Odin

Odin ist nicht nur der heute noch bekannteste germanische Gott, sondern hat auch den komplexesten Charakter unter den Asen. Er gehört mit Vili und Vè zu den ersten Göttern, die zusammen den Urriesen Ymir töten. Odin ist mit Frigg verheiratet und hat mehrere Söhne mit zum Teil unterschiedlichen Müttern: Balder, Thor und Vali; Snorri zählt auch Heimdall, Týr, Vídar, Hödr und Bragi dazu. In Gylfaginning 20 heißt es: “Odin ist der vornehmste und der älteste der Asen. Er beherrscht alle Dinge. (…) Odin heißt Allvater, weil er der Vater aller Götter ist.” Von seinem Hochsitz Hlidskjálf aus überblickt er die ganze Welt.

Zu seinen äußeren Kennzeichen gehören neben Mantel und Hut seine Einäugigkeit, denn er mußte ein Auge dem Mimir für die Erlaubnis geben, aus dessen Brunnen des Wissens zu trinken (“Alles weiß ich, Odin, wo du dein Auge bargst: In der vielbekannten Quelle Mimirs.” Völuspa 21). Mimir ist ein weises Wesen, das man sich vermutlich als im Wasser lebend vorstellte. Einer anderen Version zufolge (in Snorris Heimskringla) wurde der kluge Mimir beim Friedensschluß zwischen Asen und Wanen letzteren als Geisel gestellt. Doch die Wanen enthaupteten ihn und schickten den Kopf an Odin, der ihn durch Kräuter und Zauberkunst vorm Verwesen bewahrte und ihn jederzeit um Rat fragen konnte. In Völuspa 47 heißt es, “Odin murmelt mit Mimirs Haupt” bei Ragnarök.

Odins Waffe ist der von Zwergen geschmiedete Speer Gungnir, auf dessen Spitze laut Sigrdrifumál Runen eingeritzt sind. Die Existenz eines Speergottes ist schon durch bronzezeitliche Felsmalereien belegt; das Werfen eines Speeres über ein feindliches Heer sollte dieses Odin weihen und beim Odinsopfer wurde der Betroffene mit dem Speer verletzt. Man kann den Speer aber auch als eine Art Herrschaftssymbol betrachten.

Ebenfalls schon sehr früh wurde Odin zusammen mit den Raben Hugin (“der Gedanke”) und Munin (“die Erinnerung”) dargestellt, auch wenn die Namen erst aus späterer Zeit stammen. Die beien Vögel überfliegen die Welt und berichten Odin alle Neuigkeiten; laut Gylfaginning 43 nennt man ihren Herrn deshalb auch Rabengott. Raben galten als Vögel des Schlachtfeldes und wurden Schilderungen zufolge auch auf Heeresbannern abgebildet.

Wie die meisten Kostbarkeiten der Götter wurde auch der Ring Draupnir, der sich in Odins Besitz befindet, von den Zwergen Brokkr und Sindi geschmiedet. In jeder neunten Nacht tropfen von ihm acht ebenso schwere, goldene Ringe ab. Bei Balders Bestattung legt Odin Draupnir auf dessen Scheiterhaufen und in Skirnisfär 21 bietet Skirnir ihn der Riesin Gerd als Geschenk an, damit sie in die Hochzeit mit Freyr einwillige. Ein Zusammenhang dieses Rings mit Tempelringen, die angeblich auf Ältären lagen und auf die Eide geleistet wurden, ist denkbar. Eine Verwendung als Schwurring, der auch eine Art Herrschaftslegitimation darstellen kann, ist also durchaus möglich.

Odin reitet auf dem achtbeinigen, grauen Pferd Sleipnir (“der Dahingleitende”), das alle anderen übertrifft. In Baldrs Draumar reitet er damit sogar nach Hel. Snorri erzählt ausführlich die Geschichte von Sleipnirs Herkunft: Als die Welt noch nicht lange existierte, kam ein Baumeister zu den Asen und bot diesen an, ihnen eine uneinnehmbare Burg zu erbauen. Als Belohnung wollte er die Göttin Freyja und auch Sonne und Mond. Auf Lokis Ratschlag hin wurde ihm dies nur unter der Bedingung zugesichert, die Burg in einem einzigen Winter zu erbauen. Der Baumeister stimmte zu, doch man mußte ihm erlauben, sein Pferd Svadilfari zur Arbeit mitzubenutzen. Doch das Pferd schleppte selbst nachts gewaltige Felsbrocken heran, so daß es doppelt so viel leistete wie der Baumeister selbst und die Burg drei Tage vor Sommeranfang beinahe fertig gestellt war. Die Götter berieten, was zu tun sei, denn natürlich hatten sie niemals wirklich daran gedacht, Freyja herzugeben. Loki wurde die Schuld an der Misere gegeben, weshalb dieser einen Ausweg suchen mußte. Er verwandelte sich in eine Stute und lockte den Hengst Svadilfari fort, so daß der Baumeister sein Werk nicht vollenden konnte. Da wurde er wütend und es zeigte sich, daß es sich um einen Riesen und somit einen Feind der Asen handelte. Thor erschlug ihn mit seinem Hammer Mjöllnir. Loki allerdings gebar als Folge des Zusammentreffens mit Svadilfari das Pferd Sleipnir.

Doch eigentlich ist Odin selten der Held eddischer Lieder. Wie bereits im Vorwort erwähnt, kommt er häufig in der Wissensdichtung wie Vafthrúdismál (worin er unter dem Namen Gagnrad auftritt) oder auch in Grímnismál (diesmal als Grimnir) vor. Dahingegen ist die Erlangung des Skaldenmets, von der unter anderem in Skáldskaparmal 1 berichtet wird, eine richtige Erzählung. Als die Asen und die Wanen miteinander Frieden schlossen, spuckten sie, um diesen zu besiegeln, alle in ein Gefäß. Aus dem Inhalt wurde dann der weise Kvasir geschaffen. Doch Kvasir wurde von den beiden Zwergen Fjallar und Gallar getötet. Sie fingen sein Blut in drei Gefäßen auf und brauten daraus den Skaldenmet, welcher jedem, der davon trinkt, die hoch angesehene Gabe der Dichtkunst verleiht (eine Kenning für “Skaldenmet” ist daher auch “Kvasirs Blut”). Die Zwerge ermordeten auch heimtückisch den Riesen Gillingr und dessen Frau, weshalb dann deren Sohn Suttungr an ihnen Rache nehmen wollte und sie auf einer kleinen Felsinsel aussetzte. Doch als sie versprachen, ihm als Sühne für ihr Verbrechen den Skaldenmet zu geben, stimmte er der Vereinbarung zu. Er ließ den Met von seiner Tochter Gunnlöd bewachen. Unter anderem in den Hávámal 104-110 – dem sogenannten “Zweiten Odinsbeispiel” – wird nun berichtet, wie es Odin gelang, das begehrte Getränk zu gewinnen. Er traf auf seinem Weg zum Aufbewahrungsort des Mets zunächst auf die neun Knechte des Riesen Baugi, des Bruders Suttungrs, die gerade Gras mähten. Odin schärfte ihre Sensen mit seinem Wetzstein, welche daraufhin viel schärfer als zuvor waren. Jeder von ihnen wollte den Wetzstein kaufen, doch Odin warf ihn in die Luft, und beim Versuch, ihn aufzufangen, töteten sich die Knechte gegenseitig mit den Sensen. Unter dem Namen Bölwerk (“der Übelstifter”) stellte sich Odin nun Baugi vor und bot ihm an, die Arbeit der neun Knechte zu leisten, wenn er einen Schluck des Skaldenmets bekäme. Nachdem er den ganzen Sommer lang die Arbeit verrichtet hatte, ging er mit Baugi zu Suttungr, der allerdings nicht bereit war, etwas von dem Met herzugeben. Nun versuchten es die beiden mit List: Odin befahl dem Riesen, mit dem Bohrer Rati ein Loch in die Felswand zu bohren, durch das er in Schlangengestalt ins Innere gelangte. Er blieb drei Nächte lang bei Gunnlöd, die glaubte, er liebe sie. Sie gewährte ihm drei Schlücke des Skaldenmets. Doch diese genügten Odin, um alle drei Gefäße zu leeren und in Adlergestalt zu fliehen. Suttungr erblickte ihn und verfolgte ihn ebenfalls als Adler. Als die Asen sahen, was vor sich ging, stellten sie Gefäße hin, in die Odin den Met spie. Doch bei der Verfolgungsjagd verlor er ein paar Tropfen, die man den “Anteil der Dichterlinge” nennt, denn jeder kann sie haben.

Des öfteren wird von Odins Liebesgeschichten mit verschiedenen Frauen berichtet. So heißt es im ersten Odinsbeispiel (Hávamál 104-110), er habe sich der schönen Tochter Billungs (über den keine weiteren Informationen vorhanden sind) nähern wollen, die ihn anwies, am Abend erneut zu kommen. Doch als er zurückkehrte, fand er den Hof schwer bewacht vor. Am nächsten Morgen gelangte er zwar hinein, doch ans Bett der Maid war nur eine Hündin angebunden. Dieses Odinsbeispiel bezieht sich auf vorangegangene Strophen, in denen vor blinder Liebe gewarnt wird.

Im sogenannten Harbardslied rühmt sich Odin Thor gegenüber seiner zahlreichen Liebesabenteuer, während letzterer von seinen Kämpfen gegen die Riesen berichtet. Von einigen Strophen ist ungewiß, auf welche Ereignisse sie sich beziehen.

Saxo Grammaticus berichtet ausführlich von der Beziehung Odins zu Rindr, der Mutter Vális: Laut einer Prophezeiung konnte nur sie den Rächer des ermordeten Balder gebären; daher versuchte Odin mehrmals, sich ihr in Verkleidung zu nähern. Doch sie wies ihn jedesmal ab, weshalb er sie schließlich durch Zauberei in den Wahnsinn trieb und vergewaltigte.

Daß Odin ein weiser, zauberkundiger Gott ist, belegt auch das zu den Hávamál (138-145) gehörende Runenlied, in dem er von der Entdeckung dieser Schriftzeichen erzählt:

Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst.

(Hávamál 138)

Odin war also am Weltenbaum Yggdrasill sich selbst geopfert und erlitt große Qualen; als er schließlich zu Boden fiel, entdeckte er die Runen. Er gab die Kenntnis dieser magischen Zeichen an die Menschen weiter; das Selbstopfer diente ihm also als Ritual zur Erlangung der Runen. Der Weltenbaum hat seinen Namen erst hierdurch erhalten – er bedeutet soviel wie Odins Pferd, wobei der Galgen als des Pferd des Gehenkten angesehen wird. Auch Odinsnamen wie Hangatýr, der Gott der Gehenkten, beziehen sich hierauf. Laut Hávamál 157 kann durch Einritzen von Runen sogar mit Erhängten gesprochen werden.

Zwar wird häufig gemutmaßt, dieser Mythos sei an den Kreuzestod Jesu angelehnt, doch es gibt Parallelen zu solchen Ritualen unter anderem in alten indischen und griechischen Mythen und auch das Odinsopfer selbst ist mehrfach in dieser Form bestätigt. So berichtet beispielsweise die altnordische Gautrekssaga von König Víkarr, der mit seinem Blutsbruder Starkad während einer Schiffahrt in eine Flaute geriet. Um wieder günstigen Wind zu bekommen, wollten sie ein Scheinopfer durchführen, bei dem Víkarr eine an einem dünnen Zweig befestigte Schlinge um den Hals gelegt wurde und Starkad mit einem Schilfrohr nach ihm schlug. Doch plötzlich verwandelte sich der Zweig in einen starken Ast und das Schilfrohr in einen Speer, wodurch Víkarr sowohl gehenkt als auch mit dem Speer getötet wurde.

Vor allem in der Wikingerzeit gewann Odin als Gott der Krieger und der in der Schlacht Gefallenen immer mehr an Bedeutung. Es entstand der Glaube, die im Kampf Getöteten würden als Einherier von Walküren nach Walhall gebracht, welches man sich als eine Art Kriegerparadies vorstellte. In Vafthrúdnismál 41 heißt es hierzu:

Die Einherier alle in Odins Saal
Streiten Tag für Tag;
Sie kiesen den Wal und reiten vom Kampf heim
Und sitzen friedlich beisammen.

Sie kämpfen also täglich zur Übung, sind jedoch abends alle wieder lebendig. In Walhall trinken sie den Met, der laut Grímnísmal 25 aus dem Euter der Ziege Heidrun, die auf dem Dach des Saales steht, fließt, und der ihnen von den Walküren gebracht wird. Der Koch Andrhimnir bereitet für sie das Fleisch des Ebers Sährimnir zu, der “jeden Abend gekocht wird und doch am Abend wieder unversehrt ist” (Gylfaginning 38). Odin selbst wirft das Fleisch seinen beiden Wölfen vor und ernährt sich nur vom Met:

Geri und Freki füttert der krieggewohnte
Herrliche Heervater,
Doch nur vom Wein der waffenhehre
Odin ewig lebt.

(Grímnismál 19)

Walhall, die “Halle der Gefallenen”, liegt in Asgard, genauer in Gladsheimr, Odins Wohnort. Das Dach besteht aus Speeren und Schilden; die Bänke sind mit Brünnen bedeckt. Zu den Ragnarök ziehen aus jedem der 540 Tore 800 Einherier gleichzeitig in den Kampf, um die Götter zu unterstützen (Grímnismál 23). Einer These zufolge bezieht sich dieses Detail auf das römische Kolosseum, durch das skandinavische Reisende möglicherweise beeindruckt wurden. Dies ist zwar nicht gesichert, aber einiges von diesem Mythos dürfte erst in der poetischen Ausgestaltung hinzugefügt worden und nicht im Volksglauben entstanden sein. Der Glaube an ein Weiterleben der Toten in einem Berg läßt sich allerdings anhand einiger südschwedischer “Totenberge” nachweisen, die ebenfalls den Namen Valhall tragen. Dann wäre der etymologische Ursprung des Wortes nicht von “höll” (Halle), sonderen von “hallr” (Fels) her zu deuten.

Die erwähnten Walküren waren ursprünglich Totendämonen, denen die gefallenen Krieger zufielen. Erst in späterer Zeit stellte man sie sich als Schildmädchen vor, die selbst in den Kampf eingriffen und als Helferinnen Odins die Toten nach Walhall brachten.

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