zu ihnen kamen. Sie wurden von Schrecken ergriffen und jeder lief in eine andere Richtung. Ingólfr erschlug sie alle. Die Stelle heißt Dufþaksskor, wo dieser starb. Viele sprangen von einem Felsen, der seither nach ihnen benannt ist. Die Inseln, wo die Sklaven erschlagen wurden, heißen seither Vestmannaeyjar, Westmännerinseln, weil sie Leute aus dem Westen waren. Ingólfr und seine Leute nahmen die Frauen derer mit, die ermordet worden waren. Sie fuhren zurück nach Hjörleifshöfði. Ingólfr war einen zweiten Winter dort. Aber im Sommer darauf zog er westwärts an der Küste entlang. Er verbrachte den dritten Winter unterhalb von Ingólfsfell westlich des Flusses Ölfusá. In diesem Jahr fanden Vífill und Karli seine Hochsitzpfosten bei Arnarhváll unterhalb von Mosfellsheiði. Ingólfr zog im Frühjahr über die Heide hinunter. Er nahm sich dort Wohnstatt, wo seine Hochsitzpfosten an Land gekommen waren. Er wohnte in der Bucht Reykjarvík. Dort sind noch immer diese Hochsitzpfosten in der Wohnstube. Ingólfr nahm das Land zwischen der Ölfusá und dem Hvalfjord jenseits des Flusses Brynjudalsá, zwischen diesem und dem Fluss Øxará, und die gesamte Landzunge zum Meer hinaus in Besitz.

Da sprach Karli: “Unnütze sind wir durch ein gutes Gebiet gezogen, wenn wir auf dieser Landzunge siedeln sollen.” Er verschwand und mit ihm eine Magd. Ingólfr schenkte Vífill die Freiheit und dieser wohnte in Vífilstóptir. Nach ihm ist der Berg Vífilsfell benannt. Dort wohnte er lange und wurde ein geachteter Mann. Ingólfr ließ eine Hütte auf dem Berg Skálafell errichten. Von dort sah er Rauch am See Ölfusvatn und dort fand er Karli.

Ingólfr war der berühmteste aller Landnahmemänner, denn er kam hierher, als das Land unbesiedelt war und besiedelte es als erster. Das taten andere Landnahmemänner nach seinem Vorbild. Ingólfr war mit Hallveig Fróðadóttur, der Schwester Lopts des Alten, verheiratet. Ihr Sohn war Þorsteinn, der das Thing auf Kjalarnes einrichtete, ehe das Alþingi eingerichtet wurde. Þorsteins Sohn war Þorkell Máni, der Gesetzessprecher, der von allen heidnischen Männern der bestgesittete war, soweit Menschen Beispiele dafür kennen. Er ließ sich, als er im Sterben lag, in die Sonnenstrahlen tragen und übergab sich dem Gott, der die Sonne erschaffen hatte. Er hatte auch ein so reines Leben geführt, wie die christlichen Menschen, die die besten Sitten haben. Sein Sohn war Þormóðr, der Allsherjargode war, als das Christentum nach Island kam. Dessen Sohn war Hamall, der Vater von Már, Þormóðr und Torfi.

Übersetzt von Reinhard Hennig, www.wikinger.org.
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