Egils saga Skalla-Grímssonar – Die Saga von Egil Skalla-Grimsson

Der Inhalt der Egils saga Skalla-Grímssonar

Die Saga von Egil Skalla-Grimsson (Egils saga Skalla-Grímssonar) zählt zu den bekanntesten so genannten Isländersagas. Der Beginn der Erzählung ist im Norwegen des 9. Jahrhunderts nach Christus angesiedelt und liefert die für Sagas typische genealogische Einordnung der Personen:

“Ulf hieß ein Mann, ein Sohn des Bjalfi und der Hallbera, einer Tochter Ulfs des Mutigen. Sie war die Schwester von Hallbjörn Halbtroll aus Hrafnista, dem Vater des Ketill Hoeng. Ulf war ein so großer und starker Mann, dass niemand ihm gleich kam. Und als er noch jung an Jahren war, ging er auf Wikingerfahrt und plünderte.”

Ulf wird auch Kveld-Ulf, was wörtlich übersetzt “Abend-Wolf” bedeutet, genannt (altnordisch Úlfr = Wolf), weil man annimmt, er könne abends seine Gestalt wechseln und habe übermenschliche Kräfte. Seine Söhne sind der hässliche und sehr starke Skalla-Grim (“Glatzen-Grim”, weil ihm schon früh die Haare ausgingen) und der schöne und beliebte Thorolf. Zu ihrer Zeit macht sich König Harald, der später den Beinamen “Schönhaar” erhielt, daran, sich ganz Norwegen zu unterwerfen. Die Mächtigen des Landes schließen sich ihm entweder an oder fliehen, und somit sind auch Kveld-Ulf und seine Söhne vor diese Wahl gestellt. Gegen den Rat seines Vaters wird Thorolf Gefolgsmann des Königs. Dies bringt ihm zunächst auch hohe Ehren und reiche Belohnung ein. Doch Thorolf wird beim König verleumdet, was letzten Endes dazu führt, dass dieser ihn in seinem Haus überfällt und ihn tötet. Die Nachricht vom Tod seines Sohnes versetzt Kveld-Ulf in tiefe Trauer, doch gemeinsam mit Skalla-Grim gelingt es ihm, Thorolfs Tod zumindest an einigen Gefolgsleuten des Königs zu rächen.

Da sie nun in Norwegen nicht mehr sicher sind, beschließen Kveld-Ulf und Skalla-Grim in das zu dieser Zeit neu entdeckte Island überzusiedeln. Sie machen sich mit zwei Schiffen auf den Weg. Kveld-Ulf stirbt während der Überfahrt, aber sein Sarg wird im Borgarfjord (Borgarfjörður) im Südwesten Islands angespült. In der Nähe dieser Stelle errichtet Skalla-Grim seinen Hof “auf Borg” und nimmt das ganze umliegende Land in Besitz. Er ist ein guter Wirtschafter, der sich insbesondere auf das Schmiedehandwerk versteht. Das noch beinahe unberührte Island bietet reiche Möglichkeiten, die Vorräte durch Fischfang und Jagd aufzustocken und Skalla-Grim wird schnell der reichste und einflussreichste Bauer der Gegend.

Skalla-Grim und seine Frau Bera bekommen zwei Söhne. Der ältere wird nach seinem Onkel Thorolf benannt und gleicht diesem auch charakterlich und vom Aussehen her. Der jüngere hingegen ist hässlich wie sein Vater. Er erhält den Namen Egil. Schon früh zeigt sich, dass er deutlich größer und stärker als gleichaltrige Jungen, aber auch sprachbegabt ist. Mit drei Jahren dichtet Egil auf einem Trinkgelage erste Strophen. Wenige Jahre später erschlägt Egil mit einer Axt einen Jungen, auf den er wütend ist, weil dieser sich beim Ballspiel als stärker erwiesen hat. Mit zwölf Jahren folgt Egils nächster Totschlag, diesmal an einem Knecht seines Vaters. Wenig später zwingt Egil seinen älteren Bruder Thorolf, ihn gegen dessen Willen mit auf eine Fahrt nach Norwegen zu nehmen. Thorolf war bereits zuvor einmal nach Norwegen gesegelt und hatte sich König Eirik Blutaxt, der seinem Vater Harald Schönhaar auf den Thron gefolgt war, angeschlossen.

Das Verhältnis der Brüder zum König verschlechtert sich jedoch, als Egil – aus Wut über unzulängliche Gastfreundschaft – bei einem Gelage in Anwesenheit König Eiriks und dessen Frau Gunnhild den Gastgeber ersticht. Egil gelingt die Flucht und er wird später mit dem König versöhnt. Einstweilen betätigen er und Thorolf sich als Wikinger im Baltikum und auf der Rückfahrt im Öresund, wo sie reiche Beute machen. Als es erneut zum Zusammenstoß mit einem Günstling der Königin Gunnhild kommt, beschließen Thorolf und Egil, nach England zu fahren und als Söldner in die Dienste des dortigen Königs Adalstein zu treten. Dessen Reich wird gerade von Schotten und Walisern angegriffen. In der entscheidenden Schlacht gelingt es den Nordleuten, die als Heerführer eingesetzt werden, die Angreifer vernichtend zu schlagen – doch Thorolf fällt. Egil erhält vom König reiche Belohnung und Entschädigung für den Tod seines Bruders. Anschließend kehrt er nach Norwegen zurück, heiratet Asgerd, die Witwe seines Bruders, und fährt für kurze Zeit nach Island. Während seines kurz darauf folgenden nächsten Norwegenaufenthalts kommt es zum Streit mit König Eirik und Gunnhild, woraufhin Egil aus dem Land fliehen muss. Auf seiner Flucht tötet Egil mehrere Männer des Königs und auch dessen noch jungen Sohn Rögnvald. Wenig später wird Eirik durch seinen Bruder Hakon aus Norwegen vertrieben und übernimmt die Herrschaft über York in Northumbria.

In Island stirbt unterdessen Skalla-Grim und wird von Egil bestattet. Doch auch dieser Aufenthalt Egils zu Hause dauert nur kurz. Egil will sich erneut zu König Adalstein begeben, erleidet jedoch vor der Küste von Northumbria Schiffbruch. Mit der Nachricht konfrontiert, dass er sich im Herrschaftsgebiet König Eiriks befindet, beschließt Egil, sich direkt nach York zu begeben und Arinbjörn, einen guten Freund, der zugleich Ratgeber des Königs ist, um Hilfe zu bitten. Mit Arinbjörns Unterstützung gelingt es Egil, sich durch ein in nur einer Nacht gedichtetes Preislied auf König Eirik vor der Hinrichtung zu retten. Es wird ihm gestattet, zu König Adalstein zu ziehen. Von England aus begibt er sich erneut nach Norwegen, um Rechtsstreitigkeiten über Ländereien, auf die er Anspruch zu haben meint, zu regeln. Zwischendurch besiegt er einen Berserker im Zweikampf, der Verwandte Arinbjörns belästigt hatte. Es folgt eine weitere Rückkehr nach Island und später Egils letzte Norwegenreise, auf der er seinen Freund Arinbjörn wiedertrifft, der nach König Eiriks Tod auf seine Besitzungen zurückgekehrt war. Egil und Arinbjörn unternehmen einen gemeinsamen Wikingerzug. Wenig später, im Winter, übernimmt Egil, um einem Verwandten zu helfen, für König Hakon eine gefährliche Auftragsreise in die (heute schwedische) Landschaft Värmland, von wo er Abgaben holen soll. Der dort herrschende Jarl versucht, Egil und seine Begleiter töten zu lassen, was jedoch aufgrund deren Tapferkeit misslingt. Anschließend kehrt Egil endgültig nach Island zurück und verbringt dort den Rest seines Lebens.

Mehrere von Egils Söhnen sterben, so auch sein Lieblingssohn Bödvar, über den er ein bekanntes Gedicht, “Sonatorrek”, dichtet. Nach dem Tod seiner Frau Asgerd zieht Egil als alter Mann zu seiner Stieftochter Thordis und deren Mann. Egils Sohn Thorstein, der den Hof auf Borg übernimmt, wird in Streitigkeiten mit einem böswilligen Nachbarn verwickelt, der seine Rinder auf Thorsteins Weide grasen lässt. Bei einer späteren Gerichtsverhandlung hat Egil noch einmal einen großen Auftritt und verhilft seinem Sohn zu dessen Recht. Im hohen Alter wird Egil blind und beinahe taub. Da er es niemandem gönnt, versteckt er das Silber, das König Adalstein ihm nach Thorolfs Tod gegeben hatte, und es gibt viele Vermutungen darüber, wo es verborgen ist.

Wenige Jahre nach Egils Tod wird in Island das Christentum eingeführt. Seine Stieftochter lässt seinen Körper auf den Friedhof bei einer neu errichteten Kirche umbetten. Als die Kirche später verlegt wird, entdeckt man Egils Gebeine und stellt fest, dass er einen außerordentlich massiven und seltsam geformten Schädel hatte, der selbst starken Axthieben standhalten konnte. Die Saga schließt mit der Bemerkung, dass von Egils und seinem Sohn Thorstein viele bekannte Menschen abstammen.

Hintergrund

Obwohl Egil eigentlich erst ab dem zweiten Drittel der Saga die wichtigste Rolle spielt, ist diese schon in den Handschriften nach ihm benannt. Auch ist die “Vorgeschichte” im ersten Drittel des Textes deutlich durch Motive und Handlung mit dem weiteren Geschehen verknüpft. Egil Skalla-Grimsson war mit Sicherheit eine historische Person und viele der Ereignisse, die die Saga erwähnt, haben tatsächlich so oder ähnlich stattgefunden. Auch erweckt der typische Stil der Isländersagas, bei dem der Erzähler scheinbar vollkommen zurücktritt, sich jeden Kommentares enthält und keinen Einblick in das Innenleben der geschilderten Personen bietet, den Eindruck von Objektivität. Dennoch kann die Egils saga keinesfalls als geschichtlich zuverlässiger Tatsachenbericht betrachtet werden – eher als eine Art “historischer Roman”, der zwar Fakten aufgreift, diese aber nach eigenem Ermessen ausgestaltet und verändert. Die Saga ist deutlich ein Produkt des frühen 13. Jahrhunderts – vermutlich ist sie zwischen 1220 und 1235 verfasst worden. Natürlich ist es dennoch gut möglich, dass mündliche Überlieferung eine gewisse Rolle gespielt hat, doch lässt sich diese naturgemäß niemals sicher nachweisen.

Wie alle Isländersagas ist auch die Egils saga anonym überliefert. Es gibt aber in ihrem Fall durchaus Anhaltspunkte dafür, wer der Verfasser sein könnte. Es ist gut möglich, dass es sich dabei um Snorri Sturluson handelt, den wohl wichtigsten isländischen Gelehrten und Mächtigen der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Er ist der Verfasser der Snorra-Edda (“Prosa-Edda”) und der Heimskringla, einer Geschichte der norwegischen Könige. Sein Interesse für die Skaldendichtung der Wikingerzeit ist bekannt und Egil war schließlich einer der wichtigsten Skalden. Zudem war Snorri mütterlicherseits mit Egil verwandt und wohnte eine Zeit lang auf dessen ehemaligem Hof Borg, den er 1202 von seinem Schwiegervater geerbt hatte. Snorri kannte sich also gut in der Gegend aus und auch in Norwegen, wohin er mehrere Reisen unternahm – das könnte die guten Landeskenntnisse der Egils saga erklären. Es ist aber auch vermutet worden, Snorris Hausgenosse Egill Halldórsson sei in Wirklichkeit der Urheber der Saga.

Statue von Snorri Sturluson in Bergen, Norwegen.

Snorri Sturluson, dem diese Statue in Bergen (Norwegen) gewidmet wurde, gilt als Verfasser der Egils saga.

 

Wie erwähnt, spielt die Skaldik, die wikingerzeitliche und mittelalterliche nordische Dichtkunst, für die Egils saga eine wichtige Rolle. Immer wieder sind Skaldenstrophen in den Text eingeflochten. So sind allein von Egil 52 Einzelstrophen enthalten. Auch werden Egil drei große Gedichte zugeschrieben: Höfuðlausn (“Haupteslösung”), wodurch er sich aus der Gewalt König Eirik Blutaxts befreit haben soll; Sonatorrek (“Verlust der Söhne”) auf seine als junge Männer umgekommenen Söhne; und Arinbjarnarkviða (“Gedicht auf Arinbjörn”), ein Preislied auf seinen Freund Arinbjörn. Zwar wird häufig die Echtheit einzelner Strophen und auch der größeren Gedichte bezweifelt, doch ist diese in der Regel schwierig zu beurteilen. Natürlich wird niemand davon ausgehen, dass der dreijährige Egil tatsächlich formvollendete Skaldenstrophen unter Einhaltung von Versmaß, Reimschema und mit diversen poetischen Umschreibungen, so genannten Kenningar, dichten konnte. Doch bei anderen Strophen ist es durchaus möglich, dass diese noch aus der Wikingerzeit stammen und durch mündliche Überlieferung tradiert wurden. Letzten Endes spielt die Frage nach der “Echtheit” aber für die Wirkung des Textes “Egils saga” an sich keine allzu große Rolle: Wie bereits betont, handelt es sich um ein literarisches Werk des 13. Jahrhunderts, das auch vor diesem Hintergrund betrachtet weren sollte.

Die Egils saga ist in verschiedenen Handschriften bewahrt, von denen einige der wichtigsten noch aus dem Mittelalter stammen: So etwa die Möðruvallabók (Buch von Möðruvellir) aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und eine Handschrift von der Mitte des 14. Jahrhunderts, die heute in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel aufbewahrt wird. Auch existiert ein Fragment des Textes aus der Zeit um 1250, das zugleich den ältesten handschriftlichen Beleg für eine Isländersaga überhaupt darstellt. Wie üblich bei handschriftlicher Überlieferung, weichen die einzelnen Handschriften in Teilen voneinander ab, insbesondere, was die in ihnen enthaltenen Gedichte Egils betrifft.

Übersetzung

Die “Saga von Egil Skalla-Grimsson” ist in einer vollständigen Neuübersetzung von Reinhard Hennig in dem Band “Sagas aus Island: Von Wikingern, Berserkern und Trollen” aus dem Reclam-Verlag (2011) enthalten. Außerdem sind darin die “Saga von Grettir”, die “Saga von Bard, dem Schutzgeist von Snæfell” und die “Saga vom einhändigen Egil und Asmund dem Berserkertöter” zu finden.

 

Hilfreiches: Verwandtschaftsverhältnisse in der Egils saga

Lesern, die noch nicht mit dem Stil der isländischen Sagas vertraut sind, fällt es anfangs manchmal schwer, den Überblick über die zahlreichen genannten Personen und die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen diesen zu behalten. Abhilfe für die Egils saga sollen die folgenden Darstellungen der wichtigsten Beziehungen in dieser schaffen:

Die Vorfahren von Egill Skallagrímsson

Egils Vorfahren

Die Familie von Egill Skalla-Grímsson

Egils Familie

Asgerds und Arinbjörns Verwandtschaft in der Egils saga.

Asgerds und Arinbjörns Verwandtschaft in der Egils saga.

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