Auðunar þáttr vestfirzka – Die Geschichte von Audun aus den Westfjorden

Die Geschichte davon, wie Audun aus den Westfjorden König Sven einen Eisbär schenkte, ist in zwei Handschriften erhalten: Morkinskinna und Flateyjarbók. Sie spielt im 11. Jahrhundert. Sven war dänischer König 1047-74, Harald norwegischer König 1047-1066. Er fiel in der Schlacht von Stamford Bridge, als er versuchte, England zu erobern.

______________________________________________

Ein Mann hieß Audun. Er stammte von den Westfjorden und war ziemlich arm. Er fuhr mit Unterstützung Thorsteins, eines guten Bauern, und Thorirs des Steuermanns, der bei Thorstein über den Winter gewohnt hatte, von den Westfjorden aus nach Norwegen. Audun war auch bei Thorstein und arbeitete für Thorir. Er erhielt als Lohn von ihm die Auslandsreise und seine Fürsorge. Audun gab das meiste Geld, das er hatte, seiner Mutter, und das sollte für drei Winter reichen. Und dann fuhren sie von dort aus hierher und die Fahrt ging gut. Audun war den Winter über bei Thorir dem Steuermann; der hatte einen Hof auf Möre. Und den Sommer darauf fuhren sie nach Grönland und waren dort über den Winter. Es ist zu berichten, daß Audun sich dort einen Eisbären, eine große Kostbarkeit, kaufte und dafür sein gesamtes Eigentum hergab.

Dann im Sommer darauf fuhren sie zurück nach Norwegen und hatten eine gute Überfahrt. Audun hatte sein Tier mit sich und wollte nun nach Süden fahren, um König Sven zu treffen und ihm das Tier zu schenken. Und als er im Land weiter nach Süden kam, dahin, wo der König war, da ging er vom Schiff herunter und führte das Tier hinter sich her und mietete sich eine Unterkunft.

König Harald erfuhr schnell, daß da ein Eisbär gekommen war, eine große Kostbarkeit, und daß die einem Isländer gehörte. Der König schickte sofort Leute, um ihn zu holen. Und als Audun vor den König kam, grüßte er den König höflich. Der König erwiederte seinen Gruß und fragte dann: “Hast du eine große Kostbarkeit in Form eines Eisbären?” Er antwortete und sagte, daß ihm so ein Tier gehöre. Der König sagte: “Willst du Uns das Tier verkaufen, für den Preis, für den du es gekauft hast?” Er antwortete: “Das will ich nicht, Herr.” – “Willst du dann”, sagte der König, “daß ich dir den doppelten Preis dafür zahle, denn das wird gerechter sein, wenn du dafür dein ganzes Eigentum hergegeben hast?” – “Das will ich nicht, Herr”, sagte er. Der König sprach: “Willst du es mir dann schenken?” Er antwortete: “Nein, Herr.” Der König sagte: “Was willst du dann damit machen?” Er antwortete: “Nach Süden fahren und es König Sven schenken.” König Harald sagte: “Bist du so ein unwissender Mann, daß du nichts von dem Krieg gehört hast, der zwischen diesen Ländern herrscht, oder meinst du, du hast so großes Glück, daß du dorthin mit deiner Kostbarkeit kommst, wo andere nicht ohne Schaden hingelangt sind, obwohl sie dringende Anliegen hatten?” Audun antwortete: “Herr, daß liegt in eurer Gewalt, aber Wir überlassen Das Tier nicht jemand anderem, als dem, für den Wir es bestimmt hatten. Da sprach der König: “Warum nicht. Fahr du weiter, wie du magst, aber komm zu mir, wenn du zurückfährst und sag mir, wie König Sven dich für das Tier belohnt hat. Und es kann sein, daß du ein Mann mit Glück bist.” – “Das verspreche ich Euch”, sagte Audun.

 

Er fuhr jetzt nach Süden am Land entlang und nach Osten in die Vik und von dort aus nach Dänemark. Dann hatte er jeden Pfennig seines Geldes verbraucht und mußte um Essen sowohl für sich als auch für das Tier betteln. Er traf einen Verwalter König Svens, der Aki hieß, und bat ihn um Verpflegung für sich und das Tier. “Ich will”, sagte er, “König Sven das Tier geben.” Aki meinte, er werde ihm Verpflegung verkaufen, wenn er wolle. Audun sagte, er habe nichts, das er dafür geben könne. “Aber ich will trotzdem,” sagte er, “daß daraus etwas wird, daß ich dem König das Tier bringe.” – “Ich werde dir Verpflegung geben, die reicht bis du zum König kommst, aber dafür möchte ich das halbe Tier haben. Und du wirst einsehen, daß dir das Tier sterben würde, weil es so viel Verpflegung braucht, aber du kein Geld mehr hast, und dann hättest du gar nichts mehr von dem Tier.” Und als er das so betrachtete, schien ihm etwas an dem dran zu sein, was der Verwalter ihm gesagt hatte, und sie einigten sich daraufhin so, daß er Aki das halbe Tier verkaufte, und der König sollte schließlich alles zusammen abschätzen. Sie sollten dann beide zum König gehen, und das taten sie. Sie gingen zum König und kamen zu ihm, als er gerade zu Tisch saß.

Der König fragte sich, wer dieser Mann sein konnte, den er nicht kannte, und sagte schließlich zu Audun: “Wer bist du?” Er antwortete: “Ich bin Isländer, Herr, und bin von Grönland her und jetzt von Norwegen gekommen. Und ich hatte vor, Euch diesen Eisbären zu bringen. Ich kaufte ihn mit meinem gesamten Eigentum. Aber jetzt ist mir ein großes Unglück passiert – ich habe jetzt nur noch das halbe Tier.” Und dann erzählte er dem König, wie es ihm mit Aki, seinem Verwalter, ergangen war. Der König fragte: “Ist das wahr, Aki, so wie er es sagt?” – “Das ist wahr”, sagte er. Der König sprach: “Und schien dir das angemessen zu sein, wo ich dich doch zu einem großen Mann gemacht habe, das zu verzögern oder zu verhindern, daß mir dieser Mann so eine Kostbarkeit bringt, für die er sein ganzes Eigentum gegeben hat? Und noch dazu, wo König Harald sich entschied, ihn in Frieden ziehen zu lassen – und der ist Unser Feind? Denk darüber nach, ob das von deiner Seite her richtig war! Und es wäre angemessen, daß du erschlagen würdest, aber ich werde das trotzdem nicht machen. Aber du sollst sofort das Land verlassen und mir niemals wieder zu Gesicht kommen. Aber dir, Audun, danke ich dafür, daß du mir das ganze Tier gibst. Bleib hier bei mir.” Das nahm er an und blieb eine Zeit lang bei König Sven.

Und nachdem einige Zeit vergangen war, sagte Audun zum König: “Mich zieht es jetzt fort, Herr.” Der König antwortete ziemlich langsam: “Was willst du denn, wenn du nicht bei Uns sein willst?” Er sagte: “Ich will nach Süden gehen.” – “Wenn du nicht so etwas Gutes vorhättest, würde es mir mißfallen, daß es dich von hier wegzieht.” Und dann gab der König ihm viel Silber und er zog nach Süden mit Romfahrern. Der König sorgte für seine Reise und bat ihn, zu ihm zu kommen, wenn er zurückkomme.

 

Dann ging er seinen Weg, bis er in den Süden, nach Rom, kam. Und als er da so lange geblieben war, wie er wollte, ging er zurück. Da bekam er eine schlimme Krankheit und wurde sehr dünn. Das ganze Geld, das der König ihm für die Reise gegeben hatte, ging ihm aus. Dann zog er auf Bettlerpfaden und bettelte um Essen. Er war zu dem Zeitpunkt glatzköpfig und sah ziemlich elend aus.

An Ostern kam er zurück nach Dänemark – dorthin, wo der König sich aufhielt. Aber er wagte es nicht, sich sehen zu lassen. Er hielt sich in einem Seitenraum der Kirche auf und wollte dort auf den König treffen, wenn dieser am Abend in die Kirche ginge. Aber als er den König und dessen prächtig ausgestattete Gefolgschaft sah, wagte er nicht, sich sehen zu lassen. Und als der König zum Trinken in die Halle ging, da aß Audun draßen, wie es für Romfahrer gebräuchlich war, solange sie noch nicht Stab und Bettlerbeutel abgelegt hatten. Und am Abend, als der König zur Abendmesse ging, wollte Audun ihn treffen. Aber so schwer ihm das zuvor erschienen war, umso schwerer war es nun, wo die Gefolgsleute betrunken waren. Und als sie wieder nach drinnen gingen, da sah der König einen Mann und meinte zu merken, daß dieser sich nicht traute, vorzutreten um ihn zu treffen. Und als das Gefolge nach innen ging, da ging der König wieder nach draußen und sagte: “Der, der mich treffen will, soll jetzt vortreten. Ich glaube, daß es hier so einen Mann gibt.” Da trat Audun vor und fiel dem König zu Füßen, und der König erkannte ihn beinahe nicht. Aber als der König wußte, wer er war, nahm er ihn an der Hand und hieß ihn willkommen – “aber du hast dich sehr verändert, seit wir uns letztes Mal gesehen haben,” sagte er. Er führte ihn mit sich hinein. Doch als die Gefolgsleute ihn sahen, lachten sie ihn aus. Aber der König sagte: “Ihr braucht ihn nicht auszulachen, denn er hat wesentlich besser für seine Seele gesorgt als ihr.” Danach ließ der König ihm ein Bad bereiten und ihm Kleidung geben, und Audun blieb dann bei ihm.

 

Es heißt, daß der König einmal im Frühling Audun bat, längere Zeit bei ihm zu bleiben. Er sagte, er würde ihn zu seinem Mundschenk machen und ihm eine angesehene Stellung verschaffen. Audun sagte: “Gott danke Euch, Herr, für all die Ehre, die ihr mir bereiten wollt! Aber ich habe vor, nach Island zu fahren.” Der König sagte: “Das scheint mir eine seltsame Entscheidung zu sein.” Audun sagte: “Ich kann nicht mit dem Wissen hier sein, daß ich große Ehre bei Euch habe, aber meine Mutter auf Island betteln muß; denn jetzt ist das ganze Geld aufgebraucht, das ich für sie zurücklegte, als ich von Island wegfuhr.” Der König sagte: “Das ist wohl gesprochen und wie es sich gehört, und du wirst ein Mann sein, der Glück hat. Das war das Einzige, weshalb es mir nicht mißfallen würde, daß du von hier wegführest. Aber sei jetzt bei mir, bis die Schiffe sich zur Ausfahrt rüsten.” Das tat er.

Als die Zeit verging, ging der König an einem Tag zu den Schiffsbrücken. Die Leute waren damit beschäftigt, Schiffe zur Fahrt in verschiedene Länder auszurüsten; in den Osten oder nach Deutschland, nach Schweden oder Norwegen. Da kamen er und Audun zu einem schönen Schiff, und Leute waren dabei, es zu beladen. Da fragte der König: “Audun, wie gefällt dir dieses Schiff?” Er antwortete: “Gut, Herr!” Der König sagte: “Dieses Schiff will ich dir geben und dir damit den Eisbären lohnen.” Er dankte ihm für das Geschenk, so wie er es vermochte. Und als die Zeit kam und das Schiff ausgerüstet war, da sagte König Sven zu Audun: “Wenn du jetzt wegfahren willst, werde ich dich nicht aufhalten. Aber ich habe erfahren, daß es schwierig ist, auf dem Meer vor eurem Land zu fahren, und es gibt weithin offene Küsten und es ist gefährlich für Schiffe. Angenommen, du erleidest Schiffbruch und verlierst Schiff und Vermögen. Da gibt es wenig, woran ersichtlich ist, daß du König Sven etwas Kostbares geschenkt hast.” Dann gab der König ihm einen Lederbeutel voll mit Silber – “und damit bist du nicht ganz ohne Vermögen, auch wenn du Schiffbruch erleidest, wenn du dieses Geld festhalten kannst. Aber es kann passieren, daß du auch dieses Geld verlierst; dann hast du wenig davon, daß du König Sven getroffen und ihm etwas Kostbares geschenkt hast.” Dann zog der König einen Ring von seiner Hand, gab ihn Audun und sagte: “Selbst wenn es so schlimm kommt, daß du Schiffbruch erleidest und das Geld verlierst, bist du nicht ohne Vermögen, wenn du an Land kommst, denn viele Leute haben noch Ringe an den Händen nach Schiffbrüchen. Und dann sieht man, daß du König Sven getroffen hast, wenn du den Ring behältst. Aber das will ich dir raten, daß du den Ring nicht verschenkst, außer du meinst, einem würdigen Mann viel Gutes zu vergelten zu haben, denn hochstehenden Männern geziemt es, ihn anzunehmen. Und lebewohl jetzt!”

 

Dann stach er in See, kam nach Norwegen und ließ seine Ladung an Land bringen; und das dauerte diesmal länger, als das vorige Mal, als er in Norwegen war. Dann ging er, um König Harald zu treffen und wollte das einhalten, was er ihm versprochen hatte, bevor er nach Dänemark fuhr. Er grüßte den König höflich und der König erwiederte seinen Gruß. Er sagte: “Setz dich nieder und trink hier mit Uns.” Und das tat er.

Da fragte König Harald: “Wie hat dich König Sven für den Eisbären belohnt?” Audun antwortete: “Damit, Herr, daß er ihn von mir annahm.” Der König sagte: “So hätte ich dich auch belohnt. Wie noch belohnte er dich?” Audun antwortet: “Er gab mir Silber für eine Romfahrt.” Darauf sagte König Harald: “Vielen Menschen gibt König Sven Silber für Romfahrten und andere Dinge, auch wenn sie ihm keine Kostbarkeiten bringen. Was sonst gab er?” Audun sagte: “Er bot mir an, mich zu seinem Mundschenk zu machen und mir eine angesehene Stellung zu verschaffen.” Der König sagte: “Das war wohl gesprochen, und er wird dich noch mehr belohnt haben.” Audun sagte: “Er gab mir einen Knörr mit der besten Last, die man nach Norwegen bringen kann.” “Das war nach der Art großer Männer”, sagte der König, “aber ich hätte dich auch so belohnt. Gab er dir noch mehr?” Audun sagte: “Er gab mir einen Lederbeutel voll Silber und sagte, dann sei ich nicht ohne Geld, wenn ich das behielte, obwohl ich Schiffbruch vor Island erlitte.” Der König sagte: “Das war eine hervorragende Tat, und ich hätte das nicht getan. Ich hätte mich als von allen Verpflichtungen befreit angesehen, wenn ich dir ein Schiff gegeben hätte. Belohnte er dich etwa noch mehr?” – “Gewiß belohnte er mich, Herr,” sagte Audun. “Er gab mir diesen Ring, den ich an der Hand habe, und sagte, es könne passieren, daß ich alles Eigentum verliere, aber ich wäre doch nicht ganz ohne Eigentum, wenn ich den Ring hätte. Und er bat mich, ihn nicht herzugeben, außer wenn ich einem würdigen Menschen so etwas Gutes zu belohnen hätte, daß ich ihn ihm schenken wolle. Und jetzt habe ich diesen Menschen getroffen, denn du hattest die Möglichkeit, mir alles abzunehmen, das Tier und mein Leben, aber ließest mich in Frieden dorthin fahren, wo andere nicht hingelangen konnten.”

Der König nahm das Geschenk freundlich an und gab Audun im Gegenzug gute Geschenke, bevor sie sich trennten. Audun verwendete das Geld für die Islandreise und fuhr gleich im Sommer nach Island. Er wurde für einen Mann mit sehr viel Glück gehalten. – Von diesem Audun stammte Thorstein Gydason ab.

 

Wie viel Wahrheit hinter der Geschichte von Audun steckt, läßt sich nicht beurteilen. Eisbären galten aber wohl tatsächlich als wertvolles, für Herrscher geeignetes Geschenk,, denn es heißt andernorts, daß ein isländischer Bischof Mitte des 11. Jahrhunderts dem deutschen Kaiser Heinrich III. ein solches Tier brachte.

Diese Seite teilen über: facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail