Edda

Die Snorra-Edda

Etwa um 1220 verfaßte der isländische Politiker und Gelehrte Snorri Sturluson (1179-1241) ein Lehrbuch der Dichtkunst. Es ist in mehreren Abschriften erhalten, wobei die älteste davon, die heute in der Universitätsbibliothek Uppsala in Schweden aufbewahrt und gezeigt wird, vom Beginn des 14. Jahrhunderts stammt. Diese Handschrift nennt auch den Verfasser und den Titel des Werks: “Dieses Buch heißt Edda. Snorri Sturluson hat es zusammengestellt, auf die Art, wie es hier eingerichtet ist.” Snorris Edda besteht aus vier Teilen: Prolog, Gylfaginning, Skáldskaparmál und Háttatal.

Der Prolog stellt einen Versuch dar, zu erklären, warum man im Norden die Asen als Götter verehrte. Er beginnt mit der Erschaffung der Welt durch Gott; darauf folgt die Bestrafung der Menschheit durch die Sintflut und das Vergessen Gottes durch die Menschen. Die Menschen beobachten aber die Natur und schlußfolgern dabei, daß es jemanden geben muß, der alles lenkt. Verschiedene Völker und Sprachen entstehen. Der größte Erdteil und die Mitte der Welt ist Asien, wo die Hauptstadt Troja liegt. Ein Enkel des dortigen Königs Priamos ist Thor, von dem in 18. Generation Odin abstammt. Dieser reist mit seiner Gefolgschaft, die als Asienleute bezeichnet werden, nach Norden, kommt nach Deutschland und Jütland und begründet dort Königsgeschlechter. Er zieht weiter nach Schweden, erhält von dem dortigen König Gylfi Land und begründet dort das Königsgeschlecht der Ynglingar. Die Sprache der Asienleute wird von den Einheimischen übernommen.

Einige frühe Forscher meinten, der Prolog stamme nicht von Snorri und sei ursprünglich kein Bestandteil der Edda gewesen. Heute gilt aber seine Echtheit als sicher. Er erfüllt mehrere wichtige Funktionen: Er erklärt das Entstehen der heidnischen Religion, des Polytheismus, im Rahmen des christlichen Weltbildes. Außerdem leitet er die nordischen Könige von den Trojanern ab. Und er ist eine unentbehrliche Einleitung zur Gylfaginning, in der anschließend erklärt wird, daß die Asen wegen ihrer Geschicklichkeit und ihrer Zauberkraft später als Götter verehrt wurden, obwohl sie eigentlich Menschen waren. Alles das war im Mittelalter nichts Neues. Die Abstammung von den Trojanern beanspruchten z.B. auch die Franken für sich; sie wertete das Königsgeschlecht geschichtlich auf. Für den Norden findet sie sich bereits in Ari Thorgilssons (1068-1148) Íslendingabók. Die Theorie einer Art “natürlicher Religion” und begrenzter Gotteserkenntnis der Heiden stammt aus der Kirchenlehre. Die Erklärung, die heidnischen Götter seien in Wirklichkeit Menschen gewesen, die nach ihrem Tod aufgrund ihrer überragenden Fähigkeiten verehrt wurden, wird als Euhemerismus bezeichnet; sie geht auf den Griechen Euhemors (um 300 v.Chr.) zurück und wurde in der Kirchenlehre immer wieder verwendet.

Snorris Prolog wertet also Sprache, Herkunft und Fähigkeiten der Nordleute auf und ordnet sie in das christliche Weltbild ein. Gleichzeitig legitimiert er die Beschäftigung mit der heidnischen Mythologie: Da klar ist, daß es sich um Menschengemachtes handelt, kann man ihre Inhalte in einem Lehrbuch durchaus verwenden.

In Gylfaginning (“Täuschung Gylfis”) folgt dann eine Darstellung eben dieser nordischen Mythologie. In der Rahmenhandlung begibt sich der einheimische, schwedische König Gylfi zu den Asienleuten, um herauszufinden, worauf ihre große Macht beruht. Er wird von drei Königen empfangen, die sich Hoher, Ebensohoher und Dritter nennen und ihn auffordern, kluge Fragen zu stellen. Daraufhin beginnt Gylfi, sie über die Entstehung der Welt, ihre Ordnung, über die Erschaffung der Menschen und Ragnarök, den Untergang der Welt, auszufragen. In den Antworten wird dann die Mythologie systematisch erklärt. Am Schluß verschwinden plötzlich die Halle, in der das Ganze stattfindet, und die drei “Hohen”. Der tief beeindruckte Gylfi kehrt nach Hause zurück und erzählt überall von der Größe der Asen, woraufhin die Menschen beginnen, diese als Götter zu verehren.

Gylfaginning ist die umfangreichste Darstellung der nordischen Mythologie und hat, da für vieles andere Quellen fehlen, enormen Wert für deren Verständnis. Natürlich ist zu bedenken, daß es sich hierbei um Snorris eigene Perspektive handelt: Er ordnete den Stoff, wie es seinen Zwecken entsprach, deutete ihn auf seine Weise, paßte ihn an sein Gesamtwerk an und ließ sicher auch Unpassendes weg. Wie viele seiner Quellen ihm schriftlich vorlagen bzw. aus mündlicher Überlieferung bestanden, ist schwer zu sagen. Jedenfalls zitiert er einige Lieder, die auch, in oft abweichender Form, in der sogenannten Älteren oder Lieder-Edda enthalten sind.

 

Gylfi befragt Hoch, Ebenhoch und Dritter. Illustration aus dem Codex Upsaliensis der Snorra-Edda.

Gylfi befragt Hoch, Ebenhoch und Dritter. Illustration aus dem Codex Upsaliensis der Snorra-Edda.

Skáldskaparmál (“Lehre der Dichtersprache”) ist der eigentliche Hauptteil von Snorris Edda. In ihm werden u.a. die kenningar erklärt; das sind zwei- und mehrgliedrige Umschreibungen, die in der Skaldensprache verwendet wurden und oft mythologischen Bezug hatten. Das Ganze erfolgt in für damalige Lehrbücher gebräuchlicher Frage-Antwort-Form nach dem Muster “wie umschreibt man …?”. Dazwischen werden aber zur Veranschaulichung und Erklärung auch weitere Mythen und Teile von Heldensagen erzählt. Insgesamt zitiert Snorri in Skáldskaparmál 411 Strophen von Skalden des 9. bis 12. Jahrhunderts.

Háttatal ist inhaltlich ein Preisgedicht auf den norwegischen König Hákon Hákonarson und den Jarl Skúli, mit denen Snorri mehrmals zu tun hatte. Seine eigentliche Funktion ist aber, verschiedene skaldische Versmaße, insgesamt 100, vorzustellen. Die ersten 67 davon sind Varianten des meistbenutzten skaldischen Versmaßes Dróttkvætt. Viele der in Háttatal verwendeten Bezeichnungen finden sich allerdings nur da, und es kann daher sein, daß sie erst von Snorri selbst stammen.

Die Snorra-Edda ist also in erster Linie ein Lehrbuch für Skalden. Die Erklärung der Mythologie war für seine Benutzung notwendig, aber nicht Selbstzweck.

Die Ältere Edda

Im 17. Jahrhundert begann man sich in mehreren europäischen Ländern für die altnordische Literatur zu interessieren. Man sammelte alte Pergamenthandschriften und beschäftigte sich mit ihren Inhalten. Dabei tauchte auch eine von Island herstammende Handschrift auf, die eine Menge Gedichte enthielt, von denen einige davon in einem bereits bekannten Werk, der Snorra-Edda, zitiert wurden. Daher glaubte man, es handele sich bei dem Fund um Snorris Vorlage. Man ordnete sie dem isländischen Geschichtsschreiber Sæmundr fróði Sigfússon (1056-1133) zu und nannte sie ebenfalls Edda, obwohl diese Bezeichnung nur für Snorris Werk überliefert ist. Zwar ist heute klar, daß nicht Sæmundr der Urheber ist und daß diese Gedichtsammlung erst nach Snorris Edda zusammengestellt wurde, dennoch hielt sich der Name “Ältere Edda”, während die Snorra-Edda auch “Jüngere Edda” genannt wird. Vom Inhalt ausgehende Bezeichnungen sind “Liederedda” und “Prosaedda”.

Oben erwähnte Handschrift wird meist einfach Codex regius genannt, da sie in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen aufbewahrt wurde. Dies ist aber kein eindeutiger Titel (es gibt z.B. auch einen Codex regius der Snorra-Edda), daher trägt sie auch die Signatur Gl.kgl.sml. 365 4to. Die gesamte Handschrift umfaßt 45 Blätter, also 90 Seiten. In ihrem zweiten Teil fehlen 8 Blätter, ansonsten ist sie gut bewahrt. Sie wurde um 1270 geschrieben, muß aber eine Abschrift nach einer bereits existierenden Vorlage sein. Übrigens wurde sie 1971 von Dänemark an Island zurückgegeben und befindet sich daher heute in Reykjavík.

Eine Seite aus dem Codex regius.

Eine Seite aus dem Codex regius.

Inhaltlich folgt die Zusammenstellung des Codex regius einem bestimmten Muster. Der erste Teil enthält mythologische Lieder, die mit den Göttern zu tun haben; im zweiten Teil folgen Heldenlieder.

Die Sammlung beginnt mit Völuspá (“Weissagung der Seherin”), einem Gedicht, in dem eine Seherin die gesammte Geschichte und Einteilung der Welt berichtet, von der Urzeit über die Erschaffung hin zu Ragnarök und Neuentstehung der Welt. Die Völuspá ist ein beeindruckendes Werk, das die Forschung lange beschäftigt hat. Sie ist auch in einer anderen Handschrift, der Hauskbók, enthalten, allerdings in etwas abweichender Form. Auch Snorri zitiert sie. Heute nehmen die meisten Wissenschaftler an, daß sie in der Zeit um 1000 n.Chr., also der Übergangszeit von Heidentum zu Christentum, entstanden ist. Was aber die einzelnen enthaltenen Motive betrifft, ist man weit von einer halbwegs zuverlässigen Datierung entfernt.

Auf die Völuspá folgen im Codex regius die Hávamál (“Sprüche des Hohen”). Das insgesamt 164 Strophen umfassende Gedicht besteht aus unterschiedlichen Teilen. Der erste Teil enthält allgemeine Lebensweisheiten und wurde daher in der früheren Forschung als “das alte Sittengedicht” bezeichnet. Darauf folgen Lehren zu Liebesdingen und die sogenannten “Odinsbeispiele”, anhand derer das Vorherige verdeutlicht wird, sowie Lehrsprüche, die sich an einen Mann namens Loddfáfnir richten. Bekannt ist vor allem Odins Runenlied, in dem aus der Perspektive Odins berichtet wird, wie dieser sich selbst geopfert an einem Baum hängt und dabei die Runen entdeckt. Man hat diese Szene u.a. mit Christus am Kreuz oder schamanistischen Praktiken in Verbindung bringen wollen. Schließlich folgen noch einige Sprüche, in denen Zauber erwähnt, aber nicht beschrieben werden.

Wie die Hávamál werden auch die beiden folgenden Lieder, Vafþrúðnismál und Grímnismál, der sogenannten Wissensdichtung zugeordnet. Ersteres ist als eine Art mythologischer Wissenswettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafþrúðnir konzipiert, in letzterem ist Odin unter dem Decknamen Grímnir in der Halle König Geirröds und offenbart diesem, zwischen zwei Feuern sitzend, mythologisches Wissen.

Skírnismál oder För Skírnis erzählt, wie der Gott Freyr sich in die Riesin Gerd verliebt. Er schickt seinen Diener Skírnir, um um sie zu werben, muß diesem aber dafür sein Schwert überlassen (weshalb es ihm dann zu den Ragnarök fehlt). Skírnir bringt die widerwillige Riesin durch Fluchdrohungen dazu, einzuwilligen.

In Hárbarðsljóð kommt Thor an einen Sund und will den auf der anderen Seite stehenden Fährmann Harbard (bei dem es sich in Wirklichkeit um Odin handelt) dazu bewegen, ihn überzusetzen. Dieser weigert sich aber und setzt in einem Wortstreit Thors Fahrten ins Riesenland seine unterschiedlichen Liebesabenteuer entgegen.

Die Hymiskviða berichtet den auch an anderen Stellen gut belegten Mythos von Thors Fischzug. Thor fährt mit dem Riesen Hymir zum Fischen aufs Meer hinaus, angelt aber mit einem ganzen Ochsenkopf als Köder die Midgardschlange. Als er sie gerade mit seinem Hammer erschlagen will, schneidet Hymir in Panik die Angelschnur durch und die Schlange sinkt wieder auf den Meeresgrund.

Die Handlung der Lokasenna (“Lokis Schimpfreden”) spielt in der Zeit zwischen der Ermordung Balders und Ragnarök. Loki kommt ungeladen zu einem Gastmahl bei Ägir, wo alle Götter außer Thor, der im Osten Riesen bekämpft, versammelt sind. Er beginnt, sie zu beschimpfen, wirft ihnen Perversität und sexuelle Ausschweifungen vor und spielt dabei auf teils bekannte, teils wohl verloren gegangene Mythen an. Das Lied endet mit der Ankunft Thors; diesem traut Loki zu, ihn in der Halle zu erschlagen und er flieht deshalb. Eine kurze Prosabemerkung am Schluß berichtet noch, wie Loki schließlich gefangen und gefesselt wird. In der Forschung drehte sich die Diskussion meistens darum, ob Beschimpfung der Götter erst in christlicher oder bereits in heidnischer Zeit möglich war. Die meisten nehmen aber an, daß das Gedicht eher spät entstand.

Þrymskviða berichtet davon, wie dem Gott Thor sein Hammer Mjölnir von dem Riesen Thrymr gestohlen wird. Dieser will ihn nur zurückgeben, wenn er Freyja als Braut bekommt. Daraufhin begeben sich Thor und Loki, als Braut und Brautjungfer verkleidet, zu der Hochzeit. Obwohl Thrymr die unbändige Eß- und Trinklust seiner zukünftigen Frau seltsam erscheint, gelingt es den beiden, ihn so lange zu täuschen, bis er Mjölnir bringen läßt. Daraufhin ergreift Thor den Hammer und erschlägt den Riesen. Auch in diesem Fall war die Frage, ob ein solcher “Götterschwank” im heidnischen Norden möglich war oder nicht; das Gedicht scheint aber ebenfalls eher spät verfaßt worden zu sein.

Die Völundarkviða hat als Hauptfigur den Schmied Völund. Sie beginnt damit, daß Völund und seine beiden Brüder auf drei Schwanenmädchen treffen und diese heiraten. Nach neun Wintern verschwinden diese Frauen aber, um über Kämpfe zu entscheiden – sie sind Walküren. Während seine Brüder sich auf die Suche nach ihnen machen, bleibt Völund daheim und schmiedet kostbare Ringe. Als König Nidud davon erfährt, läßt er ihn gefangen nehmen und ihm die Kniesehnen durchschneiden. Völund muß nun für Nidud in einer Schmiede auf einer Insel arbeiten. Als eines Tages die beiden jungen Söhne Niduds vorbeikommen, um Schmuckstücke zu betrachten, schlägt Völund ihnen mit dem Deckel der Truhe die Köpfe ab und macht Trinkschalen daraus, die er dem Königspaar schickt. Als Niduds Tochter Bödvild mit einem zerbrochenen Ring zu ihm kommt, macht er sie betrunken und vergewaltigt sie, woraufhin er sich – offenbar mit von ihm selbst angefertigten Flügeln – in die Luft erhebt und Nidud von seinen Rachetaten berichtet. Der Stoff der Völundsage war auch in Deutschland und England bekannt und die Völundarkviða spielt im Süden. Warum sie im Götterliedteil des Codex regius eingeordnet wurde, ist nicht ganz klar, aber Völund wird wiederholt als “Fürst der Alben” bezeichnet, ist also offenbar hier kein Mensch.

In den Alvíssmál stellt Thor den Zwerg Alvíss zur Rede, der gerade Thors Tochter wegführen will. Er läßt ihn unterschiedliche poetische Namen für Dinge wie Erde, Feuer und Bier aufzählen, und als die Sonne aufgeht, versteinert der Zwerg. Das Lied diente also wohl als eine Art Synonymensammlung und dürfte erst spät entstanden sein. Mit ihm endet der Götterliedteil des Codex regius und der Heldenliedteil beginnt.

An erster Stelle stehen hier die drei Helgilieder Helgakviða Hundingsbana I und II und Helgakviða Hiörvarðssonar. Die Lieder von Helgi Hundingstöter handeln vom Leben dieses Helden. Er und seine Geliebte, die Walküre Sigrun, werden als Helgi Hjörvarðsson und Svava wiedergeboren. Eine genealogische Verbindung zwischen den Helgiliedern und der darauf folgenden Sigurddichtung wird dadurch hergestellt, daß Helgi Hundingstöter als ein Halbbruder Sigurds bezeichnet wird.

Sämtliche restlichen Heldenlieder des Codex regius gehören zum Nibelungenstoffkreis. Im Gegensatz zu dem mittelhochdeutschen Nibelungenlied ist ihr Inhalt aber nicht an hochmittelalterliche höfische Verhältnisse angepaßt, sondern wesentlich urtümlicher. Sie handeln u.a. von dem Völsungen Sigurd, der den Drachen Fáfnir tötet und dadurch dessen Goldschatz erlangt. Er trifft auf die Walküre Brynhild und verlobt sich mit ihr, vergißt sie aber aufgrund eines Zaubertrankes und heiratet stattdessen Gudrun, die Schwester der Gjukungenkönige Gunnar und Högni. Als Gunnar um Brynhild freien, aber nicht das ihren Saal umgebende Feuer durchreiten kann, tauscht Sigurd mit ihm die Gestalt und vollbringt dies, woraufhin die Hochzeit zustande kommt. Brynhild erfährt jedoch später von der Täuschung und bringt die Gjukungen dazu, Sigurd zu ermorden. Brynhild tötet sich, als sie vom Tod Sigurds erfährt, selbst und wird mit ihm zusammen verbrannt. Gudrun wird später mit dem Hunnenkönig Atli verheiratet. Dieser lädt die Gjukungen an seinen Hof, will sie aber töten. Er läßt Högni das Herz herausschneiden und Gunnar in eine Schlangengrube werfen, als dieser sich weigert, ihm das Versteck von Sigurds Schatz zu verraten. Als Rache für ihre Brüder tötet Gudrun ihre gemeinsamen Söhne mit Atli und Atli selbst, zündet die Halle an und verbrennt darin Atlis ganzes Gefolge. Sie will sich selbst anschließend im Meer ertränken, treibt aber bei König Ionakr an Land. Dieser heiratet sie und hat mit ihr drei Söhne; auch Gudruns Tochter mit Sigurd, Svanhild, wächst dort auf. Svanhild wird mit König Jörmunrek verheiratet, doch als dieser meint, sie betrüge ihn mit seinem Sohn, läßt er sie von Pferden zertrampeln. In Hamðismál, dem letzten Lied des Codex regius, wird erzählt, wie Gudrun ihre Söhne Hamdir und Sörli zur Rache an Jörmunrek aufhetzt. Als diese losziehen, will ihnen Erp, ihr jüngster Bruder helfen, doch sie erschlagen ihn. Sie schaffen es, Jörmunrek Arme und Beine abzuschlagen, werden aber selbst getötet, bevor sie ihm den Kopf abhauen können – was Erp vollbracht hätte.

Der in diesen Liedern verwendete Stoff geht teils auf wirkliche Personen und Ereignisse der Völkerwanderungszeit zurück, verbindet aber Geschehnisse, die eigentlich mehrere hundert Jahre auseinanderliegen. Es handelt sich um gemeingermanisches Sagengut, das auch im nordischen Mittelalter noch äußerst beliebt war, wie z.B. Darstellungen auf mittelalterlichen Kirchentüren und auf Runensteinen beweisen. Die Völsunga saga erzählt in Prosaform die Geschichte der Völsungen und schließt außerdem die Lücke des Codex regius, in der wohl ein verloren gegangenes Sigurdlied stand.

Wie alt die einzelnen Lieder des Codex regius sind, ist nicht genau zu sagen. Man kann zwar für eine Datierung von sprachlichen Kriterien ausgehen, wie z.B. alten Ausdrücken oder Wortformen, die später in der Regel nicht mehr verwendet wurden, aber zu einem sicheren Ergebnis führt dies nicht. Klar ist aber, daß die Gedichte zumindest in der vorliegenden Form nicht vor ca. 700 – 800 n.Chr. entstanden sein können, da in dieser Zeit im Norden derartige sprachliche Veränderungen erfolgten, daß damit jegliches Versmaß völlig zerstört worden wäre. Das sagt natürlich nichts über den Inhalt der Lieder aus, der in vielen Fällen wesentlich älter sein kann.

Was ist eddische Dichtung?

Prinzipiell bezeichnet man als eddische Dichtung solche Gedichte, die hauptsächlich die eddischen Versmaße Fornyrðislag, Málaháttr und Ljóðaháttr verwenden. Die eddische Dichtung ist also nicht auf den Codex regius beschränkt, sondern umfaßt ebenso eine ganze Reihe anderer Werke.

Das Fornyrðislag besteht aus 8 Zeilen pro Strophe, wobei in manchen Gedichten die Zeilenanzahl variiert. Je zwei dieser Kurzverse sind durch Stabreim (Alliteration) miteinander verbunden und bilden somit eine Langzeile. Der Stabreim liegt im Anvers auf einer oder zwei der beiden Hebungen, im Abvers nur auf der ersten Hebung. Fornyrðislag ist v.a. in den erzählenden Liedern verwendet worden. Als Beispiel kann die erste Strophe der Völuspá dienen (Stabreim rot markiert):

Hlióðs bið ec allar helgar kindir,
meiri oc minni, mögo Heimdalar;
vildo, at ec, Valföðr, vel fyrtelia
forn spioll fira, þau er fremst um man.

(“Gehör erbitte ich aller heiligen Nachkommen,
größerer und geringerer Söhne Heimdals;
du willst, daß ich, Valvater, gut vortrage,
alte Kunde der Lebenden, das Früheste, an das ich mich erinnere.”)

Das Málaháttr unterscheidet sich vom Fornyrðislag dadurch, daß die Verszeilen mindestens 5 anstatt 4 Silben enthalten. Allerdings ist von den Liedern des Codex regius nur die Atlamál in diesem Versmaß gedichtet.

Im Ljóðaháttr besteht eine Strophe aus zwei Hälften (helmingar). Jede Hälfte hat eine aus zwei Kurzversen bestehende Langzeile und eine Vollzeile. Die Kurzverse der Langzeile sind zweihebig und durch Stabreim miteinander verbunden. Die Vollzeile hingegen hat 2 oder 3 Hebungen und stabt nur in sich sich selbst. Ljóðaháttr ist v.a. in der Wissens- und Spruchdichtung verwendet worden, ein Beispiel ist Hávamál 12 (Stabreim rot markiert):

Era svá gott, sem gott queða,
öl alda sona;
þvíat færa veit, er fleira dreccr,
síns til geðs gumi.

(“Es tut nicht so gut, wie sie es gut nennen,
das Bier den Menschensöhnen;
denn weniger hat der, der mehr trinkt,
Kontrolle über seine Sinne.”)

Eine Variante des Ljóðaháttr ist das Galdralag (“Versmaß für Zaubergesänge”). In diesem wird die Vollzeile meist des ersten Helmings in gleicher oder leicht abgewandelter Form wiederholt, wie z.B. in Hávamál 1:

Gáttir allar, áðr gangi fram,
um scoðaz scyli,
um scygnaz scyli;
þvíat óvíst er at vita, hvar óvinir
sitia á fleti fyrir.

(“Die Türen alle, bevor man eintritt,
sollte man ausspähen,
sollte man anschauen,
denn nicht sicher ist zu wissen, ob Feinde
sitzen auf den Bänken.”)

Ob diese Gedichte wirklich “Lieder” waren, also mittels Gesang und vielleicht mit Musik vorgetragen wurden, ist übrigens unklar, auch wenn manches dafür spricht.

 Andere Eddalieder

Wie bereits erwähnt, gibt es eine Menge anderer Gedichte, die sowohl von formalen als auch inhaltlichen Kriterien her zu den eddischen zu rechnen sind, die aber an anderer Stelle als im Codex regius überliefert sind.

Hierzu gehören z.B. Baldrs draumar (“Balders Träume”), die erzählen, daß Balder in Träumen sein schlimmes Schicksal vorausahnt. Odin befragt daraufhin eine tote Seherin zu den bevorstehenden Ereignissen.

Die Hyndluljóð ist ein genealogisches Gedicht, das in der Flateyjarbók, der umfangreichsten mittelalterlichen isländischen Sammelhandschrift, überliefert ist. Es enthält auch die sogenannte Völuspá inn skamma (“die kurze Völuspá), eine kürzere Nachahmung der eigentlichen Völuspá.

Rígsþula erzählt, wie der Gott Heimdall unter dem Namen Ríg auf der Erde umherwandert und verschiedene Söhne zeugt, die die Ahnväter des Knecht-, Bauern- und Fürstenstammes werden.

Grottasöngr handelt von dem König Frodi, für den die zwei Riesinnen Fenja und Menja auf der Zaubermühle Grotti alles mahlen, was er wünscht, vor allem den berühmten Frodi-Frieden. Da er sie aber ausbeutet, mahlen sie ihm schließlich Krieg und Zerstörung.

In den Vorzeitsagas sind eine Menge Gedichte überliefert, die meistens zu den Heldenliedern zu stellen sind. Zu diesen “Eddica minora” gehören beispielsweise das in der Hervarar saga enthaltene Hunnenschlachtlied (Hlöðskviða), in dem der bei den Hunnen aufgewachsene Hlöd von seinem gotischen Halbbruder Angantyr die Hälfte des Vatererbes verlangt. Weil dieser ablehnt, kommt es zur Schlacht, in der Angantyr gezwungen ist, seinen Bruder zu töten. Das ebenfalls in dieser Saga enthaltene Hervörlied (Hervararkviða) ist ein Dialog zwischen Hervör und ihrem im Grabhügel liegenden Vater Angantyr, von dem sie das fluchbeladene Schwert Tyrfing fordert. Die Bjarkamál, ein altes Heldenlied, das zum Kampf anspornen sollte, sind nur bruchstückhaft erhalten, wurden aber in der Gesta danorum des Saxo Grammaticus ins Lateinische übersetzt. Saxo nennt auch mehrere andere Lieder, die vollständig verloren gegangen sind.

Edda-Übersetzungen

Es gibt zahlreiche Ausgaben sowohl des Originaltextes der Eddalieder als auch von Übersetzungen in unterschiedliche Sprachen. Eine grundsätzliche Frage bei der Übersetzung ist die, ob man den Inhalt möglichst genau wiedergeben will oder mehr Gewicht auf die Beibehaltung der metrischen Form legt und zugunsten dieser unter Umständen eher ungenau übersetzt. Will man den Stabreim und die Silbenzahl der eddischen Versmaße ins Deutsche übertragen, klingt das Ergebnis zwar möglicherweise gut, ist aber meistens sehr weit vom Inhalt des Originaltextes entfernt. Dieses Prinzip wendete Felix Genzmer für seine noch heute sehr beliebte Eddaübertragung an. Aber nicht nur die Ferne vom Original ist ein Nachteil seiner Ausgabe: Er stellte auch die Strophenreihenfolge der einzelnen Lieder teils nach Belieben um. Dazu kommt, daß Genzmer sehr nationalistisch eingestellt war. Er war früh Mitglied in verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen und veröffentlichte Aufsätze in diversen Nazizeitschriften. Dabei vertrat er ein rassistisches Germanenbild, von dem ihm eigentlich hätte klar sein müssen, daß es wissenschaftlich betrachtet völliger Quatsch ist. Seine politische Einstellung spiegelt sich auch in der Sprache “seiner” Edda, in der er z.B. anstatt Worten wie “Mann” oder “er” im Originaltext in seiner Übertragung lieber “der ruhmreiche Recke” oder “Held” und dergleichen schreibt. Daher ist von Genzmer abzuraten.

Wesentlich aktueller und empfehlenswerter ist die Übersetzung Arthur Hänys. Dieser verzichtet auf eine durchgängige Übertragung des Versmaßes und des Stabreimes und bringt den Inhalt dadurch besser zum Ausdruck.

Grundsätzlich muß aber gesagt werden, daß die Bedeutung vieler Stellen in Eddaliedern unklar ist und daher eine “richtige” Übersetzung eigentlich gar nicht möglich ist. Wer sich also vertieft mit diesen Gedichten beschäftigen will, kommt nicht daran vorbei, sich in die altnordische Sprache einzuarbeiten.

Die Übersetzung der Snorra-Edda ist, da sie ja zumindest zu einem großen Teil aus Prosa besteht, wesentlich einfacher. Auch von ihr gibt es recht neue und brauchbare Übersetzungen, z.B. eine von Arthur Häny und eine von Arnulf Krause.


 
   

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