Weltbild

Darüber, wie man sich in vorgeschichtlicher Zeit Entstehung und Einteilung der Welt vorstellte, bieten leider nur die nordgermanischen Quellen einen relativ vollständigen Überblick; hierbei sind vor allem einige Eddalieder, die die Geschichte der Welt von ihren Anfängen bis zum Ende beschreiben, von besonderer Bedeutung.

Das bekannteste davon ist zweifellos Völuspá (“der Seherin Weissagung”), in dem eine Wahrsagerin Odin über das Werden, den Aufbau und den Untergang der Welt Auskunft erteilt. Zwar stammt die älteste erhaltene Handschrift dieses Liedes aus dem Codex Regius und somit dem 13. Jahrhundert, seine Entstehungszeit wird allerdings wesentlich früher geschätzt, etwa im 10. Jahrhundert. Es ist nicht vollständig klärbar, inwieweit christliche Elemente in das Lied mit einflossen, bei einigen, vermutlich erst später eingefügten Strophen gilt dies aber als ziemlich sicher. Der Inhalt richtet sich an Zuhörer, die mit den mythologischen Hintergründen vertraut sind, denn es werden nur einzelne Aspekte herausgegriffen, deren Bedeutung ansonsten nicht verständlich wäre.

Ein bedeutendes, zur sogenannten Wissensdichtung zählendes Werk, ist Grímnismál, das “Lied von Grimnir”. Die Rahmenhandlung besteht darin, daß Odin in verwandelter Gestalt und unter dem Namen Grimnir zum Hof seines einstigen Schützlings, König Geirröd, kommt. Doch dieser hält ihn für einen bösen Zauberer und läßt ihn, um ihn zum Sprechen zu bewegen, zwischen zwei Feuer setzen. Nun beginnt Odin in einem langen Monolog umfangreiches mythologisches Wissen zu vermitteln. Als er sich letztendlich zu erkennen gibt, will Geirröd ihn von den Feuern wegholen, stürzt allerdings in sein eigenes Schwert und stirbt.

Vafthrúdismál, das “Lied von Wafthrudnir”, zählt ebenfalls zur Wissensdichtung und hat eine ähnliche Rahmenhandlung wie Grímnismál, ist allerdings beinahe vollständig in Dialogform gehalten. Odin begibt sich unter dem falschen Namen Gagnrad zu dem weisen Riesen Wafthrudnir, um mit diesem im Rätselraten zu wetteifern. Er befragt ihn zunächst über die Riesen, Sonne und Mond, den Urriesen Ymir und zahlreiche andere Dinge; die Frage aber, was Odin seinem ermordeten Sohn Balder ins Ohr sagte, bevor dieser auf den Scheiterhaufen gelegt wurde, kann Wafthrudnir nicht beantworten und verliert somit den Wettstreit. Dieses Lied, das ausschließlich mythologische Kenntnisse vermittelt, entstand wahrscheinlich gegen Ende des 10. Jahrhunderts.

Das in der Snorra-Edda enthaltene Gylfaginning, “Gylfis Täuschung”, bietet einen systematischen Überblick über die nordische Mythologie. Der schwedische König Gylfi begibt sich in Verkleidung und unter dem Namen Gangleri nach Asgard, um die Götter kennenzulernen. Er trifft dort auf den “Hohen”, den “Gleichhohen” und den “Dritten”, die ihm seine Fragen beantworten. Für Gylfaginning nahm Snorri hauptsächlich die Völuspà als Vorlage, bezog sich aber auch auf einige andere Eddalieder. Zwar war Snorri selbst Christ, aber er behandelte den mythologischen Stoff wissenschaftlich und somit erstaunlich objektiv; außerdem standen ihm heute verlorene Quellen zur Verfügung.

Weitere Rückschlüsse auf das germanische Weltbild lassen sich aus einigen anderen Eddaliedern, zahlreichen Kenningar und vereinzelt auch aus Runeninschriften und Abbildungen ziehen. Auch Vergleiche mit alten Mythen anderer Völker, beispielsweise der Babylonier und Iraner, sind mitunter hilfreich.

Die Entstehung der Welt

In der nordgermanischen Kosmogonie (Lehre vom Ursprung der Welt) gab es laut Snorri in der Urzeit, also vor der Erschaffung der Welt, nur einen riesigen, leeren Abgrund: Das Ginnungagap. Im Süden allerdings befand sich Muspellsheim, das als “strahlend hell und heiß” beschrieben wird; ein Ort gewaltiger Hitze, über den der Feuerriese Surtr herrschte. Als Gegenpol dazu entstand im Norden Niflheim (was soviel wie “die dunkle Welt” bedeutet), wo es sehr kalt war. In der Mitte Niflheims befand sich die Quelle Hvergelmir, aus der die Flüsse Élivágar entsprangen und ins Ginnungagap flossen. Dort gefroren die giftigen Ströme zu Eis, welches allerdings im südlicheren Bereich von den aus Muspellsheim heranfliegenden Funken wieder aufgetaut wurde. Hierbei entstand aus dem Eis der Urriese Ymir, von dem das böse Geschlecht der Reifriesen abstammt (Snorri setzt Ymir auch mit einem Riesen namens Aurgelmir gleich).

Während Ymir schlief, schwitzte er und unter seinem linken Arm wuchsen ein Mann und eine Frau heran; sein einer Fuß erzeugte mit dem anderen einen Sohn. Ymir vermehrte sich also autogam und kann somit als eine Art Zwitterwesen betrachtet werden.

Er ernährte sich von der Milch der Kuh Audumla, die ebenfalls aus dem auftauenden Eis entstanden war. Die Kuh leckte an dem salzigen Reif, der die Steine überzog und innerhalb von drei Tagen kam ein Mann zum Vorschein: Búri, was soviel bedeutet wie Erzeuger – er war der Stammvater der Götter. Búri hatte einen Sohn namens Borr, es ist allerdings nicht bekannt, auf welche Weise dieser erzeugt wurde. Borr heiratete Bestla, die Tochter des Riesen Bölthorn und hatte mit ihr drei Söhne: Odin, Vili und Vé, die ersten Götter. Diese erschlugen Ymir und ertränkten in seinem Blut sämtliche andere Riesen; lediglich Bergelmir entkam mit seiner Frau (wahrscheinlich auf einem Floß) und begründete von neuem das Geschlecht der Reifriesen.

Nun schleppten die Brüder den Leichnam Ymirs ins Ginnungagap und erschufen daraus die Erde: Aus seinem Blut entstand das Meer und alle anderen Gewässer; aus seinem Fleisch die Erde und aus seinen Knochen die Berge. Laut Grímnísmal wurden weiterhin aus seinen Haaren die Bäume gemacht, aus seinen Augenbrauen Midgard und aus dem Hirn die Wolken. Seine Hirnschale wurde zum Himmel.

Als die Götter Odin, Hönir und Lodur am Strand entlangingen (laut Snorri waren es aber Odin, Vili und Vé), fanden sie dort zwei Baumstämme. Aus diesen schufen sie die ersten Menschen, denen sie Midgard als Heimat zuwiesen: Den Mann Askr und die Frau Embla.

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