Grœnlendinga saga – Saga von den Grönländern

Aus der Grœnlendinga saga, Kap.3-4

Die altnordische Grœnlendinga saga, die “Saga von den Grönländern”, ist sehr bekannt, da in ihr die Fahrten nach Nordamerika während der Wikingerzeit geschildert werden (mehr zur Entdeckung Amerikas und den Vinlandfahrten). Die folgenden Abschnitte beschreiben die erste Landung in Nordamerika durch Leifr Eiríksson, den Sohn Eiríks des Roten.

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Darauf als nächstes kam Bjarni Herjólfsson von Grönland aus zu Jarl Eiríkr und der Jarl empfing ihn freundlich. Bjarni erzählte von seinen Reisen, auf denen er Länder gesehen hatte. Die Leute hielten ihn für nicht wissbegierig, da er nichts von diesen Ländern zu erzählen hatte, und er erhielt dafür einige Vorwürfe. Bjarni wurde ein Gefolgsmann des Jarls und fuhr im darauffolgenden Sommer nach Grönland. Es gab nun viel Gerede über die Suche nach den Ländern. Leifr, ein Sohn von Eiríkr rauði aus Brattahlíð, begab sich zu Bjarni Herjólfsson und kaufte ein Schiff von ihm. Er heuerte Besatzung dafür an, so dass sie insgesamt 35 Mann waren. Leifr bat seinen Vater Eiríkr, erneut die Fahrt zu leiten. Eiríkr antwortete eher ablehnend und sagte, er sei in hohem Alter und könne weniger als früher mit all den Strapazen zurechtkommen. Leifr äußerte, er werde noch immer am meisten Glück haben von den Verwandten. Und deswegen gab Eiríkr Leifr gegenüber nach und ritt von zu Hause los, als sie dazu bereit waren, und es war nicht weit bis zum Schiff. Das Pferd, das Eiríkr ritt, strauchelte und er fiel vom Rücken und brach sich ein Bein. Da sprach Eiríkr: “Es wird mir nicht bestimmt sein, mehr Länder zu finden als dieses, in dem wir nun wohnen. Wir werden nun nicht länger alle miteinander fahren.” Eiríkr begab sich nach Hause nach Brattahlíð, Leifr aber begab sich aufs Schiff und mit ihm seine Fahrtgenossen, 35 Mann. Auf dieser Reise war ein Deutscher dabei, der Tyrkir hieß.

Nun machten sie ihr Schiff bereit und segelten aufs Meer, als sie so weit waren. Sie fanden als erstes das Land, das Bjarni als letztes gefunden hatte. Dort segelten sie zum Land, ankerten, ließen ein Boot zu Wasser, fuhren an Land, sahen dort aber kein Gras. Im gesamten höher gelegenen Teil gab es große Gletscher, aber von den Gletschern bis zur See war es wie eine einzige Steinplatte. Das Land schien ihnen unfruchtbar zu sein. Da sprach Leifr: “Es ist uns jetzt mit diesem Land nicht ergangen wie Bjarni, dass wir nicht an Land gekommen sind. Ich werde dem Land jetzt einen Namen geben und es Helluland, Steinland, nennen.” Anschließend begaben sie sich aufs Schiff.

Danach segelten sie aufs Meer und fanden ein zweites Land. Sie segelten wieder zum Land, ankerten, ließen ein Boot zu Wasser und gingen an Land. Dieses Land war eben und mit Wald bewachsen, und es gab weite, weiße Sandstrände, da wo sie gingen, und es fiel nicht steil zur See hin ab. Da sprach Leifr: “Von seiner Beschaffenheit her soll diesem Land ein Name gegeben und es Markland, Waldland, genannt werden.” Dann begaben sie sich so schnell wie möglich zurück aufs Schiff.

Nun segelten sie bei Nordostwind aufs Meer und waren zwei Tage auf See, ehe sie Land sahen. Sie segelten zum Land und kamen zu einer Insel, die nördlich des Landes lag. Sie gingen hinauf und sahen sich bei gutem Wetter um und merkten, dass Tau auf dem Gras war. Es kam dazu, dass sie mit ihren Händen in den Tau griffen und ihn an ihren Mund führten. Sie meinten, noch nie etwas geschmeckt zu haben, das ebenso süß war wie dieses.

Dann begaben sie sich zu ihrem Schiff und segelten in den Sund, der zwischen der Insel und der Landzunge lag, die sich in nördlicher Richtung vom Land her erstreckte. Sie steuerten in westlicher Richtung an der Landzunge entlang. Dort gab es bei Ebbe eine Untiefe und darauf lief ihr Schiff auf. Es war vom Schiff aus weit bis zum Meer zu blicken. Sie waren aber so neugierig darauf, zu dem Land zu gelangen, dass sie keine Lust hatten, zu warten, bis die See wieder unter ihr Schiff käme. Sie liefen an Land, an einer Stelle, wo ein Fluss aus einem See austrat. Sobald die See unter ihr Schiff kam, nahmen sie das Boot, ruderten zum Schiff und brachten es hinauf in den Fluss, anschließend in den See. Dort ankerten sie, trugen ihre Schlafsäcke vom Schiff und errichteten dort Buden. Dann beschlossen sie, sich dort den Winter über einzurichten, und errichteten dort große Häuser. Weder im Fluss noch im See mangelte es an Lachs, und das waren größere Lachse, als sie sie je gesehen hatten. Die Beschaffenheit des Landes war, so wie es ihnen schien, so gut, dass das Vieh im Winter kein Futter brauchen würde; dort gab es im Winter keinen Frost und das Gras ging nur wenig zurück. Tag und Nacht waren ähnlich lang, anders als in Grönland oder Island. Die Sonne stand während der kurzen Wintertage von 9 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags am Himmel. Als sie ihren Hausbau abgeschlossen hatten, sprach Leifr zu seinen Fahrtgenossen: “Jetzt will ich unsere Mannschaft an zwei Orten aufteilen, und ich will das Land erkunden. Die Hälfte der Mannschaft soll zu Hause bei den Hütten bleiben, die andere Hälfte aber soll das Land erkunden und nicht weiter ziehen, als dass sie es am Abend nach Hause schaffen, und sie sollen sich nicht trennen.” So taten sie es nun eine Weile. Leifr tat beides, mal kam er mit ihnen und mal war er zu Hause bei den Hütten. Leifr war ein großer und starker Mann, äußerst stattlich anzusehen, klug und besonnen handelnd in jeder Hinsicht.

 

An einem Abend geschah es, dass ein Mann aus ihrer Mannschaft fehlte, und das war der Deutsche Tyrkir. Leifr war darüber sehr unfroh, denn Tyrkir war lange bei ihm und seinem Vater gewesen und hatte Leifr als Kind sehr geliebt. Leifr tadelte nun seine Fahrtgenossen sehr und machte sich zum Aufbruch bereit, um nach ihm zu suchen, und zwölf Mann mit ihm. Aber als sie nur unweit der Hütten waren, ging Tyrkir ihnen entgegen, und er wurde froh empfangen. Leifr merkte schnell, dass sein Ziehvater gut gelaunt war. Er hatte eine steile Stirn, flackernde Augen und ein unbedarftes Gesicht, war von kleinem Wuchs und unansehnlich, aber war ein Meister in allerhand Kunstfertigkeiten. Da sprach Leifr zu ihm: “Warum kommst du so spät, mein Ziehvater, und getrennt von der Mannschaft?” Da sprach er zuerst lange auf Deutsch, verdrehte die Augen auf vielfache Weise und grinste, aber sie verstanden nicht, was er sagte. Als eine Zeit verging, sprach er auf Nordisch: “Ich war nicht viel weiter gegangen als ihr. Ich kann eine Neuigkeit berichten; ich habe Weinstöcke und Weintrauben gefunden.” “Ist das wahr, mein Ziehvater?” fragte Leifr. “Gewiss ist das wahr”, sagte er, “denn ich bin da geboren, wo es weder an Weinstöcken noch an Weintrauben mangelte.” Nun schliefen sie die Nacht über, aber am Morgen sprach Leifr zu seiner Schiffsbesatzung: “Jetzt sollen zwei Tätigkeiten ausgeführt werden, und jede von beiden einen Tag dauern, Wein lesen oder Weinstöcke schlagen und den Wald fällen, so dass das Fracht für mein Schiff wird.” Und das wurde beschlossen. Es wird erzählt, dass ihr Beiboot voll Weintrauben war. Nun wurde Fracht für das Schiff geschlagen. Und als es Frühling wurde, machten sie sich bereit und segelten fort. Leifr gab dem Land nach seiner Beschaffenheit einen Namen und nannte es Vínland, Weinland. Nun segelten sie aufs Meer hinaus und hatten guten Fahrtwind, bis sie Grönland sahen und die Berge unter den Gletschern. Da ergriff ein Mann das Wort und sprach zu Leifr: “Warum steuerst du so sehr gegen den Wind?” Leifr antwortete: “Ich denke weniger ans Steuern, aber mehr an anderes. Seht ihr etwas Bemerkenswertes?” Sie äußerten, nichts zu sehen, das bemerkenswert wäre. “Ich weiß nicht”, sagte Leifr, “ob ich ein Schiff oder eine Schäre sehe.” Nun sahen sie es und sagten, es sei eine Schäre. Er sah so viel weiter als sie, dass er einen Mann auf der Schäre sah. “Jetzt will ich, dass wir gegen den Wind segeln”, sagte Leifr, “so dass wir sie erreichen, falls die Leute darauf angewiesen sind, uns zu treffen und es nötig ist, ihnen zu helfen. Aber falls sie keine friedlichen Leute sind, dann liegen alle Möglichkeiten auf unserer Seite, nicht aber auf ihrer.” Nun fuhren sie an die Schäre heran, strichen das Segel, ankerten und ließen das andere kleine Boot zu Wasser, das sie dabeigehabt hatten. Dann fragte Tyrkir, wer die Mannschaft dort anführe. Dieser sagte, er heiße Þórir und stamme aus Norwegen: “Aber wie heißt du?” Leifr nannte seinen Namen. “Bist du der Sohn von Eiríkr dem Roten aus Brattahlíð?” fragte er. Leifr sagte, so sei es. “Nun will ich”, sagte Leifr, “euch alle auf mein Schiff bitten, und so viel Wertsachen, wie das Schiff aufnehmen kann.” Sie nahmen dieses Angebot an und segelten dann mit dieser Fracht nach Brattahlíð. Sie trugen die Ladung vom Schiff. Dann bot Leifr Þórir, dessen Frau Guðríðr und drei weiteren Leuten Unterkunft bei sich an und verschaffte den anderen Seeleuten Quartier, sowohl denen von Þórir als auch seinen eigenen. Von da an wurde er Leifr der Glückliche genannt. Leifr erlangte nun sowohl Wohlstand als auch Wertschätzung. In diesem Winter befiel eine große Seuche Þórirs Mannschaft, und er und ein großer Teil seiner Mannschaft starben. In diesem Winter starb auch Eiríkr der Rote.

Nun wurde viel über Leifs Vínlandfahrt geredet, und seinem Bruder Þorvaldr schien es, dass Land sei nicht weit genug erkundet worden. Da sprach Leifr zu Þorvaldr: “Du sollst mit meinem Schiff nach Vínland fahren, Bruder, wenn du willst. Ich will aber, dass das Schiff zuerst das Holz holt, das Þórir auf der Schäre hatte.” Und so wurde es getan.

Übersetzt von Reinhard Hennig, www.wikinger.org.
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