Íslendingabók – Buch der Isländer

Die Íslendingabók (“Buch der Isländer”) gibt einen kurzen Überblick über die Geschichte Islands von der Entdeckung und Besiedlung bis zum Jahr 1118. Sie wurde von Ari Þorgilsson in fróði (“der Gelehrte”) um 1125 verfasst. Die Íslendingabók ist somit der älteste überlieferte erzählende altnordische Prosatext.

Im Folgenden habe ich das Kapitel über die Entdeckung Grönlands durch Isländer sowie das berühmte Kapitel über die Annahme des Christentums in Island auf dem Allthing im Jahr 1000 übersetzt.

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Kapitel 6

Das Land, das Grönland genannt wird, wurde von Island aus entdeckt und besiedelt. Eiríkr der Rote hieß ein Mann aus dem Breiðafjord, der von hier aus dort hinaus fuhr und an der Stelle Land nahm, die seither Eiríksfjord heißt. Er gab dem Land einen Namen und nannte es Grönland. Er meinte, die Leute würden dadurch, dass das Land einen guten Namen hätte, begierig sein, dorthin zu fahren. Sie fanden dort Wohnstätten von Menschen im Osten und Westen des Landes, Reste von Fellbooten und Mauerwerk, woran man erkennen kann, dass dort Leute der Art gewesen waren, die Vínland besiedelt haben und die die Grönländer Skrælingar nennen. Das aber war, als er begann, das Land zu besiedeln, vierzehn oder fünfzehn Jahre bevor das Christentum hierher nach Island kam, gemäß dem, was einer, der selbst Eiríkr den Roten dorthin begleitet hatte, dem Þorkell Gellisson in Grönland erzählte.

 Kapitel 7

König Óláfr Tryggavson, Sohn des Óláfr, des Sohnes Haraldr Schönhaars, brachte das Christentum nach Norwegen und Island. Er sandte hierher einen Priester, der Þangbrandr hieß und der hier Menschen im Christentum unterwies und alle taufte, die den Glauben annahmen. Hallr á Síðu Þorsteinsson ließ sich frühzeitig taufen, auch Gizurr der Weiße, der Sohn Teits, des Sohnes Ketils von Mosfels, und viele andere Anführer. Aber dennoch waren es mehr, die dagegen redeten und es abschlugen. Aber als er hier ein oder zwei Jahre gewesen war, da fuhr er fort und hatte zwei oder drei Mann erschlagen, die Spottstrophen auf ihn gedichtet hatten. Er berichtete König Óláfr, als er nach Norwegen kam, was ihm hier wiederfahren war und äußerte, es sei unwahrscheinlich, dass hier noch das Christentum angenommen werde. Er [der König] aber wurde darüber sehr zornig und wollte dafür unsere Landsleute, die sich damals in Norwegen aufhielten, verstümmeln oder erschlagen lassen. Aber im selben Sommer kamen von hier aus Gizurr und Hjalti nach Norwegen und retteten sie vor dem König. Sie versprachen ihm ihre Unterstützung für einen neuen Versuch, dass das Christentum hier angenommen würde, und meinten, es sei nicht anders zu erwarten, als dass es dann gelingen werde. Im Sommer darauf fuhren sie und ein Priester, der Þormóðr hieß, von Norwegen los und landeten auf den Vestmannaeyjar, als zehn Wochen vom Sommer vergangen waren, und alles war gut verlaufen. Teitr sagte, das habe einer so erzählt, der selbst dabei gewesen war. Damals war im vorhergehenden Sommer gesetzlich beschlossen worden, dass die Leute zum Alþingi kommen sollten, wenn zehn Wochen des Sommers vergangen waren; bis dahin aber waren sie eine Woche früher gekommen. Sie aber begaben sich sofort hinein ins Hauptland, dann zum Alþingi, brachten aber Hjalti dazu, dass er in Laugardalr mit elf Mann zurückblieb, weil er im Sommer zuvor auf dem Alþingi wegen Gotteslästerung zur geringeren Acht verurteilt worden war. Der Grund aber dafür war, dass er auf dem Gesetzesfelsen diesen Spottvers sprach:

Nicht will ich die Götter schmähen;
eine Hündin scheint mir Freyja zu sein.

 Gizurr aber und die anderen zogen weiter bis sie an die Stelle am See Ölfossvatn kamen, die Vellan-katla heißt, und sandten von dort aus Botschaft zum Thing, dass alle ihre Helfer ihnen entgegen-kommen sollten, weil sie erfahren hatten, dass ihre Gegner ihnen mit Waffengewalt den Zugang zur Thingebene verwehren wollten. Doch ehe sie von dort losritten, kam Hjalti reitend dorthin und die, die mit ihm zurückgeblieben waren. Dann ritten sie zum Thing, und zuvor kamen ihnen ihre Verwandten und Freunde entgegen, wie sie es gewünscht hatten. Aber die heidnischen Leute drängten zueinander, und es war so nahe daran, dass sie gekämpft hätten, dass man es nicht voraussehen konnte. Aber am Tag darauf gingen Gizurr und Hjalti zum Gesetzesfelsen und trugen dort ihr Anliegen vor. Es heißt, dass es herausragend war, wie gut sie sprachen. Aber das Resultat daraus war, dass jeder den anderen zum Zeugen benannte und beide Seiten sagten sich von der Rechtsgemeinschaft mit den anderen los, die Christen und die Heiden. Anschließend verließen sie den Gesetzesfelsen.

Da baten die Christen Hallr á Síðu, ihre Gesetze aufzusagen, die zum Christentum gehörten. Aber er entband sich davon, indem er den Gesetzessprecher Þorgeirr dafür bezahlte, dass dieser sie aufsagen sollte, aber der war damals noch heidnisch.

Im Anschluss, als die Männer in ihre Buden kamen, legte sich Þorgeirr hin, breitete seinen Mantel über sich und ruhte dort den gesamten Tag und die folgende Nacht und sprach kein Wort. Aber am Morgen darauf setzte er sich auf und gab Anweisung, dass die Männer zum Gesetzesfelsen gehen sollten. Er begann zu reden, als die Leute dorthin kamen, und sagte, dass ihm die Lage der Menschen unmöglich geworden zu sein schiene, wenn sie nicht alle ein einziges Gesetz hier im Land haben sollten. Er redete den Menschen auf viele Weise zu, dass sie das sein lassen sollten und sagte, dass dies zu solcher Uneinigkeit führen werde, dass mit Gewissheit zu erwarten sei, dass daraus solche Kämpfe zwischen den Menschen entstünden, dass das Land dadurch verwüstet würde. Er erzählte davon, dass die Könige aus Norwegen und aus Dänemark lange Unfrieden und Kämpfe miteinander gehabt hatten, bis die Landesbewohner Frieden zwischen ihnen stifteten, obwohl sie das nicht wollten. Und diese Entscheidung wurde so verwirklicht, dass sie zuweilen einander Kostbarkeiten sandten, und dieser Friede hielt, so lange sie lebten. “Nun aber halte ich es für ratsam”, sagte er, “dass wir ebenfalls nicht die entscheiden lassen, die am meisten aufeinander losgehen wollen, und vermitteln wir in der Sache so zwischen ihnen, dass beide Seiten etwas von ihrem Anliegen bekommen, und wir alle ein Gesetz und eine Religion haben. Es wird sich bewahrheiten, dass, wenn wir das Gesetz zerreißen, wir auch den Frieden zerreißen werden.”

Er beendete seine Rede so, dass beide Seiten dem zustimmten, dass alle ein Gesetz haben sollten; das, zu dem er sich entschlösse, es aufzusagen. Da wurde das gesetzlich festgelegt, dass alle Menschen Christen sein und sich taufen lassen sollten, die bis dahin hierzulande ungetauft waren. Aber in Bezug auf Kindesaussetzung und das Essen von Pferdefleisch sollten die alten Gesetze gelten. Die Menschen sollten im Verborgenen opfern, wenn sie wollten, aber die geringere Acht darauf stehen, falls Zeugen dazukämen. Aber wenige Jahre später wurde dieses Heidentum ebenso wie anderes abgeschafft.

Von diesem Geschehen, wie das Christentum nach Island kam, erzählte uns Teitr. Aber Óláfr Tryggvason fiel im selben Sommer nach Aussage des Priesters Sæmundr. Da kämpfte er gegen den Dänenkönig Sveinn Haraldsson, den Schwedenkönig in Uppsala, Óláfr Eiríksson der Schwedische, und gegen Eiríkr Hákonarson, der später Jarl in Norwegen war. Das war hundertdreißig Jahre nach der Erschlagung Eadmunds, und tausend Jahre nach der Geburt Christi gemäß allgemeiner Zählung.

Übersetzt von Reinhard Hennig, www.wikinger.org.
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