Mythologie und Religion

Die Quellen der germanischen Religionsgeschichte

Über die Religion der Germanen wissen wir relativ wenig. Das Problem beginnt im Prinzip schon damit, dass es eigentlich nicht korrekt ist, von “der” Religion “der” Germanen zu sprechen. Denn hierbei ist die Rede von Glaubensvorstellungen, die über zahlreiche Jahrhunderte hinweg und von verschiedenen, teils weit voeinander entfernt siedelnden Stämmen gepflegt wurden. Im Gegensatz etwa zum Christentum gab es auch keine schriftlich fixierten religiösen Texte; die gesamte Überlieferung geschah also ausschließlich mündlich. Dies bedingt, dass die Glaubensvorstellungen der germanischen Stämme sowohl einer räumlichen als auch einer zeitlichen Veränderung unterworfen waren und man somit nicht von einer einzigen, einheitlichen Religion sprechen kann.

Ein weiteres Problem ist die Spärlichkeit der archäologischen Funde, die sich eindeutig dem religiösen Bereich zuordnen und zudem im Kontext unseres weiteren Wissens interpretieren lassen. So ist es etwa unzweifelhaft, dass es germanische Tempel gab. Bis jetzt hat man allerdings nur äußerst wenige Funde gemacht, die einwandfrei auf solche schließen ließen.

Einiges, was bei Ausgrabungen zutage gefördert wird, zeugt aber dennoch mit großer Wahrscheinlichkeit von den religiösen Bräuchen germanischer Stämme. So hat man beispielsweise Opfergaben wie Waffen oder Tiere in Flüssen und Mooren entdeckt sowie Metallfiguren, die wahrscheinlich Götterbildnisse sind, und andere Kultobjekte, beispielsweise Gefäße. Das Vorhandensein von Grabbeigaben deutet immer darauf hin, dass es sich um ein heidnisches Grab handelt. Reiche Tote wurden in Skandinavien manchmal mit ihrem Schiff beigesetzt, oder man bildete mit Steinen über dem Grab die Form eines Schiffes. Auch Brakteaten, einseitig geprägte, metallische Schmuckscheiben, die oftmals mit Runeninschriften oder Abbildungen aus der Mythologie versehen sind, liefern der heutigen Forschung wichtige Informationen.

Doch bei all diesen Funden gibt es eine Schwierigkeit: Ihre mythologische Deutung. Denn eine Metallfigur kann ohne anderes Hintergrundwissen nicht einem bestimmten Gott zugeordnet werden, ein Schiffsgrab könnte zwar den Glauben symbolisieren, dass der Verstorbene das Schiff für die Reise nach seinem Tod benötigt, es könnte aber auch lediglich eine Repräsentation des gesellschaftlichen Status sein. Und wie ein Kultgegenstand verwendet wurde, lässt sich auf archäologischem Weg nicht erschließen – hier sind schriftliche Quellen gefragt.

Schriftliche Quellen

Die vorchristlichen germanischen Stämme haben – mit Ausnahme der oft schwer deutbaren Runeninschriften – keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Erst mit der Einführung des Christentums kam auch zu ihnen die lateinische Buchkultur und somit die Möglichkeit, umfangreichere Texte aufzuzeichnen.

Die wichtigste erhaltene Quelle über die germanische Mythologie ist die sogenannte Prosa-Edda oder Jüngere Edda des Snorri Sturluson. Snorri, der von 1197 bis 1241 in Island lebte, stammte aus der mächtigsten dort ansässigen Familie. Er war Gelehrter und Politiker und hatte mehrmals das Amt des Gesetzessprechers inne. Seine etwa um 1220 entstandene Snorra-Edda stellt eigentlich ein Lehrbuch für angehende Skalden dar und besteht aus drei Teilen: Im ersten Teil liefert Snorri eine umfangreiche Darstellung der altnordischen Mythologie. Der zweite beschäftigt sich mit den sogenannten Kenningar, in der Skaldendichtung und auch in der Edda häufig vorkommenden Umschreibungen für Ausdrücke, die nur ein Kenner der Mythologie verstehen kann. Somit ist auch dieser Teil in mythologischer Hinsicht interessant. Im letzten Abschnitt seines Werkes erklärt Snorri anhand von mehr als 100 verschiedenartigen Strophen die komplizierte Metrik der Skaldendichtung. Da Island zu dieser Zeit allerdings schon seit 200 Jahren christlich war, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich bei der Snorra-Edda keineswegs um ein zeitgenössisches Zeugnis heidnischer Kultur, sondern um ein Lehrbuch des 13. Jahrhunderts handelt.

Neben der Prosa-Edda gibt es auch die so genannte Ältere oder Liederedda, die lange Zeit fälschlicherweise dem isländischen Gelehrten Sæmundr (1056-1133) zugeordnet wurde. Dieser so genannte “Codex regius” (er befand sich seit 1662 in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen und wurde 1971 an Island zurückgegeben) enthält mehr als 30 Gedichte und Liedfragmente, von denen einige wohl bis auf die Wikingerzeit zurückgehen. Inhaltlich wird die nordische Götterwelt beschrieben und von den Taten großer Könige und Helden berichtet. Zu diesem Textkorpus gehören aber auch einige nicht im Codex regius enthaltene, sondern in anderen Manuskripten überlieferte Gedichte, wie zum Beispiel “Baldrs draumar” oder “Rígsþula”. Nach heutigen Erkenntnissen wurde der Codex regius erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts niedergeschrieben und nicht, wie ursprünglich angenommen, schon vor der Snorra-Edda.

Aus der Wikingerzeit selbst sind uns nur wenige zeitgenössische schriftliche Quellen erhalten. Eine davon verfasste Adam von Bremen, ein Geistlicher, der um 1076 unter anderem einen heidnischen Tempel in Uppsala beschrieb. Dieser sei mit enorm viel Gold geschmückt und den Göttern Odin, Thor und Freyr geweiht gewesen. Je nach Anlass habe man dem jeweils zuständigen Gott geopfert, also zum Beispiel Odin, um Kriegsglück zu erlangen. Adam beschreibt auch ein großes Opferfest, von dem ihm berichtet worden sei. Es seien zahlreiche Tiere und auch Menschen geschlachtet und in die Bäume in der Nähe des Tempels gehängt worden; außerdem habe man obszöne Lieder dazu gesungen.

Ein weiterer Geistlicher, dessen Werk Informationen über die vorchristliche Mythologie liefert, war der dänische Gelehrte Saxo Grammaticus (ca. 1150-1220). Dieser verfasste eine sechzehnbändige Geschichte Dänemarks (die “Gesta Danorum”) in lateinischer Sprache. Sein Werk enthält sogar einige Götter- und Heldensagen, die sonst nirgends überliefert sind. Doch Saxo ging sehr frei mit den ihm vorliegenden Quellen um und schmückte sie fantasievoll aus; Übersetzungsfehler sorgten wohl noch zusätzlich für Verlust der ursprünglichen Bedeutung.

Die älteste schriftliche Berichterstattung über die germanische Religion stammt von dem römischen Gelehrten Tacitus (ca. 55-117 n.Chr.). Dieser verarbeitete in seinen “Annales”, “Historiae” und “De origine et situ Germanorum” auch ältere Berichte, vor allem von Caesar und Plinius, wodurch man über das Leben der Germanen zu Beginn der christlichen Zeitrechnung erfährt. Tacitus liefert zwar keine hauptsächliche Beschreibung der religiösen Sitten der Germanen, erwähnt aber einige interessante Details, so zum Beispiel über kultische Handlungen und die Verehrung von heiligen Hainen.

Von der Romantik bis heute

In Deutschland beschäftigte man sich seit der Romantik (etwa von 1800 bis 1830) verstärkt mit heidnischer Mythologie, was unter anderem eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte als Reaktion auf die verhasste napoleonische Fremdherrschaft war. Man versuchte, das “Mystische” in Malerei, Musik und Dichtung zu verarbeiten.

Erwähnenswert ist auch das Werk der Gebrüder Grimm, deren Märchensammlung jedem bekannt sein dürfte. Jakob Grimm begründete aber quasi auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der germanischen Religionsgeschichte, indem er 1835 sein Buch “Deutsche Mythologie” veröffentlichte.

Am berühmtesten aber wurde die Nibelungensage, deren Stoff schon seit 1780 mehrmals künstlerisch bearbeitet worden ist und schließlich durch Richard Wagners “Ring des Nibelungen” unvorhergesehen populär wurde. Wagner hat allerdings die Mythologie sehr eigenwillig interpretiert und die Siegfriedsage beispielsweise durch das Einbringen von Wotan (Odin) in ihren Grundzügen verändert. Noch heute sind Wagners Fassungen der Nibelungensage stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit präsent als die mittelalterlichen Texte, auf die dieser zurückgriff. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Wagners Werke stark verehrt.

Hitler selbst befasste sich nicht nur mit Wagners Opern, sondern las auch die so genannten “Ostara”-Hefte (Ostara war vermutlich eine germanische Frühjahrsgöttin), die seit 1905 von Adolf Josef Lanz (der sich auch “Lanz von Liebenfels” nannte) herausgegeben wurden und ihren Lesern Ergebnisse der Rassenkunde vermitteln wollte. Beliebt war ebenfalls die Theorie, die “nordische Rasse” stamme von der legendären Insel Thule, die – vergleichbar mit Atlantis – im Meer versunken sei.

Alfred Rosenberg, der wichtigste Ideologe der NSDAP, vertrat ebenfalls derartige Ansichten. Die Erforschung germanischer Religionsgeschichte wurde im Nationalsozialismus stark gefördert und durch zahlreiche Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Mit dem Zusammenbruch des dritten Reiches erfolgte eine gewisse Tabuisierung dieses Forschungsbereichs, die in Teilen bis heute anhält – immer wieder bestärkt durch den auffälligen “Kult” heutiger Neonazis. So kann man beispielsweise beim “Patria-Versand” T-Shirts mit der Aufschrift “Odin statt Jesus” oder “Walhalla” bestellen.

Auch die wachsende Zahl derer, die sich heute als “Heiden” bezeichnen und sich verstärkt mit vergangenen Religionen beschäftigen, trägt wenig zum Abbau von Vorurteilen bei. Denn obwohl viele sich sicherlich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen, scheint es immer noch mehr Personen zu geben, die das “Heidentum” in erster Linie als Vorwand zur Verbreitung ihrer rassistischen Ansichten benutzen oder die mit dubiosen Angeboten im Esoterikbereich eine Menge Geld verdienen wollen.

Die meisten Menschen wissen heutzutage sehr wenig über die vorchristlichen Göttervorstellungen und die Heldensagen. In der Schule werden diese Themen in der Regel nicht oder nur äußerst flüchtig behandelt. Dabei scheint in den letzten Jahren wieder ein gesteigertes Interesse vorhanden zu sein, und dies bei Menschen, die fern jeglichen Ideologie- oder Esoterikverdachts stehen und die sich unvoreingenommen mit der germanischen Religionsgeschichte und Mythologie befassen wollen.

Diese Seiten sollen dazu beitregen, die Beschäftigung mit diesen Themen zu erleichtern und anzuregen.

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