Eyrbyggja saga

Die Eyrbyggja saga ist eine längere Isländersaga, die die Besiedlung einer Landschaft in Westisland während der Wikingerzeit beschreibt. Mit ihren zahlreichen Gruselgeschichten ist die Eyrbyggja saga ein sehr unterhaltsamer Text. Das zeigt auch der folgende Abschnitt, der die unheimlichen Vorkommnisse auf dem isländischen Bauernhof Fróðá schildert.

_______________________________________________

Auf dem Hof Fróðá gab es einen großen Wohnraum und einen Bettverschlag weiter drinnen im Wohnraum, wie es damals üblich war. Nach außen hin gab es zwei Vorratskammern, jede auf einer Seite. Die eine war mit Stockfisch gefüllt, die andere mit Mehl. Dort in der Stube wurden jeden Abend kleinere Feuer angezündet, wie es Brauch war. Die Leute saßen lange an den Feuern, ehe sie zum Essen gingen. An dem Abend, als die Leichenträger nach Hause kamen, als die Leute auf Fróðá gerade an den Feuern saßen, sahen die Leute an der Wandtäfelung des Hauses, dass ein Halbmond gekommen war; das konnten alle Leute sehen, die im Haus waren. Dieser bewegte sich rückwärts und gegen den Sonnenlauf durch das Haus. Er verschwand nicht, solange die Leute an den Feuern saßen. Þóroddr fragte Þórir viðleggr, was das bedeuten werde. Þórir sagte, das sei ein Urðar-Mond. “Es wird hiernach zu einem Massensterben kommen”, sagte er. Dieses Geschehen trug sich dort die ganze Woche zu, dass ein Urðar-Mond herein kam, einen Abend wie den anderen.

Als nächstes trug es sich zu, dass der Schafhirte ganz still und leise hereinkam. Er sprach wenig, und das, was er sagte, nur unwillig. Den Leuten schien es am ehesten so, als sei er besessen, denn er hielt sich abseits und redete mit sich selber, und so ging es eine Weile. Aber als vom Winter zwei Wochen vergangen waren, kam eines Abends der Schafhirte nach Hause, ging zu seinem Bett und legte sich darauf nieder; am Morgen aber war er tot, als die Leute zu ihm kamen, und er wurde dort bei der Kirche begraben. Wenig danach gab es großen Spuk. Eines Nachts geschah es, dass Þórir viðleggr hinausging, um seine Notdurft zu verrichten, und er ging von der Tür in eine andere Richtung. Aber als er hineingehen wollte, sah er, dass der Schafhirte vor die Tür gekommen war. Þórir wollte hineingehen, aber der Schafhirte wollte das keineswegs. Þórir wollte da zu entkommen suchen, aber der Schafhirte verfolgte ihn, bekamm ihn zu fassen und warf ihn zurück gegen die Tür. Ihm erging es dabei schlecht. Er schaffte es dennoch bis zu seinem Bett, aber er war großflächig kohlschwarz geworden. Davon wurde er krank und starb. Er wurde ebenfalls dort bei der Kirche begraben. Von da an wurden beide immer zusammen gesehen, der Schafhirte und Þórir viðleggr. Dadurch wurden die Leute völlig von Furcht erfüllt, wie es zu erwarten war. Nach Þórirs Tod wurde ein Hausknecht Þórodds krank und lag drei Tage, ehe er starb. Dann starb einer nach dem anderen, bis sechs tot waren. Da war die Fastenzeit vor Weihnachten gekommen, aber zu dieser Zeit wurde auf Island nicht gefastet. Der Stockfisch war so in der Vorratskammer gestapelt, dass sie so voll war, dass man die Tür nicht aufmachen konnte. Der Stapel reichte bis hinauf unterhalb des Querbalkens, und man musste eine Leiter nehmen, um den Stapel von oben anzubrechen. An den Abenden geschah es, wenn die Leute an den Feuern saßen, dass man aus der Kammer hörte, dass am Stapel gerissen wurde, aber als nachgesehen wurde, fand man dort nichts Lebendiges.

Im Winter kurz vor Weihnachten geschah es, dass der Bauer Þóroddr nach Ness hinausfuhr, um seinen Stockfisch zu holen. Sie waren insgesamt zu sechst auf einem Zehnruderer und waren die Nacht über dort draußen. Auf Fróðá geschah es am selben Abend, an dem Þóroddr von zu Hause losgefahren war, dass Feuer angezündet wurden, und als die Leute hinzukamen, sahen sie, dass ein Seehundkopf aus der Feuergrupe herausgekommen war. Eine Magd kam als erste hinzu und sah das Geschehene. Sie nahm einen Knüttel, der in der Tür lag, und schlug den Seehund auf den Kopf. Er kam bei dem Hieb nach oben und schielte nach Þórgunnas Bettvorhang. Da trat ein Knecht hinzu und schlug den Seehund. Er kam bei jedem Hieb nach oben, bis er über die Vorderflossen heraus war; da fiel der Knecht in Ohnmacht. Da wurden alle von Furcht ergriffen, die dabei waren. Daraufhin lief der Junge Kjartan hinzu, nahm einen großen Schmiedehammer und schlug dem Seehund auf den Kopf. Das war ein gewaltiger Schlag. Er aber schüttelte den Kopf und schaute sich um; daraufhin ließ Kjartan einen Hieb dem anderen folgen, der Seehund aber ging dabei nach unten, als ob er zurückwiche. Er schlug so lange zu, bis der Seehund so weit hinunterging, dass er den Fußboden über seinem Kopf zusammenschlug. So ging es immer den Winter über, dass alle Erscheinungen Kjartan am meisten fürchteten.

Am Morgen, als Þóroddr und die anderen mit dem Stockfisch von Nes aus losfuhren, kamen sie alle vor Enni um. Das Schiff und der Stockfisch trieben nach Enni, die Leichen aber wurden nicht gefunden. Als diese Ereignisse auf Fróðá bekannt wurden, luden Kjartan und Þuríðr ihre Nachbarn dorthin zur Totenfeier ein. Da wurde ihr Weihnachtsbier genommen und zum Grabbier umgewandelt. Aber am ersten Abend, als die Leute auf der Totenfeier waren und sich auf ihre Plätze gesetzt hatten, ging der Bauer Þóroddr mit seinen Fahrtgenossen, alle ganz durchnässt, in die Halle. Die Leute empfingen Þóroddr gut, denn das hielt man für eine gute Erscheinung, denn damals hielten es die Leute für wahr, dass Menschen gut bei Rán aufgenommen worden wären, wenn auf dem Meer Ertrunkene ihr eigenes Erbmahl aufsuchten. Damals war der Aberglaube noch wenig abgeschafft, auch wenn die Leute getauft waren und christlich genannt wurden.

Þóroddr und seine Männer gingen durch den ganzen Raum mit den Bänken, und der hatte zwei Türen. Sie gingen zur Wohnstube und erwiderten niemandes Gruß. Sie setzten sich ans Feuer, die Hausleute aber verließen die Wohnstube. Þóroddr und die anderen saßen dort, bis das Feuer niedergebrannt war; dann verschwanden sie. So ging es jeden Abend, so lange die Totenfeier dauerte, dass sie zu den Feuern kamen. Hierüber wurde während der Feier viel geredet. Einige vermuteten, dass dies aufhören werde, sobald die Totenfeier beendet wäre. Die Eingeladenen begaben sich nach dem Gastmahl nach Hause, dort im Haushalt war es danach aber ziemlich einsam. An dem Abend, als die Eingeladenen abgereist waren, wurden der Gewohnheit entsprechend kleine Feuer angezündet. Aber als die Feuer brannten, kam Þóroddr mit seiner Schar herein, und sie waren alle nass. Sie setzten sich am Feuer nieder und begannen, ihre Kleidung auszuwringen. Aber als sie sich hingesetzt hatten, kam Þórir viðleggr herein und seine sechs Begleiter. Sie waren alle mit Erde bedeckt. Sie schüttelten ihre Kleidung und schleuderten die Erde auf Þóroddr und seine Männer. Die Hausleute verzogen sich aus der Wohnstube, wie zu erwarten war, und hatten an diesem Abend weder Licht noch heiße Steine und nichts, durch das sie irgendeinen Nutzen von dem Feuer gehabt hätten. Am darauffolgenden Abend wurde ein Feuer in einem anderen Haus angezündet. Man meinte, dass sie weniger dorthin kommen würden. Aber das verlief nicht so, denn alles trug sich auf dieselbe Weise zu wie am Abend zuvor; beide Seiten kamen zu den Feuern. Am dritten Abend gab Kjartan den Rat, dass ein großes Langfeuer in der Wohnstube gemacht werden solle, ein kleines Feuer aber solle in dem anderen Haus gemacht werden. So wurde es auch getan, und daraufhin endete es auf die Weise, dass Þóroddr und seine Leute am Langfeuer saßen, die Hausleute aber bei dem kleinen Feuer, und so ging es über Weihnachten.

Dann war es so gekommen, dass mehr und mehr Geräusche aus dem Stockfischstapel kamen. Da war es bei Nacht und bei Tag zu hören, dass an dem Stockfisch gerissen wurde. Dann kam der Zeitpunkt, ab dem man den Stockfisch benötigte. Da wurde an dem Stapel gegangen und der Mann, der hinauf auf den Stapel kam, sah da dass, dass oben heraus aus dem Stapel der Wirbelteil eines Schwanzes ragte, so gewachsen wie ein versengter Rinderschwanz; er war kurzhaarig und so hoch wie ein Seehund. Der Mann, der auf den Stapel stieg, packte den Schwanz und zog und forderte andere Leute auf, ihm zu helfen; da kamen Leute hinauf auf den Stapel, sowohl Männer als auch Frauen, und zogen an dem Schwanz, aber sie richteten nichts aus. Die Leute fassten es nicht anders auf, als dass der Schwanz tot sei, aber als sie am kräftigsten zogen, entglitt der Schwanz ihren Händen, so dass die Haut von den Handflächen derer abging, die am stärksten zugepackt hatten. Aber ab da wurde der Schwanz nicht mehr gesehen. Dann wurde der Stockfisch herausgetragen, aber da war jeder Fisch aus der Haut gerissen, so dass es darin keinen Fisch gab, als man weiter nach unten in dem Stapel suchte; aber es wurde nichts Lebendiges in dem Stapel gefunden. Als nächstes nach diesen Ereignissen wurde Þorgríma galdrakinn, die Frau von Þórir viðleggr, krank. Sie lag kurze Zeit, ehe sie starb, und am selben Abend, an dem sie beerdigt wurde, wurde sie in Begleitung ihres Mannes Þórir gesehen. Da brach die Seuche erneut aus, als der Schwanz gesehen worden war, und nun starben mehr Frauen als Männer. Es starben erneut sechs Leute nacheinander, einige Leute aber flohen wegen des Spuks und der Wiedergängerei. Im Herbst waren dort dreißig Ehepaare gewesen, achtzehn aber starben und fünf zogen fort, sieben aber waren im vorletzten Wintermonat noch da.

Übersetzt von Reinhard Hennig, www.wikinger.org.
Diese Seite teilen über: facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail