Thor

(und die Geschichte von seiner Reise zu Utgardloki)

Thor (bzw. südgermanisch Donar) ist der Sohn Odins und der Erde. Er ist mit Sif verheiratet und seine Kinder heißen Magni, Modi und Thrud. Ihm dienen die Bauernkinder Thjalfi und Röskva. Seine wichtigste Waffe ist der Hammer Mjöllnir, mit dem er Riesen und die Midgardschlange bekämpft. In der Wikingerzeit wurden häufig kleine Thorshammeranhänger als Gegenstück zum christlichen Kreuz getragen. Auch auf einigen Runensteinen sind Thorshämmer abgebildet.

Zu den Ragnarök, der großen Schlacht, bei der die Welt untergeht, kämpft Thor gegen die Midgardschlange und tötet sie, stirbt aber selbst an ihrem giftigen Atem.

In der Wikingerzeit wurde Thor sehr stark verehrt, darauf weisen unzählige Personen- und Ortsnamen hin, die ihn als Bestandteil enthalten. Es sind auch Opfer speziell für Thor belegt.

Als die römischen Wochentagsnamen ins Germanische übertragen wurden, wurde Jupiter mit Thor gleichgesetzt und der entsprechende Tag heißt daher noch heute Donnerstag.

Thor ist vermutlich eine sehr alte Gottheit. So gibt es etwa Spekulationen darüber, ob er in skandinavischen Felszeichnungen der Bronzezeit dargestellt ist. Manche Forscher sehen sogar Parallelen zu dem indischen Gott Indra und nehmen daher einen indoeuropäischen Ursprung an.

Es gibt in den eddischen Lieder und der Prosaedda zahlreiche Geschichten über Thor. Hier als ein Beispiel die Fahrt Thors zu Utgardloki (aus “Gylfis Täuschung” in der Prosaedda, Übersetzung von Reinhard Hennig):

“Diese Geschichte beginnt damit, daß Öku-Thor miß seinen Böcken und seinem Wagen unterwegs war. Ihn begleitete der Ase, der Loki heißt. Gegen Abend kamen sie zu einem Bauernhof und nahmen dort Nachtquartier. Am Abend nahm Thor seine Böcke und schlachtete beide. Dann wurden sie gehäutet und zum Kessel gebracht. Als sie gekocht waren, setzten sich Thor und seine Genossen zum Abendessen. Thor lud den Bauern, dessen Frau und Kinder ein, mit ihm zu essen. Der Sohn des Bauern hieß Thjalfi und die Tochter Röskva. Dann legte Thor die Bockfelle ein Stück vom Feuer weg hin und sagte, daß der Bauer und seine Hausleute die Knochen auf die Bockfelle werfen sollten. Thjalfi hatte einen Oberschenkelknochen in der Hand und spaltete ihn mit seinem Messer, um an das Mark zu gelangen.

Thor blieb dort über Nacht. Aber früh morgens stand er auf und zog sich an. Er nahm den Hammer Mjöllnir, hob ihn hoch und weihte die Bockfelle. Da standen die Bäcke auf, und einer davon war am Hinterbein lahm. Thor bemerkte das und meinte, daß der Bauer oder seine Hausleute nicht vorsichtig mit den Knochen des Bocks umgegangen sein konnten. Er erkannte, daß der Oberschenkelknochen gebrochen war. Man braucht nicht viel darüber zu berichten. Alle werden wissen, wie angsterfüllt der Bauer werden mußte, als er sah, daß Thor seine Augenbrauen zu den Augen herunterzog; aber der, der die Augen sah, meinte, er müsse allein wegen des Anblicks sterben. Thor presste die Hände gegen den Schaft des Hammers, so daß die Knöchel weiß wurden. Der Bauer tat das, was zu erwarten war, und mit ihm das ganze Hausvolk: Sie riefen heftig und baten um Gnade und boten als Buße alles an, was ihnen gehörte. Aber als Thor ihre Angst sah, da verließ ihn die Wut. Er beruhigte sich und nahm als Buße ihre beiden Kinder, Thjalfi und Röskva, und machte sie zu seinen Dienern, und sie folgen ihm seither immer.

Er ließ dort die Böcke zurück und begann die Reise nach Osten nach Jötunheim und ganz bis ans Meer. Dort fuhr er über das tiefe Meer, und als er an Land kam, ging er hinauf und mit ihm Loki, Thialfi und Röskva. Nachdem sie kurze Zeit gegangen waren, kamen sie zu einem großen Wald und sie gingen den ganzen Tag durch diesen, bis es dunkel wurde. Thialfi war ein sehr schneller Läufer. Er trug Thors Vorratsbeutel, aber es war nicht leicht, eine Unterkunft zu finden. Als es dunkel geworden war, suchten sie nach einer Lagerstelle für die Nacht und fanden eine sehr große Hütte. Sie hatte am einen Ende Türen, die genauso breit wie die Hütte waren. Dort nahmen sie Kvartier für die Nacht.

Aber mitten in der Nacht gab es ein gewaltiges Erdbeben, der Boden unter ihnen schwankte und das Haus schaukelte. Da stand Thor auf und rief seine Fahrtgenossen. Sie tasteten sich nach vorne und fanden nach rechts hin in der Mitte der Hütte einen Seitenraum und gingen dort hinein. Thor setzte sich an die Tür und die anderen waren weiter drinnen und hatten Angst. Aber Thor hielt den Schaft des Hammers fest und hatte vor, sich zu verteidigen. Dann hörten sie großen Krach und Getöse.

Als es Tag wurde, da ging Thor hinaus und sah einen Mann nicht weit weg von ihm im Wald liegen, und der war nicht klein. Er schlief und schnarchte laut. Da meinte Thor zu verstehen, was der Krach in der Nacht gewesen war. Er spannte sich den Kraftgürtel um und ihm wuchs die Asenkraft, aber in dem Moment wachte der Mann auf und stand schnell auf. Und da heißt es, schreckte Thor auf einmal davor zurück, ihn mit dem Hammer zu schlagen. Er fragte ihn nach seinem Namen und er nannte sich Skrymir. “Aber ich brauche dich nicht nach deinem Namen zu fragen, denn ich erkenne, daß du Asen-Thor bist,” sagte er. “Aber warum hast du meinen Handschuh weggezogen?” Dann streckte sich Skrymir und hob seinen Handschuh auf. Da sah Thor, daß sie den in der Nacht für eine Hütte gehalten hatten und der Nebenraum war der Daumen des Handschuhs. Skrymir fragte, ob Thor ihn als Fahrtgenossen haben wolle, und Thor stimmte zu. Da nahm Skrymir seinen Vorratsbeutel und löste den Knoten daran und bereitete sich vor, sein Frühstück zu essen, und Thor und seine Genossen taten an anderer Stelle dasselbe. Skrymir forderte sie dazu auf, ihre Essensbeutel zusammenzutun, und Thor stimmte zu. Daraufhin band Skyrmir ihre ganzen Vorräte mit einem Knoten zusammen und hängte sie sich auf den Rücken. Er ging den Tag über voraus und machte recht große Schritte. Gegen Abend suchte er ihnen ein Nachtlager unter einer großen Eiche. Dann sagte Skrymir zu Thor, er wolle sich niederlegen und schlafen. “Aber nehmt ihr das Vorratsbündel und macht euch euer Abendessen.” Daraufhin schlief Skrymir und schnarchte laut und Thor versuchte, den Knoten am Vorratsbeutel zu lösen. Aber es ist etwas zu berichten, das unglaublich erscheinen muß, nämlich, daß er es nicht schaffte, den Knoten zu lösen und an dem Riemen zu ziehen, so daß er etwas loser gewesen wäre als vorher. Und als er sah, daß diese Anstrengung nichts nützen würde, da wurde er wütend, ergriff den Hammer Mjöllnir mit beiden Händen, stellte sein eines Bein nach vorne, dahin, wo Skrymir lag, und schlug ihm auf den Kopf. Skrymir wachte auf und fragte, ob ihm etwa ein Laubblatt auf den Kopf gefallen sei und ob sie schon gegessen hätten und zum Schlafen bereit wären. Thor sagte, daß sie nun schlafen gehen würden. Sie gingen dann unter eine andere Eiche. Es ist wahrhaftig zu berichten, daß man da nicht furchtlos schlafen konnte.

Aber in der Mitte der Nacht hörte Thor, daß Skrymir fest schlief und schnarchte, so daß es im Wald donnerte. Da stand er auf, ging zu ihm hin, schwang kräftig und schnell den Hammer und schlug ihn ihm von oben mitten auf den Scheitel. Er merkte, daß die Spitze des Hammers tief in den Kopf einsank. Aber in dem Moment wachte Skrymir auf und sprach: “Was ist los? Ist mir eine Eichel auf den Kopf gefallen? Und was ist mit dir, Thor?” Aber Thor ging geschwind zurück und antwortete, daß er gerade aufgewacht sei und daß es mitten in der Nacht sei und es sei besser, weiterzuschlafen. Thor nahm sich vor, daß, falls er Gelegenheit bekäme, ihm den dritten Hieb zu verpassen, Skrymir ihn nie mehr erblicken sollte. Er lag dann still und achtete darauf, ob Skrymir wieder fest einschlief. Kurz vor Tagesanbruch hörte er, daß Skrymir eingeschlafen sein mußte. Er stand auf, ging zu ihm hin, schwang den Hammer mit aller Kraft und schlug ihn ihm auf die Schläfe, die nach oben wies. Dabei sank der Hammer bis zum Schaft ein. Aber Skrymir setzte sich auf, strich sich über die Schläfe und sprach: “Sitzen irgendwelche Vögel in dem Baum über mir? Ich meinte, als ich aufwachte, daß mir irgendetwas von den Zweigen auf den Kopf gefallen sei. Bist du wach, Thor? Es wird Zeit sein, aufzustehen und sich anzuziehen. Aber ihr habt jetzt keinen langen Weg mehr bis zu der Burg, die Utgard genannt wird, vor euch. Ich habe gehört, wie ihr unter euch geflüstert habt, daß ich kein kleinwüchsiger Mann sei, aber ihr werdet dort größere Leute sehen, wenn ihr nach Utgard kommt. Jetzt werde ich euch einen guten Rat geben: Seid nicht angeberisch, denn die Gefolgsleute Utgardlokis werden von solchen Kleinkindern keine Frechheit dulden. Oder kehrt gleich um – und das glaube ich, wäre besser für euch. Aber falls ihr weitergehen wollt, wendet euch nach Osten, aber ich muß jetzt nach Norden, zu dem Gebirge, das ihr dort sehen könnt.” Dann nahm Skrymir sein Bündel, warf es sich auf den Rücken und ging seitlich von ihnen in den Wald, und es ist nicht berichtet, daß die Asen ihn lebend hätten wiedersehen wollen.

Thor und seine Gefährten gingen bis zur Mittagszeit weiter auf dem Weg. Dann sahen sie eine Burg auf einem Feld stehen und sie mußten den Kopf nach hinten biegen, um an ihr nach oben blicken zu können. Sie gingen zur Burg, aber es war ein Gitter vor dem Tor, das verschlossen war. Thor ging zu dem Gitter, konnte es aber nicht öffnen. Aber indem sie sich anstrengten, in die Burg hineinzukommen, zwängten sie sich durch die Gitterstäbe und kamen so hinein. Sie sahen eine große Halle und gingen dorthin. Die Türe war offen. Daraufhin gingen sie hinein und sahen dort viele Menschen auf zwei Bänken, und die meisten waren gewaltig groß. Dann kamen sie vor den König, Utgardloki, und grüßten ihn, aber er blickte erst nach einiger Zeit auf sie, grinste und sprach: “Spät ist es , um bei so einem weiten Weg nach Neuigkeiten zu fragen. Aber ist es nicht so, wie ich glaube, daß dieser Bursche Öku-Thor ist? Aber du wirst kräftiger sein, als du aussiehst. Welche Fähigkeiten meint ihr Gefährten zu haben? Hier bei uns soll sich keiner aufhalten, der nicht irgendeine Kunst oder Fähigkeit besser als die meisten anderen Leute beherrscht.”

Da sagte der hinterste, der Loki hieß: “Ich habe eine Fähigkeit, die ich völlig bereit bin zu beweisen, nämlich daß keiner hier drinnen schneller sein Essen verzehren wird als ich.” Da antwortete Utgardloki: “Das ist eine Fähigkeit, wenn du sie ausführst, und daher soll diese Kunst erprobt werden.” Er rief daraufhin die Bank hinunter, daß der, der Logi hieß, auf den Boden nach vorne gehen sollte und sich gegen Loki versuchen sollte. Dann wurde ein Trog genommen, auf den Hallenboden getragen und mit Fleisch gefüllt. Loki setzte sich ans eine Ende und Logi ans andere. Beide aßen so schnell wie möglich und trafen in der Mitte des Troges aufeinander. Da hatte Loki das ganze Fleisch von den Knochen gegessen, aber Logi hatte sowohl das Fleisch, als auch die Knochen und den Trog gegessen. Daraufhin meinten alle, daß Loki das Spiel verloren habe.

Dann fragte Utgardloki, was der andere junge Mann zeigen könne. Thjalfi sagte, daß er gegen jeden im Wettlauf antreten würde, den Utgardloki dafür bestimme. Da sagte Utgardaloki, daß das eine gute Fähigkeit sei und meinte, es sei zu erwarten, daß er sehr schnell sei, wenn er diese Kunst ausführen wolle. Dann stand Utgardloki auf und ging hinaus, und dort war eine gute Laufbahn auf ebenem Untergrund. Daraufhin rief Utgardloki einen Knaben zu sich, der Hugi hieß, und forderte ihn auf, gegen Thjalfi um die Wette zu laufen. Dann liefen sie die erste Bahn, und Hugi war soviel weiter vorne, daß er auf dem Rückweg Thjalfi am Ende der Bahn begegnete. Daraufhin sprach Ugardloki: “Du wirst dich mehr anstrengen müssen, Thjalfi, wenn du den Wettkampf gewinnen willst. Aber dennoch stimmt es, daß hier bisher keine Leute hergekommen sind, die mir schneller als dieser zu sein schienen.” Dann liefen sie zum zweiten Mal und als Hugi am Ende der Bahn angelangt war und umdrehte, da war eine gute Pfeilschußlänge Abstand zwischen ihm und Thjalfi. Da sprach Utgardloki: “Thjalfi scheint mir gut zu laufen, aber ich traue ihm jetzt nicht mehr zu, daß er das Rennen gewinnt. Aber das wird sich jetzt herausstellen, wenn sie zum dritten Mal laufen.” Daraufhin laufen sie noch einmal. Aber als Hugi ans Ende der Bahn gelangt war und sich umwendete, war Thjalfi noch nicht einmal bei der Mitte der Strecke. Da sagten alle, daß der Wettkampf entschieden sei.

Dann fragte Utgardloki Thor, welche Fähigkeiten er ihnen offenbaren wolle, wo doch die Leute so große Geschichten von seinen Ruhmestaten verfaßt hätten. Daraufhin sagte Thor, daß er sich am liebsten mit irgendjemandem im Wetttrinken versuchen würde. Utgardloki sagte, daß man das gut tun könne. Er ging in die Halle hinein, rief seinen Tischdiener und forderte ihn auf, das Strafhorn zu bringen, aus dem gewöhnlich die Gefolgsleute tranken. Daraufhin kam der Tischdiener mit dem Horn und überreichte es Thor. Dann sagte Utgardloki: “Bei diesem Horn gilt als gut getrunken, wenn man es in einem Zug leert. Manche leeren es in zwei, aber keiner ist so ein schlechter Trinker, daß er es nicht in dreien leert.”

Thor betrachtete das Horn und es schien nicht groß zu sein, wenn auch ziemlich lang – aber er war sehr durstig. Er begann zu trinken und nahm sehr große Schlücke und meinte, daß er sich nicht öfter zum Horn neigen müsse. Aber als er nicht mehr konnte und sich von dem Horn zurückbeugte, sah er, wieweit es ausgetrunken war. Es schien ihm nur ein sehr geringer Unterschied im Vergleich zu vorher in dem Horn zu sein. Da sagte Utgardloki: “Gut ist getrunken worden, aber nicht viel. Ich würde es nicht glauben, wenn mir erzählt würde, daß Asen-Thor nicht mehr trinken würde. Aber mir ist klar, daß du es im zweiten Zug leeren wirst.” Thor antwortete nicht, setzte das Horn an den Mund und nahm sich vor, nicht noch einmal trinken zu müssen. Er strengte sich beim Trinken an, bis er Luft holen mußte und dennoch sah er, daß die Spitze des Hornes nicht so weit nach oben stand, wie er wollte. Als er das Horn vom Mund absetzte und hineinschaute, kam es ihm vor, als sei der Unterschied noch geringer als beim ersten Mal – es war nun ein gut zu sehender Rand im Horn. Da sprach Utgardloki: “Was ist jetzt, Thor? Du wirst dir doch wohl nicht einen Zug mehr aufheben, als dir gefallen wird? Es scheint mir so, daß, falls du jetzt den dritten Schluck aus dem Horn trinkst, dann mußt du dir vornehmen, daß das der größte wird. Aber du wirst bei uns nicht als so ein großer Mann gelten, wie die Asen dich bezeichnen, wenn du nicht bei anderen Wettkämpfen mehr zustande bringst, als das, wie es mir hier erscheint.” Da wurde Thor wütend, setzte das Horn an den Mund und trank so kräftig er konnte und strengte sich beim Trinken überaus an. Aber als er in das Horn blickte, da war nun am ehesten ein Unterschied zu erkennen. Daraufhin gab er das Horn weg und wollte nicht weitertrinken.

Da sprach Utgardloki: “Jetzt ist offensichtlich, daß deine Kraft nicht so groß ist, wie wir dachten. Aber magst du noch mehr Kraftproben versuchen? Man sieht ja, daß du keinen Vorteil davon hast.” Thor antwortete: “Ich kann noch einige Kraftproben versuchen, aber wenn ich daheim bei den Asen wäre, käme es mir seltsam vor, wenn solches Trinken als gering bezeichnet würde. Aber welche Probe wollt ihr mir nun anbieten?” Da sagte Utgardloki: “Die jungen Burschen hier tun etwas, das wenig bedeutend erscheinen mag, nämlich meine Katze vom Boden hochzuheben. Aber ich würde nicht meinen, so mit Asen-Thor reden zu können, wenn ich nicht zuvor gesehen hätte, daß du viel weniger zustande bringst, als ich meinte.”

Daraufhin lief eine graue Katze, die ziemlich groß war, über den Hallenboden. Thor ging zu ihr hin, griff sie mit den Händen unten in der Mitte des Körpers und zog nach oben, aber die Katze machte einen Buckel, wenn Thor die Hände ausstreckte. Und als Thor sie so weit nach oben streckte, wie er konnte, da hob die Katze nur einen Fuß vom Boden und Thor konnte diese Kraftprobe nicht weitertreiben. Da sprach Utgardloki: “Diese Probe verlief, wie ich es annahm. Die Katze ist recht groß, aber Thor ist klein und gering unter den großen Leuten, die hier bei uns sind.” Da sprach Thor: “Wenn ihr mich so klein nennt, dann soll jetzt irgendjemand herkommen und mit mir ringen, denn jetzt bin ich wütend.” Da antwortete Utgardloki, indem er auf die Bank blickte: “Ich sehe hier drinnen niemanden, der es nicht für unter seiner Würde hielte, mit dir zu ringen.” Aber er setzte hinzu: “Schauen wir erst einmal. Man rufe die Alte hierher, meine Ziehmutter Elli, und Thor soll mit ihr ringen, wenn er will. Sie hat Männer gefällt, die mir nicht schwächer als Thor vorkamen.”

Daraufhin kam eine alte Frau in die Halle. Utgardloki sagte, sie solle mit Thor ringen. Es gibt nicht viel darüber zu sagen: Je härter Thor zupackte, desto fester stand sie. Dann versuchte die Alte einen Trick und Thor wurde unsicher auf den Beinen. Der Kampf war hart aber nicht lang, bis Thor mit einem Bein aufs Knie fiel. Da ging Utgardloki hinzu, bat sie, das Ringen zu beenden und sagte, daß Thor nicht mehr Leuten aus seinem Gefolge einen Ringkampf anzubieten brauche. Inzwischen war es Nacht geworden. Utgardloki wies Thor und seinen Gefährten ihre Plätze zu und sie blieben die Nacht über in guter Bewirtung dort.

Gegen Morgen, sobald es Tag wurde, standen Thor und seine Gefährten auf, zogen sich an und waren bereit fortzugehen. Da kam Utgardloki zu ihnen und ließ für sie auftischen. Es fehlte nicht an guter Verpflegung, Essen und Trinken. Nachdem sie sich satt gegessen hatten, brachen sie zur Abreise auf. Utgardloki folgte ihnen hinaus und ging mit ihnen von der Burg weg. Bei der Verabschiedung sprach er zu Thor und fragte ihn, wie ihm das Ergebnis seiner Reise gefalle, und ob er etwa einen mächtigeren Mann als sich selbst gefunden habe. Thor sagte, er könne nicht behaupten, daß er nicht bei ihren Auseinandersetzungen eine große Schande erlitten habe. “Ich weiß, daß ihr mich einen unbedeutenden Mann nennen werdet, und das gefällt mir übel.”

Da sprach Utgardloki: “Jetzt, wo du aus der Burg herausgekommen bist, werde ich dir die Wahrheit sagen: Falls ich lebe und darüber bestimmen kann, wirst du nie wieder in sie hinein kommen. Und du kannst mir glauben, daß du nie in sie hineingekommen wärst, wenn ich zuvor gewußt hätte, daß du über so große Kraft verfügst. Beinahe hättest du uns in eine sehr gefährliche Situation gebracht. Ich habe dir Sinnestäuschungen bereitet. Als ich zuallererst im Wald zu euch kam und du den Proviantbeutel aufschnüren solltest, da hatte ich ihn mit Eisen zugebunden, und du fandest nicht heraus, wo du ihn hättest öffnen können. Als nächstes verpaßtest du mir drei Schläge mit dem Hammer, wovon der erste am schwächsten war, aber doch so stark, daß er zu meinem Tod geführt hätte, wenn er mich getroffen hätte. Bei meiner Halle hast du ein Gebirge gesehen, in dem oben drei vierkantige Täler waren, eines davon am tiefsten. Das waren deine Hammerspuren. Ich habe das Gebirge vor die Hiebe geschoben, aber das sahst du nicht. So verhielt es sich auch mit den Wettbewerben, die ihr mit meinen Gefolgsleuten versucht habt. Da war zuerst das, was Loki tat. Er war sehr hungrig und aß schnell, aber der, der Logi hieß, war ein wildes Feuer, und das verbrannte gleichzeitig den Trog und das Fleisch. Als Thjalfi gegen den, der Hugi hieß, das Wettrennen versuchte, da war der mein Gedanke, und Thjalfi hatte keine Chance, schneller als er zu sein. Du trankst aus dem Horn, das sich dir nur langsam zu leeren schien. Aber du kannst mir glauben, daß das ein Wunder war, von dem ich nicht geglaubt hätte, daß es geschehen könnte. Das andere Ende des Horns war draußen im Meer, aber das sahst du nicht. Wenn du jetzt zum Meer kommst, wirst du sehen, wie du es durch dein Trinken verringert hast.” – Das wird jetzt Ebbe genannt. – Und weiter sprach er: “Es erschien mir nicht weniger bedeutend, als du die Katze hochhobst, und es ist wahr, daß da alle, die es sahen, Angst bekamen, als du einen ihrer Füße von der Erde hobst. Diese Katze war nicht das, was sie dir schien. Es war die Midgardschlange, die um alle Länder herum liegt. Diese Strecke reicht ihr kaum aus, damit Schwanz und Kopf die Erde berühren. Du hast die Hände so weit nach oben gestreckt, daß sie nur ein kurzes Stück vom Himmel entfernt waren. Auch war es beim Ringen ein großes Wunder, daß du so lange stehen bliebst und nur mit einem Bein aufs Knie fielst, als du mit Elli rangst. Denn es hat nie jemanden gegeben und wird nie jemanden geben, bei dem das Alter wartet, bis er so alt wird, daß das Alter nicht kommt und ihn zu Fall bringt. Und jetzt stimmt es, daß wir uns trennen werden, und es wird für uns beide besser sein, wenn ihr nicht öfter kommt, um mich zu treffen. Ich werde auch beim zweiten Mal meine Burg mit solchen und anderen Listen verteidigen, so daß ihr keine Gewalt über mich bekommen werdet.”

Als Thor ihn das sagen hörte, griff er nach dem Hammer und schwang ihn in der Luft. Aber als er gerade nach vorne zuschlagen wollte, sah er nirgends Utgardloki. Da wendete er sich zurück zur Burg und wollte dorthin gehen, um sie zu zerstören. Doch da sah er eine weite und schöne Ebene, aber keine Burg. Daraufhin wendete er sich zurück und ging seines Weges, bis er zurück nach Thrudvang kam.

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