Kristján Ahronson: Into the Ocean. Vikings, Irish, and Environmental Change in Iceland and the North (2015)

Im Isländerbuch, dem ersten Werk zur Geschichte Islands aus den 1120er Jahren, schreibt dessen Verfasser Ari Þorgilsson über die Zeit um 870 n. Chr., während derer laut ihm die ersten skandinavischen Siedler  Island erreichten:

„Zu dieser Zeit war Island von den Bergen bis zur Küste mit Wald bewachsen. Damals waren hier christliche Menschen, die die Nordleute ‚Papar‘ nennen. Aber diese reisten schließlich ab, weil sie hier nicht zusammen mit heidnischen Menschen leben wollten. Sie ließen irische Bücher, Glocken und Krummstäbe zurück, anhand derer man erkennen konnte, dass sie Iren waren“ (meine Übersetzung).

Ein weiteres isländisches Geschichtswerk, das Buch von den Landnahmen (dessen erste bewahrte Fassung aus dem 13. Jahrhundert stammt) greift Aris Aussage auf und verweist zudem auf „englische Bücher“, in denen es heiße, dass es zu jener Zeit Kontakte zwischen Island und Irland gegeben habe. Welche Bücher hiermit gemeint sind, ist unklar.

Bekannt ist allerdings, dass der aus Irland stammende Mönch Dicuil um 825 ein geographisches Werk mit dem Titel De mensura orbis terrae verfasste. In diesem erwähnt er eine Insel namens Thule, die eine sechstägige Schiffsreise vom Norden Britanniens entfernt liege. Diese Insel sei immer unbewohnt gewesen. Dicuil berichtet jedoch auch, er habe vor 30 Jahren einige Geistliche getroffen, die sich vom ersten Februar bis zum ersten August auf Thule aufgehalten hätten. Diese hätten ihm erzählt, dass es dort zur Zeit der Sommersonnenwende nachts noch so hell sei, dass man sogar Läuse aus seiner Kleidung zupfen könne.

Ahronson: Into the Ocean (2015)

Sollte damit – wie es scheint – Island gemeint sein, hätte es also in der Tat Besuche von Menschen dort bereits vor Beginn der Besiedlung durch Skandinavier gegeben. Bislang ist es allerdings nie gelungen, irgendwelche handfesten Beweise für menschliche Präsenz vor der Zeit um 871 n. Chr. auf Island zu finden. In der Forschung wird daher zumeist davon ausgegangen, dass – sollte es sie tatsächlich gegeben haben – diese irischen Eremiten Island nur zeitweise und sporadisch aufsuchten und dass sie den Verlauf der skandinavischen Besiedlung wenig oder gar nicht beeinflussten. Kristján Ahronson, Dozent in Archäologie an der Bangor University in Wales, stellt jedoch in seinem kürzlich erschienenen Buch Into the Ocean Belege verschiedener Art dafür vor, dass sich von den Britischen Inseln stammende Menschen schon lange vor Ankunft der Skandinavier auf Island aufhielten.

So gibt es beispielsweise einige Ortsnamen in Südostisland, die die von Ari genannten ‚Papar‘ als ein Element enthalten, wie etwa den Papafjörður oder die Insel Papey.Über das Alter dieser Ortsnamen gibt es keine Gewissheit und manche Forscher vermuten, sie seien erst im Nachhinein, möglicherweise sogar erst im 12. Jahrhundert geprägt worden und könnten daher nichts über eine tatsächliche irische Präsenz auf Island aussagen. Ahronson hingegen hält es für am wahrscheinlichsten, dass sie auf die Zeit der Ankunft der ersten Skandinavier in Island und auf deren Begegnung mit ‚Papar‘ dort zurückgehen.

Zentral für Ahronsons Argumentation sind etwa 200 menschengemachte Höhlen, die sich überwiegend in Südisland finden und deren genaue Entstehungszeit und früheste Nutzung im Großen und Ganzen unbekannt sind. Ahronson hat zwei dieser künstlichen Höhlen, Kverkarhellir und Seljalandshellar, näher untersucht. Im Fall von Kverkarhellir ist es ihm dabei gelungen, Gesteinsreste aus dem Bereich vor der Höhle zu finden, die er als Abraum aus dem Inneren der Höhle und damit aus deren Entstehungszeit interpretiert. Zwar waren keinerlei menschengemachte Gegenstände oder datierbares organisches Material in dem untersuchten Bereich festzustellen. Doch in Island ist es oft möglich, Funde mit Hilfe von Schichten vulkanischer Asche sehr genau zu datieren, da sich diese einzelnen Vulkanausbrüchen zuordnen lassen. So ist die berühmte ‚Landnahmetephra‘ (die fast in ganz Island präsent ist) auf einen Ausbruch im Jahr 871 (plus oder minus 2 Jahre) zurückzuführen. Unterhalb dieser Schicht sind noch nie Spuren menschlicher Präsenz gefunden worden. Ahronson zufolge lag jedoch ein Teil des Materials, das er als Bauschutt aus der Höhle identifiziert, so weit unterhalb der Landnahmeschicht, dass es dort in der Zeit um 800 n. Chr. oder sogar noch früher abgelagert worden sein muss.

Weitere Belege gewinnt Ahronson durch einen neuen Ansatz, den er als „tephra contouring“ bezeichnet. Dabei werden die Konturen der vulkanischen Ascheschichten dreidimensional erfasst, so dass Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Oberflächen möglich werden, auf die die Asche fiel. Ahronson geht in seiner Studie davon aus, dass ohne menschlichen Einfluss die Landschaft in der Nähe von Kverkarhellir mit Birken bewachsen gewesen wäre. Die durch den Vulkanausbruch um 871 entstandene Ascheschicht müsste daher an den Stellen, wo die Baumstämme waren, Löcher aufweisen. Doch während eine weitere, auf 920 datierte Ascheschicht zwei kreisrunde Löcher enthielt, die Ahronson auf Baumstämme zurückführt, fanden sich in der Schicht von 871 keinerlei derartige Löcher. Hieraus schließt Ahronson, zu dieser Zeit habe es dort statt Wäldern offene Grasflächen ohne jeglichen Baumbewuchs gegeben – der Wald sei offenbar schon zuvor von Menschen gerodet worden.

Schließlich widmet Ahronson eine weitere Teilstudie den zahlreichen Kreuzen, die zu einem unbekannten Zeitpunkt in die Wände der besagten künstlichen Höhlen Seljalandshellar und Kverkarhellir geritzt wurden. Indem er die 24 größten dieser Kreuze mit ähnlichen Exemplaren von den Britischen Inseln vergleicht, kommt er zu dem Schluss, die in den Höhlen auf Island gefundenen Ritzungen wiesen die meisten Übereinstimmungen mit frühmittelalterlichen Kreuzen vor allem aus dem westlichen Schottland auf. Daher stellten sie einen weiteren Beleg für Verbindungen zwischen Island und den Britischen Inseln im 7. und 8. Jahrhundert dar.

So genanntes 'Papakross' am Berg Heimaklettur auf der Insel Heimaey (Vestmannaeyar) vor der Südküste Islands (Foto: Reinhard Hennig).

So genanntes ‘Papakross’ am Berg Heimaklettur auf der Insel Heimaey (Vestmannaeyar) vor der Südküste Islands (Foto: Reinhard Hennig).

Ahronsons Methoden sind zweifellos innovativ und die Belege, die er vorlegt, äußerst spannend. Sollte sich die frühe Datierung der Entstehung von Kverkarhellir bestätigen lassen, wäre damit wohl tatsächlich ein Nachweis menschlicher Präsenz deutlich vor Beginn der nordischen Besiedlung auf Island erbracht. Doch ohne Funde menschlicher Artefakte oder organischen Materials (etwa von Knochen von Nutztieren) bleibt jedenfalls vorerst unsicher, ob es sich bei den von Ahronson dokumentierten Gesteinsresten tatsächlich um von Menschen beim Bau der Höhle abgelagerten Schutt handelt. Auch die Methode des „tephra contouring“ scheint vielversprechend, müsste jedoch in ihrer Zuverlässigkeit wohl erst durch viele weitere Studien bestätigt werden, ehe mit ihrer Hilfe einigermaßen sichere Rückschlüsse auf die früheste Besiedlung Islands gezogen werden können. Ahronsons eigene Untersuchung basierte lediglich auf einer einzigen Testfläche von weniger als 9 Quadratmetern – deutlich zu wenig, um zuverlässige Aussagen über eine möglicherweise von Menschen verursachte Entwaldung einer gesamten Region vor 871 treffen zu können. Der Vergleich von Steinkreuzen liefert zwar interessante Anhaltspunkte auf die mögliche Entstehungszeit der Höhlen, doch von einer sicheren Datierung kann in diesem Fall keine Rede sein. Das Buch liefert somit zwar sehr interessante neue Indizien, aber keinesfalls einen Beweis für menschliche Präsenz in Island vor Beginn der Besiedlung um 871.

Manchmal wäre zudem ein kritischerer Umgang Ahronsons mit den mittelalterlichen schriftlichen Quellen wünschenswert. So führt er beispielsweise mehrmals Adam von Bremens Hamburgische Kirchengeschichte aus der Zeit um 1075 als Beleg für eine frühe Nutzung künstlicher Höhlen in Island an (S. 103 und 149). Darin heißt es, die Isländer kleideten sich in Felle und lebten zusammen mit ihrem Vieh glücklich und zufrieden in frommer Armut in Höhlen unter der Erde. Abgesehen davon, dass sich Adams Äußerung eindeutig auf das 11., nicht auf das 9., 8. oder gar 7. Jahrhundert bezieht, dient sie deutlich einer Idealisierung des Christentums der Isländer in Adams Gegenwart und ihre Aussagekraft in Bezug auf deren tatsächliche Lebensverhältnisse geht gegen Null.

Insgesamt bleiben nach der Lektüre von Ahronsons Buch trotz dessen äußerst interessanter Ergebnisse  viele Fragen offen: Angenommen, die etwa 200 künstlichen Höhlen in Island wären tatsächlich von (dauerhaften oder vorübergehenden) Einwanderern von den Britischen Inseln angelegt worden – wie viel Arbeitskraft und Zeit hätte dafür investiert werden müssen? Würde dies nicht bedeuten, dass eine große Anzahl von Menschen über einen längeren Zeitraum hätte in Island präsent sein müssen – nicht, wie von Dicuil angedeutet, nur ein paar Geistliche für gerade einmal sechs Monate? Wie aber wäre zu erklären, dass bei so vielen anwesenden Menschen bisher noch immer keinerlei eindeutig auf diese zurückzuführenden Artefakte, Gräber oder wenigstens Knochen von mitgeführten Nutztieren gefunden wurden? Und wären die Wälder tatsächlich schon vor 871 großflächig gerodet worden, warum lässt sich dies dann (im Gegensatz zur Rodung ab den 870er Jahren) nicht durch Pollenanalysen nachweisen? Es scheint hier also noch einiges an Potenzial für weitere Forschung zu geben, und Into the Ocean liefert dafür spannende Anregungen.

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